Judenfeindlichkeit: Erneut politischer Ärger an der Uni Bielefeld

Lieselotte Hasselhoff

Antisemitismus: An der Universität Bielefeld gibt es erneut politischen Ärger. - © Detlef Wittig
Antisemitismus: An der Universität Bielefeld gibt es erneut politischen Ärger. (© Detlef Wittig)

Mitte. Erneut hat die türkisch-muslimische Hochschulgruppe "KulTürk" einen Referenten eingeladen, dem unter anderem Antisemitismus vorgeworfen wird. Dass die Veranstaltung gegenüber dem Standort der ehemaligen Synagoge an der Turnerstraße stattfinden sollte, bezeichneten Kritiker als "besonders perfide".

Während des von "KulTürk", organisierten gemeinsamen Fastenbrechens hielt der türkische Historiker Talha Ugurluel einen Vortrag mit dem Titel "Arzın Kapısı Kudüs" (Jerusalem: Tor zur Welt"). In einer öffentlichen Stellungnahme, die die kurdische Hochschulgruppe YXK im Vorfeld der Veranstaltung veröffentlichte und die von 15 weiteren Gruppen der Uni unterzeichnet wurde, warf YXK dem Referenten unter anderem die Leugnung des Genozids an den Armeniern und Antisemitismus vor. Hierzu berief sie sich auf verschiedene Aussagen Ugurluels, die in Zeitungsartikeln und sozialen Medien erschienen sind.

So zitierte die türkische Zeitung "Konya Yenigün" im Januar 2013 eine Aussage Ugurluels, die dieser mit Bezug auf den armenischen Genozid getätigt haben soll und die die Verfasser der Stellungnahme wie folgt vom Türkischen ins Deutsche übersetzten: "Der eigentliche Genozid wurde an den Menschen im Osten des Reichs betrieben. Dort haben sie (die Armenier) die Kulturgüter unserer Vorfahren zerstört. Später haben sie die Vorgänge so verdreht, dass die ganze Welt dachte, ein Genozid finde gegen die Armenier statt."

Ugurluel soll sich negativ über die in Israel lebenden Juden geäußert haben

Auf einer Veranstaltung in Istanbul soll Ugurluel sich negativ und verallgemeinernd über die in Israel lebenden Juden geäußert haben. Der YXK-Übersetzung zufolge zitierte die Internetseite der Stadtverwaltung Bagcılar in Istanbul ihn mit den Worten: "Immer wenn sie (die Juden) zusammenkommen, befehden sie sich." Die israelischen Juden hätten eine ungesellige Art und würden sich nur deshalb nicht untereinander bekriegen, weil sie im Konflikt mit Palästina stünden: "Glaubt mir, gäbe es kein Palästina, sie (die Juden) würden sich selbst bekriegen."

Auch relativierende Aussagen über den Holocaust soll Ugurluel getätigt haben. So heiße es in einer Twitter-Botschaft aus dem Jahr 2015: "1933 und Hitler waren ein Projekt, um die europäischen Juden in den Nahen Osten zu deportieren. Sogar England sympathisierte mit diesem Projekt."

Die kurdische Hochschulgruppe, die selbst der kurdisch-türkischen Partei HDP sowie der in der Türkei und in Deutschland verbotenen militanten Untergrundorganisation PKK nahe steht, problematisierte zudem, dass der Referent der türkischen AKP-Regierung nahestehe: "Ugurluel bietet eine neo-osmanische Sichtweise auf die Geschichte der Türkei", er glorifiziere das osmanische Reich und unterstütze die "Großmacht-Ambitionen" des Präsidenten Erdogan.

YXK kritisiert geplanten Vortrags-Ort

Mit Verweis auf die von Ugurluel bedienten "antisemitischen Stereotypen" kritisierte YXK den geplanten Vortrags-Ort: Der Rosé Event und Hochzeitssaal an der Turnerstraße 2 befindet sich schräg gegenüber des ehemaligen Standorts der jüdischen Synagoge, die die Nazis 1938 niederbrannten.

YXK forderte "die Absage der Veranstaltung durch den Inhaber des Festsaals". Stellvertretend für die Unterzeichner hatte der AStA der Uni diese Forderung an "Rosé" weitergetragen.

Tatsächlich wurde der Veranstaltungsort anschließend verlegt, allerdings laut KulTürk "aufgrund eines Wasserschadens in dem ursprünglich geplanten Saal".

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Vorwurf nicht zum ersten Mal

Schon 2016 löste „KulTürk" eine größere Debatte unter den Studierenden aus, als die Gruppe den Referenten Andreas Abu Bakr Rieger, Herausgeber der „Islamischen Zeitung", nach Bielefeld einlud. Auch hier war die Kritik unter anderem Antisemitismus. Der AStA der Uni Bielefeld verwies damals auf eine „deutlich antisemitische Aussage" Riegers, die dieser in den Neunzigerjahren auf einer Versammlung der mittlerweile verbotenen Organisation „Kalifatstaat" in Köln getätigt hatte: „Wie die Türken haben wir Deutschen in der Geschichte schon oft für eine gute Sache gekämpft, obwohl ich zugeben muss, dass meine Großväter bei unserem gemeinsamen Hauptfeind nicht ganz gründlich waren". „KulTürk" hielt dagegen, dass sich der Referent später von dieser Aussage distanziert habe.

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