Diskussion: AfD will Englischunterricht in Grundschulen abschaffen

Janina Raddatz und Florian Pfitzner

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Englischunterricht (© Symbolbild Pixabay)

Düsseldorf. Eine Untersuchung der Ruhr-Universität Bochum hatte im Mai für Aufsehen gesorgt. Die Verfasser äußerten sich darin sehr kritisch zum Englischunterricht in der ersten Klasse der Grundschule. Sie monierten, dass Kinder, die so früh diese Fremdsprache lernen, mittelfristig schlechter Englisch beherrschen als Kinder, die erst in der dritten Klasse einsteigen. Nun hat das Thema die Politik erreicht und die neue NRW-Schulministern Yvonne Gebauer will reagieren.

Nach einer heftigen Debatte im Landtag kündigte die FDP-Politikerin an, die Rahmenbedingungen für Englisch in der Grundschule zu überprüfen. Allerdings zielt sie auf die Lehrpläne ab und nicht auf die prinzipielle Frage, ob der Englischunterricht zu früh stattfindet. 2003 hatte NRW den frühen Englisch-Start schon in der Primarstufe eingeführt. Damals waren zwei Wochenstunden zunächst in der dritten und vierten Klasse installiert worden, später schon ab der zweiten Hälfte des ersten Schuljahrs.

Übergang von Grundschule zu Gymnasium gelingt nicht

Gerade an Letzterem übten die Bochumer Wissenschaftler Kritik. Die Schüler bräuchten bei einem so frühen Einstieg mehr Wochenstunden, um davon zu profitieren. In der bisherigen Form bringe der Versuch wenig und sollte eher ab der dritten Klasse stattfinden. Kritisiert wurde auch, dass sich der Unterricht in der Primarstufe in der Methodik extrem von dem später im Gymnasium unterscheide. Der Übergang gelinge nicht.

Die AfD hatte im Landtag nun beantragt, gleich den ganzen Englischunterricht in der Grundschule zu streichen – zugunsten von Deutsch und Mathematik. Ein Vorstoß, der bei allen Parteien auf Kopfschütteln stieß. CDU und SPD erklärten, es sei bei der Einführung des Sprachunterrichts nie darum gegangen, „dass Englisch eines der anderen Fächer verdrängt". Schulministerin Gebauer sagte, der Antrag schieße „über das Ziel hinaus". Die Sozialdemokraten forderten bundesweit einheitliche Standards. Hier könne NRW eine Vorreiterrolle spielen.

Lehrer zeigen sich über den Vorschlag entsetzt

Doch was sagen die Lehrer zu der Debatte? „Den Englischunterricht in der Grundschule abzuschaffen, ist definitiv nicht zielführend", meint Stefan Behlau, stellvertretender Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Er zeigt sich über den Vorschlag entsetzt. Insbesondere Englisch sei als Fremdsprache für Kinder wichtig, um nicht nur im späteren Schulleben, sondern auch in der beruflichen Zukunft voranzukommen. „Je früher Kinder mit der englischen Sprache in Berührung kommen, desto einfacher haben sie es hinterher. Mehrsprachigkeit hat immense Vorteile", so Behlau. Alles wachse in der heutigen Welt zusammen, und nun werde mit der Abschaffung des Englischunterrichtes etwas gefordert, worüber es „gar keine Diskussion geben darf".

Auch Dorothea Schäfer, NRW-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), hat eine klare Meinung: „Ich halte von der Abschaffung des Englischunterrichts gar nichts. Es gab in den vergangenen Jahren so viele Fortbildungen und andere Bemühungen, um Kindern die englische Sprache spielerisch beizubringen." Ein Beispiel dafür sei das gemeinsame Singen und Verstehen von englischen Liedern. Und jetzt wolle man „das Rad einfach zurückdrehen"? Dies sei der falsche Weg, dem Lehrermangel an Grundschulen zu begegnen.

Kinder sind lernfähig

Sicher müsse man Lehrpläne überprüfen und gemeinsam mit den Lehrkräften Unterricht planen. Aber durch derartige Vorschläge zeige sich eine große Beunruhigung an Schulen. Diese trage keinesfalls dazu bei, Lehrkräfte zu gewinnen.

Im Bezug auf Kinder, die von Haus aus bereits mit einer anderen Muttersprache als Deutsch aufwachsen, sind Behlau und Schäfer einer Meinung. Kinder seien sehr lernfähig. Wenn ein Kind zuhause bereits mit Türkisch, Russisch oder Polnisch aufwachse, dann Deutsch hinzukomme und in der Schule mit Englisch eine weitere Sprache erlernt werde, habe man mit dem spielerischen Lernen gute Erfahrungen gemacht.

Beers couragierter Auftritt gegen die Rechtspopulisten

Attackiert die AfD: Sigrid Beer von den Grünen. - © Marcel Kusch/dpa
Attackiert die AfD: Sigrid Beer von den Grünen. (© Marcel Kusch/dpa)

Und dann reicht es Sigrid Beer: „Sie schreien mich hier nicht nieder", raunt die Grünen-Abgeordnete aus Paderborn vom Redepult. Die Männer der AfD-Landtagsfraktion dröhnen schon eine Weile in ihre Ausführungen, als Beer ihnen vor Augen hält, wie weit sie mit ihrem Antrag zum Englischunterricht vom Humboldtschen Bildungsideal entfernt liegen. Der AfD-Abgeordnete Helmut Seifen hat zuvor einen „massiven Mangel im Deutschen" beklagt. In der Einführung des Prüfungsfachs Englisch sieht er eine Zutat für ein „unbekömmliches Allerlei".

Bei der Vorstellung des „rückwärtsgewandten Antrags" (CDU) dominiert die übliche AfD-Rhetorik. Mit seiner Kritik an „Vielfaltslehrern" liefert Ex-Oberstudiendirektor Seifen eine Vorlage für eine scharfe Replik der Grünen. Bereits am Vortag habe er in einem „unsäglichen Beitrag" zu Europa mit Begriffen hantiert, die nicht nur an AfD-Rechtsausleger Björn Höcke erinnerten, sagt Sigrid Beer. Seifen spiele „das Spiel von Biedermann und Brandstifter". Die Paderbornerin fragt: „Wie kann es sein, dass jemand, der sich einen solchen Auftritt in diesem Plenum erlaubt, einmal Direktor eines Gymnasiums in NRW war?"

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