Wirtschaft in OWL kämpft um Flächen für die Industrie

Martin Krause

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Nachdenklich an einem Tisch: Hauptgeschäftsführer Thomas Niehoff und IHK-Präsident Wolf D. Meier-Scheuven (IHK Bielefeld, v. l.), Handwerkspräsidentin Lena Strothmann, Hauptgeschäftsführerv Axel Martens (IHK Lippe) und der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Wolfgang Borgert (Handwerkskammer). ⋌ - © Foto: Oliver Krato
Nachdenklich an einem Tisch: Hauptgeschäftsführer Thomas Niehoff und IHK-Präsident Wolf D. Meier-Scheuven (IHK Bielefeld, v. l.), Handwerkspräsidentin Lena Strothmann, Hauptgeschäftsführerv Axel Martens (IHK Lippe) und der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Wolfgang Borgert (Handwerkskammer). ⋌ (© Foto: Oliver Krato)

Bielefeld/Detmold. Die drei Wirtschaftskammern in OWL fordern für die wirtschaftliche Entwicklung der Region mehr Spielraum. Gemeint sind zusätzliche Flächen und Standorte für Unternehmensansiedlungen, Betriebserweiterung oder Verlagerungen. Die Industrie- und Handelskammern in Bielefeld und Detmold sowie die Handwerkskammer OWL sind sich in diesem Punkt einig und äußern sich entsprechend im „Fachbeitrag der Wirtschaft zum Regionalplan OWL 2035", der unter dem Titel „Flächen für die Zukunft" an die Bezirksregierung in Detmold gerichtet ist. Der Regionalplan soll bis 2022 aufgestellt werden.

Sorge bereitet allen Kammervertretern der diagnostizierte „deutliche Engpass an Wirtschaftsflächen". Die im derzeit noch gültigen Regionalplan von 2001 ausgewiesenen Flächenreserven für Wohnen und Gewerbe seien „nach 15 Jahren fast aufgebraucht", stellte der Bielefelder IHK-Präsident Wolf D. Meier-Scheuven bei der Vorstellung des Werks fest. Auf der einen Seite gebe es eine hohe Investitionsbereitschaft in OWL und eine überdurchschnittliche, positive wirtschaftliche Entwicklung. So sei die Wirtschaftsleistung der Region (BIP) seit 2009 um 19,4 Prozent gestiegen, deutlich stärker als auf NRW-Ebene mit 15 Prozent Zuwachs.

Auf der anderen Seite gebe es kaum noch verfügbare Flächen. Der Erschließung neuer Flächen stünden hohe Hürden durch Natur- und Landschaftsschutz entgegen, zudem gebe es eine starke Flächenkonkurrenz mit der Landwirtschaft. Selbst ausgewiesene freie Gewerbeflächen seien oft nicht nutzbar, beklagte Axel Martens, der Hauptgeschäftsführer der IHK Lippe. Manche Grundstücke würden als Reserveflächen vorgehalten oder die Eigentümer wollen sie nicht verkaufen.

Erwartet wird, dass die Städte und Gemeinden in OWL für ihre Entwicklung bis zum Jahr 2035 einen Flächenbedarf von insgesamt rund 2.000 Hektar (20 Quadratkilometer) anmelden. Als netto nutzbare Gewerbefläche gehe es OWL-weit tatsächlich um 600 bis 800 Hektar, schätzt Harald Grefe, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK Bielefeld. Dies entspreche einer Erweiterung der heute in der Region genutzten Gewerbeflächen von gut 9.200 (nach anderen Angaben 9.700) Hektar um sechs bis neun Prozent.

Allein das Handwerk sehe für Bielefeld in den kommenden Jahren einen Bedarf von 25 Hektar, wie Wolfgang Borgert sagte, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer OWL.

Als unzureichend betrachten die Wirtschaftsvertreter eine Beschränkung von Neuansiedlungen auf vorhandene Brachflächen – diese seien in OWL oft eher kleinteilig und ungünstig gelegen, so Martens. Sinnvoll sei eine realistische Brachflächenpolitik. Ein weiterer Ansatzpunkt sei die Förderung von Kooperationen etwa zur Einrichtung interkommunaler Gewerbegebiete.

Wohl angesichts der verbreiteten Bedenken gegen Flächenversiegelung und Zersiedelung und wegen der Widerstände gegen die Zerstörung von Naturräumen plädieren die Kammervertreter für eine Versachlichung der Diskussion. „Die Unternehmen sind keine Flächensünder", betont IHK-Präsident Meier-Scheuven. Nach Berechnungen des Landes betrage der Anteil von Gewerbe und Industrie an der Gesamtfläche in OWL nur magere 1,49 Prozent, in NRW hingegen mehr als 2,1 Prozent.

„Unsere mittelständischen Unternehmen beanspruchen weniger Fläche als vielfach in der Öffentlichkeit angenommen und gehen verantwortungsvoll damit um." Die größten Steigerungsraten gebe es bei den Flächen für Wohnraum.

Von der Digitalisierung erwartet die Wirtschaft keine generelle Flächenersparnis. „Die digitalisierte Industrie hat Zukunft und damit auch Flächenbedarf", betonte Meier-Scheuven. Er erwarte sogar, dass Produktion künftig wieder aus dem Ausland nach Deutschland zurückkehre.
Zufrieden äußerten sich die Kammervertreter über die Bereitschaft der Landesregierung zu Korrekturen am Landesentwicklungsplan: Das gelte mit Blick auf Flächen für Firmen ebenso wie hinsichtlich der gleichberechtigten Perspektive des Flughafens Paderborn.

Information

Handwerk in der Nachbarschaft

Handwerkspräsidentin Lena Strothmann wirbt im Hinblick auf den Gewerbeflächenbedarf für „verdichteten Gewerbebau". Als intelligente Lösung sieht sie die Einrichtung sogenannter „Gewerbehöfe", in denen Arbeiten und Wohnen in direkter Nachbarschaft ermöglicht wird.

In München gebe es zehn dieser Gewerbehöfe. Das Nebeneinander von Wohnungen und Arbeitsplätzen senke Verkehr und Umweltbelastung.
Viele Handwerke vom Bäcker bis zum Textilreiniger seien „unverzichtbar für die Lebendigkeit von Stadt- und Ortszentren", so Strothmann. Das passende Planungsinstrument sei die neu geschaffene Baugebietsform „urbanes Mischgebiet".
Ein Beispiel in OWL sei die Neunutzung der alten Brennerei in Isselhorst.

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