„Hinterland of Things“: Querdenker beflügeln Mittelständler

Start-up-Konferenz bietet digitaler Gründerszene und namhaften Familienunternehmen eine Gelegenheit zum lockeren Austausch

Andrea Frühauf

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Auf dem Podium: Oetker-Chef Albert Christmann, Christian Miele, Astrid Maier und Maximilian Viessmann (v.l). - © Barbara Franke
Auf dem Podium: Oetker-Chef Albert Christmann, Christian Miele, Astrid Maier und Maximilian Viessmann (v.l). (© Barbara Franke)
TV-Moderator und Rapper: Amiaz Habtu aus Köln. - © Barbara Franke
TV-Moderator und Rapper: Amiaz Habtu aus Köln. (© Barbara Franke)

Bielefeld. Die witzigen Bilder auf den Getränkedosen scheinen Albert Christmann, Chef der Oetker-Gruppe, zu beeindrucken. Mit seinem Smartphone lichtet der Konzernchef im Zuschauerraum die digitalen Fotos ab, die der Berliner Einhorn-Gründer Philip Siefer (19 Beschäftigte) auf dem Podium plakativ an die Wand wirft. Siefer hat eine Woche lang den Chefsessel mit Matthias Ortner, Chef der Wiener Brauerei Ottakringer (176 Mitarbeiter), getauscht, wie er erzählt. Und dabei habe er auch manches anders gemacht.

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Im Bielefelder Ringlokschuppen treffen namhafte Familienunternehmer auf prominente Start-up-Gründer wie Xing-Erfinder Lars Hinrichs und internationale Digital-Experten. 250 Gäste sind zur ersten Konferenz „Hinterland of Things" der Founders Foundation geladen. Bei der Konferenz geht es sehr locker zu. Das Publikum darf den Talkgästen Fragen per Smartphone schicken.

Vegane Kondome und witzige Design-Dosen

Einhorn-Gründer Siefer, der mit seinem Start-up vegane Kondome in bunten Verpackungen fertigt, schildert, wie er vor der Brauerei in Wien gleich ein Foto mit dem „neuen Chef" und der fröhlichen Belegschaft machen ließ. „Das hat zehn Minuten gedauert statt drei Monate", verweist er auf den Unterschied zum offiziellen Unternehmensfoto. Bei Verpackungen achte die Brauerei zwar auf Nachhaltigkeit, sei dabei aber nicht modern. So kamen witzige Bildchen auf neue Design-Dosen.

Blick in den vollen Zuschauersaal: Frauen waren eher die Ausnahme – ebenso eingenickte Teilnehmer (vorne). - © Barbara Franke
Blick in den vollen Zuschauersaal: Frauen waren eher die Ausnahme – ebenso eingenickte Teilnehmer (vorne). (© Barbara Franke)

Auch beim Onlineshop half Siefer der Brauerei auf die Sprünge, da Kunden das im Internet bestellte Bier noch selbst abholen mussten. Siefer schrieb dem Deutschland-Chef von Amazon. Der Brief mit dem peppigen Brauerei-Foto zeigte Wirkung. Geht nicht, gibt es für Siefer nicht. Und: „Weil etwas schon immer so gemacht wurde, ist das kein Grund, so weiterzumachen", konstatiert der Querdenker.

Unternehmertum braucht verrücktes Denken

Zu erfolgreichem Unternehmertum gehöre auch „verrücktes Denken", betont Founders-Chef Sebastian Borek. Dabei denkt er etwa an Tesla-Gründer Elon Musk, der gerade seine erste Weltraumrakete startete. Auch der Welterfolg von Mieles Waschmaschinen sei einst undenkbar gewesen. „Die waren anfangs so teuer wie ein Kleinwagen." Mittelständler und Start-up-Gründer haben laut Borek manche Gemeinsamkeit. „Die Ablehnung eines Risikos ist für Unternehmen das größte Risiko", zitiert er Reinhard Mohn, den einstigen Bertelsmann-Patriarchen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg habe sehr viele Jahre später Ähnliches gesagt: „Die einzige Strategie zum Scheitern ist, keine Risiken einzugehen."

Gefragt bei TV-Reportern: Albert Christmann. - © Barbara Franke
Gefragt bei TV-Reportern: Albert Christmann. (© Barbara Franke)

Es gehe darum, „das Tier im Mittelstand zu wecken, damit der einen digitalen Sprung nach vorne macht", sagt die Journalistin Astrid Maier, die selbst ein Start-up gründete. Unternehmen müssten mit der Digitalisierung vor allem Tempo aufnehmen, sagt Schüco-Chef Andreas Engelhardt. Der Fassadenhersteller hat an seinem Bielefelder Stammsitz zwei Start-ups gegründet (zwei Architektur-Plattformen) und sich an einem weiteren beteiligt. Neben dem Firmengelände hat Schüco ein Gebäude gekauft, das nun umgebaut wird. Dort sollen die Start-ups sitzen und digitale Themen entwickelt werden. „Wir machen das nicht in Berlin, sondern direkt neben der Zentrale", betont Engelhardt. Schüco schickt stattdessen Scouter wie den Architekten Marco Thiess (36) zur Ideensuche in die weite Welt – etwa nach Berlin, Tel Aviv oder ins Silicon Valley. Ziel der Start-ups sei es, Kunden bei der Produktlösung mit digitalen Prozessen schneller zu helfen.

Marke Dr. Oetker von unsagbarem Vorteil

„Die Marke Dr. Oetker hat einen unsagbaren Vorteil", sagt Oetker-Chef Christmann. Kompetentes Backen lasse sich mit künstlicher Intelligenz nicht so schnell aufbauen. Allerdings sei auch die digitale Transformation wichtig. Die Marke allein reiche nicht. Oetkers Digital Lab in Berlin (60 Mitarbeiter) schuf die App Backen.de. „Wir sind zu den Verbrauchern gegangen und haben zugeguckt, wie die backen", so Christmann. „Wir haben in acht Wochen eine Million User gehabt. Vor allem unter 35-Jährige."

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