Talentscouts fördern junge Menschen aus OWL

Ivonne Michel

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Ein Projekt mit vielen Chancen: An der Martin-Niemöller-Gesamtschule in Bielefeld arbeiten Yasmina Aouad (17, v. l.), Simone Bonnemeier, Gülten Paksoy (16), Brigitte Wohlfahrt und Mirad Önen (17) mit Talentscout Jasmin Schaumburg (Uni Bielefeld) zusammen und berichten von Erfahrungen, Vorurteilen und Zielen. - © Ivonne Michel
Ein Projekt mit vielen Chancen: An der Martin-Niemöller-Gesamtschule in Bielefeld arbeiten Yasmina Aouad (17, v. l.), Simone Bonnemeier, Gülten Paksoy (16), Brigitte Wohlfahrt und Mirad Önen (17) mit Talentscout Jasmin Schaumburg (Uni Bielefeld) zusammen und berichten von Erfahrungen, Vorurteilen und Zielen. (© Ivonne Michel)

Bielefeld. Nicht vermeintliche Genies und Einserschüler fördern, sondern Talente stärken, die ihre eigene Begabung bisher kaum erkannt und für sich genutzt haben: Das ist das Ziel des Projekts „Talentscouts OWL". Unter dem Dach des Hochschulverbunds Campus OWL wollen die Talentscouts damit einen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit leisten und junge Menschen begleiten, ihre beruflichen Interessen, Potenziale, Träume und Ziele weiterzuentwickeln, unabhängig vom Einkommen und Bildungsstand der Eltern.

„Echt? Ich? Ernsthaft?", fragt Gülten Paksoy (16), Schülerin der Martin-Niemöller-Gesamtschule in Bielefeld, als Lehrerin Simone Bonnemeier ihr sagt, dass sie sie für das Programm „Talentscouts OWL" vorgesehen hat. Ihre Familie stammt aus der Türkei, bisher hat niemand von Paksoys Verwandten studiert. Die erste Klausur von Paksoy hat Deutsch- und Pädagogik-Lehrerin Bonnemeier auf die Schülerin aufmerksam gemacht. Paksoy hat laut Bonnemeier eine hohe Begabung im literarisch-kreativen Bereich und eine hohe Empathiefähigkeit. Im medizinischen oder literarischen Bereich zu arbeiten, kann sich die 16-Jährige deshalb gut vorstellen.

Talentscout Jasmin Schaumburg von der Studienberatung der Universität Bielefeld hilft jungen Talenten wie Gülten Paksoy dabei, die individuellen Vorstellungen der Schüler zu konkretisieren. Schaumburg und ihre Kollegen im Programm „Talentscouts OWL" zeigt Schülern Möglichkeiten auf, macht ihnen Mut und lotst sie durch den manchmal undurchsichtigen Dschungel der Berufs- oder Studienorientierung. „Das Talentscouting ist ergebnisoffen, ein Studium ist nur eine von vielen Möglichkeiten", erklärt Schaumburg. Wichtig sei die individuelle Förderung.

Einmal im Monat besucht Talentscout Schaumburg die Martin-Niemöller-Schule und coacht die Jugendlichen. In Vier-Augen-Gesprächen kommen Fragen auf wie „Wer bist du?" oder „Was willst du?", aber auch konkrete Fragestellungen zu Auslandsaufenthalten, Stipendien oder Zugangsbeschränkungen wie der Numerus clausus. Aktuell werden an der Bielefelder Gesamtschule so 19 Jugendliche gefördert.

„Das Talentscouting hilft uns, unsere Träume zu verwirklichen und öffnet viele Türen", sagt die Schülerin Gülten Paksoy. „Wir haben auch Theaterkarten bekommen und sind jetzt im Theaterclub." Die 16-Jährige möchte sich beim DRK ehrenamtlich engagieren. Auch dabei helfen ihr Talentscout Schaumburg und Lehrerin Bonnemeier.

Schülerin Yasmina Aouad (17) sieht zudem Chancen in dem Programm: „Man macht sich Gedanken über Dinge, die man sonst nicht in Erwägung gezogen oder gewagt hätte." Aouads Familie stammt aus Marokko, auch sie ist die erste in der Familie, die einen akademischen Weg einschlagen will. „Ich bin die erste bei uns, die Abi macht. Meine Eltern sind sehr stolz darauf", sagt Aouad. Ihr Traum ist ein Psychologie-Studium. Für einen Tag kann sie das bald schonmal in der Universität Bielefeld ausprobieren. Das Angebot „Mein Tag an der Uni" ermöglicht Schülern einen Blick in ihr Wunsch-Studienfach.

Begeistert ist Aouad vor allem darüber, dass das Programm „Talentscouts OWL" nicht den Fokus auf Schwächen legt, sondern auf Stärken. In anderen Programmen sei die Förderung von Migranten vor allem mit Schwächen und Defiziten verbunden, sagt Aouad. Überrascht war die 17-Jährige auch deshalb, weil einige Mitschüler bessere Noten haben. „Doch genau darum geht es nicht", erklärt Lehrerin Bonnemeier.

Das Talentscouting sei ein individuelles Förderprogramm für Schüler mit besonderer Begabung, deren Leistung und damit auch Zukunftschancen sonst immer unter dem blieben, was ihnen möglich gewesen wäre. „Studien haben bewiesen, dass in Deutschland der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsabschlüssen besonders groß ist." In vielen anderen Ländern seien die Zahlen der Erstakademiker deutlich höher.

Eine Ursache dafür liegt laut Bonnemeier in der Schule selbst. „Schüler, deren Eltern beispielsweise Ärzte, Juristen oder Lehrer sind, werden anders wahrgenommen." Dieser Einfluss und das Selbstbewusstsein der Schüler seien mitentscheidend für den Lernerfolg. Nicht nur die Jugendlichen selbst, auch die Gesellschaft profitiere davon, wenn junge Talente wie Yasmina Aouad und Gülten Paksoy ihr Potenzial voll ausschöpfen, sagt Bonnemeier. Das Projekt läuft dank der Förderung des NRW-Wissenschaftsministeriums noch bis 2020. „Wir hoffen aber auf eine Fortsetzung", sagt Schaumburg.

Projekt des Hochschulverbunds

Die Idee des Talentscoutings ist 2011 an der Hochschule Gelsenkirchen entstanden. Mittlerweile sind 17 Hochschulen mit 60 Talentscouts und 200 Schulen dabei.Vor einem Jahr startete das Projekt in OWL, das vom Wissenschaftsministerium gefördert wird. In der Region läuft das Projekt unter dem Dach des Hochschulverbunds Campus OWL der Universitäten Paderborn und Bielefeld, der Fachhochschule Bielefeld sowie der Hochschule OWL. Acht Talentscouts, geschulte Hochschulmitarbeiter, sind an 56 Gymnasien, Gesamtschulen und Berufskollegs unterwegs.Weitere Infos:
 www.talentscouting-owl.de

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