Ein Gnadenhof für die, die nicht mehr "brauchbar" sind

Friderike Schulz

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Die ganz große Liebe: Melanie Howard-Friedland hat wegen ihres Wallachs Granit den Gnadenhof Friedland gegründet. Der Pferde-Opa kann nicht mehr kauen, ist sonst aber lebensfroh. - © Friderike Schulz
Die ganz große Liebe: Melanie Howard-Friedland hat wegen ihres Wallachs Granit den Gnadenhof Friedland gegründet. Der Pferde-Opa kann nicht mehr kauen, ist sonst aber lebensfroh. (© Friderike Schulz)

Büren. „Ich kann nicht die ganze Welt retten, aber diese paar Leben schon", sagt Melanie Howard-Friedland und streichelt dem 32-jährigen Granit über den Hals. Er ist der Grund, warum die 49-Jährige einen Gnadenhof im Kreis Paderborn betreibt. Neben dem Wallach leben sechs weitere Pferde, fünf Katzen und zwei Hunde auf dem Friedland-Hof. Hier dürfen sie bleiben und leben, obwohl sie nicht mehr „brauchbar" sind.

„Als ich Granit das erste Mal sah, war er ein Bild des Jammers. Er stand seit eineinhalb Jahren allein auf der Weide und hatte sich aufgegeben", sagt Howard-Friedland. Die Anzeige, in der jemand gesucht wurde, der sich um das Pferd kümmert, sah sie zufällig.

Gedacht war der Gnadenhof für Katzen, Hunde und Kaninchen

Je öfter sie den Schimmel besuchte, umso mehr wuchs der Wunsch, ihn zu sich zu holen: „Also suchte ich einen Hof." Den fand sie vor zwei Jahren in Büren-Barkhausen. Sie baute den ursprünglichen Hühnerstall zum Pferdestall um und holte den Schimmel samt neuem Begleitpferd, ebenfalls ein Notfall, in ihr neues Zuhause.

Auch wenn Granit den Anstoß zum Gnadenhof gab, so liegen die Wurzeln des Gedankens in der Kindheit der 49-Jährigen, die als Leiterin von Meisterchören und klassische Sängerin bekannt ist. Schon damals habe sie ein enormes Gerechtigkeitsempfinden gegenüber Tieren gehabt, sagt sie: „Ich habe bei Regen die Regenwürmer von der Straße gesammelt, weil ich es nicht ertragen konnte, dass sie zerquetscht wurden." Sie engagierte sich fortan im Tierschutz und träumte vom eigenen Gnadenhof. „Ich dachte eigentlich immer an Hunde, Katzen, Kaninchen - Kleinvieh also", erzählt sie.

Die Paderbornerin hat keines der Tiere gesucht. Sie alle haben sie gefunden und ihre ganz eigenen Geschichten mitgebracht. Da ist zum Beispiel Finni, ein 14 Jahre altes Pony. „Sie wurde schwer misshandelt. Damit sie als Ammenstute funktionierte, wurden ihre Beine gefesselt." Die beiden Minipferde, die an Pfingsten vor einem Jahr über Nacht nach Friedland ziehen mussten, sind so dem Schlachter entkommen.

Alte Tiere bedeuten viel Arbeit 
und hohe Kosten

Das Leben mit den Gnadenhof-Tieren ist aber auch mit viel Arbeit verbunden. So braucht der 32-jährige Granit zum Beispiel Spezialfutter, da er nicht mehr richtig kauen kann: „Er kriegt deshalb ein Heusüppchen und erfreut sich seines Lebens. In einem normalen Reitstall würde sich niemand diese Arbeit machen. Denn als Reitpferd ist er nicht mehr zu gebrauchen." Auch viele der anderen Pferde bekommen besondere Futterzusätze und Behandlungen.

Hinzu kommt die tägliche Stallarbeit: Misten, füttern, tränken, Pferde auf die Weide bringen und so weiter. Melanie Howard-Friedland hat ihre Vierbeiner immer im Blick, dank zahlreicher Kameras auch dann, wenn sie beruflich unterwegs ist.

Dann helfen auch ihre Mutter und ihr Mann. Ansonsten ist sie allein mit der Arbeit und den Kosten. 95 Prozent des Kostenaufwandes trägt Howard-Friedland selbst. „Ich habe mein finanzielles Kontingent erreicht. Platz für Tiere wäre noch da, aber dafür bräuchten wir Spender", sagt sie. Um noch anderen Vierbeinern einen schönen Lebensabend zu gestalten, wenn sie nicht mehr als Sport- oder Nutztier „brauchbar" sind, hat sie deshalb Anfang des Jahres den Verein Gnadenhof Friedland gegründet.

Der Hof ist für sie ein Stück Wiedergutmachung der Gräueltaten, die andere den Tieren angetan haben. Ihnen hat sie ein Versprechen gegeben: „Hier verlässt niemand den Hof zum Schlachten. Hier dürfen die Tiere zur Ruhe kommen und endlich leben."

Gnadenhöfe in Ostwestfalen-Lippe

Ein Gnadenhof bietet Tieren bis zum Ende ihres Lebens ein Zuhause. Meist sind es Pferde, die nicht mehr geritten werden können oder für ihre Besitzer zu teuer geworden sind, für die ein Platz gesucht wird. Es wird zwischen privaten und öffentlichen Gnadenhöfen unterschieden. In OWL gibt es drei öffentliche Gnadenhöfe im Kalletal, in Rheda-Wiedenbrück und in Rietberg. Die meisten Gnadenhöfe sind privat und schwer auffindbar.

„Das liegt daran, dass alle Höfe voll sind und sie die Flut von Anfragen vermeiden wollen", sagt Brigitta Brockmann vom Bund für Tier- und Naturschutz OWL. Ina Schweigert vom Gnadenhof „4seasons" in Rheda-Wiedenbrück hat jährlich mehr als 200 Anfragen, schätzt sie in OWl auf ein Vielfaches. „Hinzu kommen viele Halter, die ihr Pferd ohne Platzsuche zum Schlachter bringen."

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