Ärzte befürchten Notstand in OWL

Carolin Nieder-Entgelmeier

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Viele Augenärzte, insbesondere in ländlichen Regionen wie OWL, finden keine Nachfolger.  - © FOTO: DPA
Viele Augenärzte, insbesondere in ländlichen Regionen wie OWL, finden keine Nachfolger.  (© FOTO: DPA)

Espelkamp/Düsseldorf. Die Medizinerausbildung in Nordrhein-Westfalen ist in Bewegung: Die Universität Bochum bildet Ärzte in Kliniken in den Kreisen Minden-Lübbecke und Herford aus und die geplante medizinische Fakultät der Universität Bielefeld soll 2021 ihre Arbeit aufnehmen. Ostwestfalen-Lippe ist nicht länger weißer Fleck in der Medizinerausbildung.

Eine medizinische Unterversorgung droht der Region nach Einschätzung von Experten trotzdem, denn bis Medizinstudenten der Versorgung zugutekommen, dauert es zehn bis 15 Jahre. Deshalb appelliert der Vorsitzende des Berufsverbands der Augenärzte in OWL, Gerd Kirschstein, in einer Petition an Landtag und Bundestag für Sofortmaßnahmen.

Kirschstein schlägt vor, pro Semester mindestens 20 zusätzliche Studienplätze am Medizincampus Minden zu schaffen, an dem seit 2016 angehende Ärzte der Universität Bochum die letzte Phase ihrer Ausbildung, den klinischen Teil, absolvieren. „Diese Studienplätze sollten bevorzugt deutsche Medizinstudenten bekommen, die derzeit aufgrund einer nicht ausreichenden Abiturnote im Ausland studieren, aus OWL kommen und mit der Region verbunden sind", sagt Kirschstein. „Mit der Maßgabe, dass sich die Studenten dazu verpflichten, für fünf bis zehn Jahre als Arzt in OWL tätig zu sein."

Studenten in der klinischen Phase der Medizinerausbildung haben den theoretischen Teil der Ausbildung bereits absolviert. „Daher kommen sie der Versorgung schneller zugute als Studienanfänger und wissen eher, ob sie sich als Arzt niederlassen wollen oder nicht", ergänzt Kirschstein. „Aktuelle Anreize wie finanzielle Zuschüsse vom Land reichen nicht aus, um Ärzte für eine Praxis auf dem Land zu begeistern."

Kirschstein arbeitet seit 24 Jahren als niedergelassener Augenarzt in seiner Praxis in Espelkamp im Kreis-Minden-Lübbecke. „In den vergangenen Jahren haben gleich mehrere Kollegen in Lübbecke, Rahden und anderen Kommunen des Kreises ihre Praxen schließen müssen, weil sie trotz mehrjähriger Suche keine Nachfolger gefunden haben", erklärt Kirschstein.

Schwierig sei die Situation auch bei anderen Fachärzten und besonders dramatisch bei Haus- und Kinderärzten. „Viele meiner Patienten haben keinen Hausarzt mehr und finden keinen Kinderarzt. In so einer kinderreichen Stadt wie Espelkamp gibt es beispielsweise nur noch einen Kinderarzt", moniert Kirschstein. Ähnliche Probleme hätten auch Kliniken. „Weil sich immer weniger Assistenzärzte bewerben, musste beispielsweise das Krankenhaus Rahden Stationen schließen."

Als Vorsitzender des Berufsverbands der Augenärzte in OWL weiß Kirschstein, dass auch der Rest der Region unter Ärztemangel leidet. Die Folgen: Praxisschließungen, Vergreisung der Ärzteschaft, mehr Filialpraxen mit ständig wechselnder Ärzteschaft, weitere Fahrtwege und längere Wartezeiten für Patienten und schließlich die Unterversorgung. „OWL ist im Bereich der medizinischen Versorgung eine Notstandsregion", sagt Kirschstein.

Der gesetzliche Sicherstellungsauftrag für die flächendeckende ärztliche Versorgung liegt bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). Die augenärztliche Versorgung in OWL ist laut KVWL stabil. Im Kreis Höxter liegt die Versorgungsquote bei 90 Prozent und im Kreis Gütersloh bei 121 Prozent. Die hausärztliche Versorgung gilt in OWL ebenfalls als stabil, allerdings nicht mehr flächendeckend, da in einigen Bereichen der Versorgungsgrad unter 80 Prozent liegt.

Formell gilt also noch keine Unterversorgung, doch die KVWL bezieht sich auf statistische Größen. So gilt in OWL als durchschnittlicher Versorgungsgrad von 100 Prozent, wenn auf 1.665 Einwohner ein Hausarzt kommt. Dieser Wert berücksichtigt aber weder, ob eine Stadt auch für das Umland eine Versorgungsfunktion hat, noch, wie alt die Bevölkerung ist.

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