Mythos Hermannslauf: Was macht den Flair des Laufes aus?

Arne Bensiek

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Kurz vor dem Start in Detmold. - © Archivbild: Nele Wehmöller
Kurz vor dem Start in Detmold. (© Archivbild: Nele Wehmöller)

Herr Schlüter, lange bevor Ihnen die Idee zum Hermannslauf kam, waren sie als junger Läufer an den Lämershagener Treppen unterwegs. „Da löppt er wieder, der Verrückte", hat man Ihnen in Platt hinterhergerufen. Kamen Sie sich damals, mit 17 Jahren, auch so verrückt vor?

Wolfgang Schlüter: In meiner Kindheit habe ich eine Weile in Essen gelebt, zu einer Zeit, als der dichte Smog noch über dem Ruhrgebiet hing und man morgens mit dem Finger seinen Namen auf die Fensterbank schreiben konnte. Ich war Asthmatiker und habe mit dem Laufen angefangen, weil es mir Spaß machte und guttat. Zurück in der Heimat bin ich als Abiturient dann Läufer der 3 x 1.000-Meter-Staffel der Bielefelder Turngemeinde gewesen und zum Beispiel gegen den Olympiadritten Herbert Schade angetreten. Ich fand das eher aufregend als verrückt.

Wie sind Sie dann von der Aschenbahn in den Wald gekommen?

Schlüter: Während meines Jura-Studiums in Freiburg habe ich bei Woldemar Gerschler trainiert, dem besten Leichtathletik-Trainer seiner Zeit. Gerschler hat immer kurze und schnelle Intervalle propagiert. Aber ich habe gemerkt, dass dieses Training die Leute auf Dauer kaputtmacht. Also bin ich am Wochenende quasi zur Erholung vier, fünf Stunden durch den Wald gelaufen, hoch auf den Schauinsland oder den Feldberg und wieder runter. Vielleicht war das der frühe Ursprung der späteren Idee zum Hermannslauf. Denn wenn ich von meinen Landschaftsläufen aus dem Wald kam, hatte ich immer ein Lächeln im Gesicht.

Neben Ihrer Arbeit als Anwalt, Notar und Dozent haben sie Expeditionen in den Himalaya gemacht, Erstbesteigungen auf allen Kontinenten und diverse 100-Kilometer-Läufe. Kam Ihnen der Hermannslauf nicht von Anfang an zu klein vor?

Schlüter: Nein, im Gegenteil. Peter Gehrmann, Mitstreiter der ersten Stunde, und ich haben sogar die ursprüngliche Idee verworfen, das Hermannsdenkmal zum Ziel zu machen. Unsere Angst war, dass viele den steilen Anstieg am Ende nicht schaffen würden. Aber auch andersherum hat es der Lauf in sich. Auf halber Strecke, am steilen Tönsberg, müssen die meisten zum ersten Mal gehen. Ich habe in all den Jahren einige Leute dehydriert ins Ziel kommen sehen, Läufer kurz vor dem Zusammenbruch. Wer nicht mindestens drei, vier Monate für den Hermannslauf trainiert, den erwartet eine Qual.

Tausendsassa und Vater des „Hermanns": Wolfgang Schlüter hatte die Idee zum Lauf, der 1972 zum ersten Mal stattfand. - © Andreas Zobe
Tausendsassa und Vater des „Hermanns": Wolfgang Schlüter hatte die Idee zum Lauf, der 1972 zum ersten Mal stattfand. (© Andreas Zobe)


Wie konnte diese Schinderei trotzdem so populär werden, dass Jahr für Jahr mehr als 7.000 Teilnehmer starten?

Schlüter: Der Lauf bietet ein ganz besonderes Flair. Schon der Start am Hermannsdenkmal ist bewegend. Die Veranstaltung ist vom TSVE Bielefeld hervorragend organisiert. Außerdem ist die Strecke spektakulär und steckt voller Geschichte. Viele kommen ins Ziel und haben Tränen in den Augen. Es gibt hier keine eingekauften Zauberläufer. Keiner will, dass jemand mit Geld hierhin gelockt wird und den Sieg stiehlt. Der „Hermann" gehört vor allem den Läuferinnen und Läufern in Ostwestfalen-Lippe. Zum Glück ist es uns gelungen, diesen lokalen Charakter zu bewahren.

