Mehr als 560 Taten: Altenbekener wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt

Jutta Steinmetz

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Justitia (© dpa)

Altenbeken. Gerd T. (alle Namen geändert) ist ein gebildeter Mann und äußerst erfolgreich im Beruf. Menschen wie er, so glaubt man gemeinhin, landen nur schwerlich auf der Anklagebank eines Gerichts, vielleicht höchstens einmal, weil sie mit den Steuerbehörden im Clinch liegen.

Doch der 53-jährige Altenbekener hat schwere Schuld auf sich geladen. Er hat mehr als zehn Jahre lang seinen Adoptivsohn sexuell missbraucht. Deswegen verurteilte die 5. Große Strafkammer des Landgerichts Paderborn Gerd T. am Montag zu fünf Jahren und zehn Monaten Gefängnis.

Ein Urteil, das er unbewegt und ruhig Kenntnis nahm. Schon in seinem Plädoyer hatte sein Verteidiger Dieter Cramer verkündet, sein Mandant werde alle Entscheidungen der Richter akzeptieren. Fast ebenso ergeben hatte Gerd. T. ein paar Stunden zuvor Staatsanwältin Nillies zugehört, als diese die Anklageschrift verlas.

Darin hatte die Anklägerin detailliert dargestellt, wie ab 2006 der damals erst sechs Jahre alte Tobias immer wieder Opfer sexueller Übergriffe wurde – und das obschon der kleine Junge sofort seiner Mutter die ersten Vorfälle geschildert hatte.

Mutter habe Gefahr nicht erkannt

Sie habe damals den Beteuerungen ihres Mannes geglaubt, dass so etwas niemals wieder vorkommen werde, berichtete die Altenbekenerin dem Gericht. „Ich war damals naiv und habe die Gefahr einfach nicht erkannt." Vielmehr habe sie sich darüber gefreut, dass sich Vater und Sohn gut verstanden. „Ich hätte meinen Sohn beschützen müssen, das habe ich nicht getan."

Für den jungen Mann begann nämlich eine entsetzliche Zeit, denn fortan war er immer wieder im sexuellen Fokus seines Vaters. Ob das eigene Zuhause, das Kinderzimmer oder der väterliche Betrieb, nirgendwo gab es Sicherheit für den Jungen – bis er schließlich selbst ein junger Mann war. 2016 wurde er letztmals Opfer von Gerd T. Kurz darauf kamen bei einem familiären Streit die Vorfälle endlich ans Tageslicht. Nach umfangreichen Ermittlungen und einer Hausdurchsuchung, bei der etliche kinderpornografische Bilder und Filme gefunden wurden, erfolgte im Winter 2017 die Festnahme des Mannes.

„Die Vorwürfe werden eingeräumt", sagte Verteidiger Dieter Cramer sofort nach Verlesung der Anklage. Viel mehr mochte Gerd T. nicht sagen auf die Nachfragen des Vorsitzenden Richters Eric Schülke, der eigentlich ein bisschen tiefer einsteigen und mehr wissen wollte über die Taten, über die Motivation des Altenbekeners. „Ich habe es eingeräumt", betonte der 53-Jährige nur immer wieder.

Pädophile Störung diagnostiziert

Fast schien es so, als wolle er die Konsequenzen seines Handelns tragen. Aber zuzugeben, dass er aus seiner sexuellen Neigung, aus seiner Vorliebe für kleine Jungen zum Straftäter wurde, das war ihm nahezu unmöglich. Die „Physiognomie", also die körperliche Gestalt des damals etwas fülligen Tobias sei allein entscheidend gewesen, sagte er, stieß damit aber bei Gutachter Michael Hintersdorf auf Unglauben.

Der Experte diagnostizierte bei dem Angeklagten eine pädophile Störung, allerdings galt dieser ihm als voll schuldfähig. Schließlich war Gerd T. in seinem Leben beruflich überaus gut vorwärts gekommen und hatte – zumindest nach außen hin – mit seiner Frau eine gute Ehe geführt.

„Er hatte für mich, abgesehen von den Vorfällen, eine enorme Vorbildfunktion", beschrieb Tobias T. sein Verhältnis zu dem Mann, der ihn über ein Jahrzehnt lang immer wieder missbraucht hatte. Die gefestigte Position des Vaters, das hohe gesicherte Einkommen, „all das wollte ich auch erreichen", sagte der 18-Jährige – aber ohne jeden Hass, ohne jede Wut. Dabei hat, wie der Richter Schülke zusammenfasste, Gerd T. seinem Opfer „nicht nur die Kindheit, sondern ein ganz, ganz großes Stück des Lebens genommen. Man kann auch seelisch töten." Eine bittere, aber zutreffende Zusammenfassung.

Jede der insgesamt 567 abgeurteilten Taten „ist ein Baustein für das Trauma, mit dem sich mein Mandant auseinandersetzen muss", sagte Nebenklagevertreterin Anja Brauckmann. Und das hat viele Pläne und Träume des 18-Jährigen zerstört. Statt wie angestrebt das Abitur anzugreifen, musste er die Schule abbrechen. Zu schwer machen ihm Depressionen, Migräne, Schlafstörungen und Schwindelattacken zu schaffen. Da dürfte die Zusicherung von Gerd T., dem jungen Mann ein noch zu bezifferndes Schmerzensgeld zu zahlen, ein nur ganz kleines, letztlich aber völlig unzureichendes Trostpflaster sein.

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