Überforderung in den Sommerferien

Carolin Nieder-Entgelmeier

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Gestresst: Laut einer Umfrage lernen 59 Prozent der Schüler regelmäßig in den Ferien. - © Symbolbild Fotolia
Gestresst: Laut einer Umfrage lernen 59 Prozent der Schüler regelmäßig in den Ferien. (© Symbolbild Fotolia)

Bielefeld. „Wissenslücken innerhalb weniger Stunden aufarbeiten und nach den Ferien mit Erfolg durchstarten“: Mit Slogans wie diesem werben immer mehr Nachhilfeinstitute für Ferienkurse. Mit dem Beginn der Sommerferien in NRW buhlen die Anbieter um Eltern, die ihren Kindern die Wiederholung einer Klasse ersparen oder die gymnasiale Empfehlung ermöglichen wollen. Experten warnen jedoch davor, Kinder während der Ferien zu überfordern, ob mit durchstrukturierten Stundenplänen in Nachhilfeinstituten oder zu Hause.

„Kinder und Jugendliche benötigen ebenso wie Erwachsene regelmäßige Auszeiten. In den Ferien sollten Schüler die Möglichkeit zum Entspannen bekommen“, sagt der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann. „Das ist wichtig für Schüler, um Abstand vom schulischen Alltag und schlechten Noten zu gewinnen.“ Auch vor Nachprüfungen, die in der Regel wenige Tage vor Beginn des neuen Schuljahres geschrieben werden, sollten Kindern zunächst den Kopf frei bekommen, fordert der Paderborner. „Wenn sich Schüler in den Ferien erholen können, können sie auch mit neuer Energie das nächste Schuljahr beginnen“, ergänzt die stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in NRW, Maike Finnern. Deshalb plädiert auch die Bielefelderin dafür, dass Eltern nicht die kompletten Sommerferien für ihre Kinder durchplanen.

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Stress

Laut einer repräsentativen Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2015 leidet jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche in Deutschland unter deutlichem Stress. Der bedeutsamste Faktor für kindlichen Stress: Eine auf Leistung und Erfolg orientierte Erziehungspraxis.

Beide Gewerkschaften lehnen auch den Vorschlag von Nachhilfe von Lehrern in den Ferien des Dortmunder Bildungsforschers Wilfried Bos ab. 2016 mussten in NRW über 55.000 Schüler ein Schuljahr wiederholen. „Man sollte darüber nachdenken, ob immer alle Lehrer sechs Wochen in die Ferien fahren müssen oder ob man nicht einigen ein Angebot macht: Du kriegst 5.000 Euro extra und arbeitest mit schwächeren Schülern nach“, erklärte Bos.

GEW und VBE fordern stattdessen, dass das System Schule so ausgestattet wird, dass Lehrer im laufenden Schuljahr individuell fördern können, damit Sitzenbleiben eine Ausnahme bleibt. „Schwache Leistungen zeichnen sich nicht erst am Ende des Schuljahres ab, deshalb kann mit ausreichend Personal das Wiederholen von Klassen vermieden werden“, sagt Finnern. Die derzeitige Personalsituation lasse diese Förderung jedoch häufig nicht zu, ergänzt Beckmann.

Mit der Warnung vor einer Überforderung von Schülern in den Sommerferien wollen Finnern und Beckmann jedoch nicht gleichsetzen, dass überhaupt nicht gelernt wird. „Wichtig ist, dass Eltern keinen Druck ausüben, sondern mit ihren Kindern entwickeln, wie sie sich beispielsweise auf eine Nachprüfung vorbereiten können“, sagt Beckmann.

Von Druck rät auch die Bielefelder Psychologin Elke Wild ab: „Wenn Eltern Druck ausüben, empfinden das Kinder und Jugendliche als Einmischung und das hat kontraproduktive Auswirkungen auf die Lernentwicklung.“ Wild ist Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Bielefeld und erforscht den Einfluss des Elternhauses auf die Lernentwicklung von Kindern und Jugendlichen.

„Grundsätzlich ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche in den Ferien Zeit zum Krafttanken haben“, sagt Wild. „Die meisten Schüler freuen sich auf die Ferien, weil sie entspannen können und den Tag auch Mal unstrukturiert angehen können. Sie freuen sich nach sechs Wochen aber dann auch wieder auf den Beginn des neuen Schuljahres.“

Zeit zum Krafttanken bedeute aber nicht, dass Kinder und Jugendliche während der Ferien überhaupt keine Lernanregungen mehr bekommen sollten, erklärt die Psychologin. „Denn Lernen sollte Spaß machen.“ Wild empfehlt Eltern deshalb, dass sie mit ihren Kindern dosierte Lerneinheiten erarbeiten und Lernen so in den Alltag integrieren, dass es ihre Kinder nicht als solches erleben. Wie zum Beispiel beim abendlichen Vorlesen oder beim Abzählen des Geldes an der Supermarktkasse.

„Untersuchungen belegen, dass Eltern Widerstände vermeiden können, wenn sie schulähnliche Situationen in formellen Rahmen vermeiden und stattdessen in Gesprächen zum Lernen motivieren“, erklärt Wild.
Die Psychologin empfiehlt Eltern deshalb auch, dass sie ihren Kindern in Gesprächen vermitteln, welche positiven Auswirkungen Lernen auf ihr Leben hat, weil sie dadurch zum Beispiel weniger Sorgen haben oder nicht länger gehänselt werden. „Bei Jugendlichen ab der Mittelstufe lassen sich diese Gespräche auch mit konkreten Zielen wie Schulabschlüssen oder Berufswünschen verknüpfen.“

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