Sie haben gerade das Buch „Arminius in Flammen" veröffentlicht mit dem neuesten Forschungsstand zur Varusschlacht im Jahre 9 nach Christus. Geht der Hermannslauf bald 60 Kilometer weiter bis nach Kalkriese?

Schlüter: Die Schlacht hat nicht in Kalkriese stattgefunden, auch wenn manche Forscher das behaupten. Den Funden nach muss sich dort sechs Jahre später etwas Anderes abgespielt haben, eine vielleicht nicht weniger bedeutende Schlacht des Germanicus, aber eben nicht die Varusschlacht. Dass es so viele verschiedene Fundorte gibt, liegt wohl daran, dass Varus seine Legionen, immerhin 20.000 Soldaten, sicher nicht über einen einzigen Pass laufen ließ. Wo genau die Schlacht stattgefunden hat, wird man wohl nie mit absoluter Gewissheit sagen können. Der Hermannslauf bleibt also bei seinen 31,1 Kilometern.

In drei Jahren wird der Hermannslauf 50. Was wünschen Sie sich für seine Zukunft?

Schlüter: Mehr Abwechslung auf dem Siegertreppchen. Es geht mir auf den Wecker, dass niemand in der Lage ist, Elias Sansar wegzulaufen. Nicht falsch verstehen: Sansar ist mit seinen inzwischen 38 Jahren wirklich ein Ausnahmeläufer, weil er seine Form schon über so lange Zeit hält, weil er Biss hat und pausenlos trainiert. Dieser Biss fehlt anderen leider. Ich wünschte, es kämen ein paar junge Läufer nach, die Sansar den Lorbeerkranz streitig machen.

Glauben Sie, dass es noch einmal einen ähnlichen Dominator wie Sansar geben wird?

Schlüter: Da kommt niemand mehr dran.

Nach Maradona kam auch ein Messi, nach Sampras ein Federer.

Schlüter: Ja, aber dann wird es Zeit, dass er sich zeigt.

Gibt es etwas, das dem Hermannslauf gefährlich werden könnte?

Schlüter: Die Bürokratie und die immer strengeren Auflagen könnten dem Lauf eines Tages das Genick brechen. Es ist zum Heulen. Auch die Einigung mit den Waldbesitzern, über deren Land der Hermannslauf führt, ist eine Herausforderung. Dass sie eine Entschädigung wollen, wenn 7.000 Leute über ihre Tulpenzwiebeln donnern, kann ich grundsätzlich verstehen. Aber Eigentum verpflichtet auch. Und unsere Gesellschaft sollte sich über jeden freuen, der Sport treibt.

Sie sind Ihren letzten „Hermann" mit 70 Jahren gelaufen und seitdem Schirmherr. Wie sieht für Sie der Tag des Wettkampfs aus?

Schlüter: Um acht Uhr sause ich los, damit ich um neun Uhr am Hermannsdenkmal bin. Dann setze ich mich neben der Startlinie auf einen Schemel, weil ich nicht mehr gut zu Fuß bin. Von dort aus beobachte ich das nervöse Treiben. Früher rief noch alle zwei, drei Minuten jemand Wolfgang, wenn er oder sie mich sah. Heute erkennen mich nur noch wenige. Das Starterfeld ist einmal ausgewechselt. Nur vor dem Start sind immer noch alle so aufgeregt wie früher.

Bis Sie dann den Startschuss geben.

Schlüter: Vor dem Startschuss gehe ich noch an die Startlinie und bläue den Läufern ein: Wer an den Lämershagener Treppen nicht vorne ist, der kann nicht gewinnen. Erst dann kommt der Startschuss. Er ist angesichts der modernen Messgeräte eigentlich überflüssig, aber psychologisch ungeheuer wichtig. Der Knall bringt die Leute richtig in Fahrt. Später warte ich im Ziel. In diesem Jahr erstmals auf meine 22-jährige Enkelin Marlene. Sie weiß, dass das Großväterchens Lauf ist. Ich freue mich riesig auf sie.

Welchen Stellenwert hat der „Hermann" in Ihrem kaum zu fassenden Lebenswerk?

Schlüter: Er ist ein Vermächtnis an meine Stadt. Wahrscheinlich ist er das Beste, das bleibt.

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