Ärzte seltener auf Hausbesuch

Carolin Nieder-Entgelmeier

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Hausarzt (© Bernhard Preuss)

Berlin/Bielefeld. Wenn Patienten den Weg in die Praxis nicht mehr schaffen, werden sie von ihren Hausärzten zuhause versorgt. Doch das scheint immer seltener möglich zu sein, denn die Zahl der Hausbesuche ist nach Angaben der Bundesregierung deutlich zurückgegangen. Gab es 2009 noch 30,3 Millionen Hausarztbesuche bundesweit, waren es 2017 nur noch 24,6 Millionen. Auch in der Region betreuen Ärzte ihre Patienten seltener zuhause. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Groß ist die Sorge von Hausärzten vor Rückzahlungen, wenn sie zu viele Hausbesuche machen. Wie oft ein Hausarzt rausfahren darf, ermittelt in vielen Regionen Deutschlands eine Prüfstelle. Dabei werden Werte von Arztpraxen aus der Region verglichen und ein Mittelwert errechnet. Die betroffenen Ärzte kritisieren dieses Modell jedoch, weil die Berechnung auch viele Praxen in Ballungsräumen einbezieht, in denen kaum ein Mediziner Hausbesuche macht.

Liegen Arztpraxen weit über dem ermittelten Durchschnittswert, müssen sie befürchten, zu viel kassierte Honorare zurückzuzahlen. So entstehen schnell exorbitant hohe Rückzahlungsforderungen, wie ein Fall aus Hessen zeigt. Dort muss ein Landarzt 50.000 Euro zahlen. „Das Beispiel hat auf Hausärzte eine abschreckende Wirkung", moniert der Gesundheitsexperte der Linkspartei, Achim Kessler. „Problematisch sind also nicht die wenigen Fälle, wo Hausärzte Rückzahlungen leisten müssen, sondern die Höhe der Rückzahlung." Laut Kessler ist das eine Spirale nach unten, die die Versorgung in der Fläche gefährdet.

Auch der deutsche Hausärzteverband kritisiert das Vorgehen. „Es kann nicht sein, dass Hausärzte, die viele Hausbesuche fahren, Gefahr laufen, finanziell sanktioniert zu werden. Diese Regelung, bei denen die regionalen Besonderheiten häufig außen vor gelassen werden, müssen abgeschafft werden", sagt der Vorsitzende Ulrich Weigeldt. „Hausbesuche sind für viele immobile Patienten die einzige Chance, eine vernünftige Versorgung zu erhalten. Statt den Hausärzten dabei Knüppel zwischen die Beine zu werfen, braucht es vielmehr massive Investitionen in die Hausbesuche."

Hausärzte bekommen laut Weigeldt für einen Hausbesuch aktuell 22 Euro brutto – inklusive An- und Abfahrt. „Das reicht vorne und hinten nicht. Kein Klempner würde für dieses Geld kommen." In Deutschland prüfen die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) und die Krankenkassen die Wirtschaftlichkeit ärztlicher Leistungen. Die Prüfung nach Durchschnittswerten so wie in Hessen ist nach Angaben der Bundesregierung allerdings nicht zwingend.

In Westfalen-Lippe müssen sich die Hausärzte nicht an einen Durchschnittswert halten. „Ärzte in Westfalen-Lippe sind von Rückzahlungen nicht betroffen, weil Hausbesuche nicht budgetiert sind. Mediziner entscheiden, wie häufig sie Patienten zuhause behandeln", erklärt der Sprecher der KV Westfalen-Lippe, Jens Flintrop. Trotzdem ist die Zahl der Hausbesuche auch in Westfalen-Lippe rückläufig.

Das liegt laut Flintrop zum einen daran, dass Hausärzte aufgrund des Ärztemangels viel genauer als früher prüfen, ob ein Hausbesuch wirklich notwendig ist, weil die Zeit knapper ist. Zum anderen werden laut Flintrop seit 2009 nicht mehr alle Hausbesuche über die KV abgerechnet, sondern auch über die Krankenkassen. „Außerdem laufen Hausbesuche auch über den Notfalldienst. In NRW funktioniert das so gut, dass Hausärzte in der Regel ab 18 Uhr keine Hausbesuche mehr machen müssen", ergänzt Westfalen-Lippes

Ärztekammerpräsident, Theo Windhorst. Ein weiterer Faktor sind laut Windhorst Patienten, die wegen Kleinigkeiten den Notruf alarmieren. „Deshalb gehe ich davon aus, dass sich die Zahl der Hausbesuche nicht verringert, sondern lediglich verlagert hat", sagt Windhorst. „Hausbesuche sind ein sehr wichtiger Teil der Arbeit von Hausärzten, weil die Zahl immobiler Patienten steigt."

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