Auftakt im Totschlagsprozess: Opfer erinnert sich an nichts

Drei Bünder und ein Kirchlengerner angeklagt

veröffentlicht

Vier junge Männer und eine Frau müssen sich vor dem Landgericht Osnabrück wegen des Vorwurfs des versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verantworten. - © FOTO: NW
Vier junge Männer und eine Frau müssen sich vor dem Landgericht Osnabrück wegen des Vorwurfs des versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verantworten. (© FOTO: NW)

Bünde/Osnabrück (nw). Sie sollen ihr Opfer brutal geschlagen und mit Füßen getreten haben - laut Anklage hätten sie den Tod des am Boden Liegenden in Kauf genommen. Vor der 6. Strafkammer des Landgerichtes Osnabrück haben sich zwei Männer und eine Frau aus Bünde sowie ein Kirchlengerner und ein Mindener zu verantworten. Der Vorwurf: Versuchter Totschlag und gefährliche Körperverletzung.

Ein Shuttle-Bus holte die geladenen Gäste am 1. August 2010 in der Bruchstraße in Rödinghausen ab. Das Ziel: Der grüne See in Melle. "Es war ein Benefizkonzert, dass wir an diesem Abend gefeiert haben", sagt der aus Bünde stammende 32-jährige Jan D. (Name geändert). Sie hätten einiges getrunken und gemeinsam sei Pogo getanzt worden. Ein Tanz, bei dem die Beteiligten sich gegenseitig anrempeln und schubsen, erklärt Pit G., der als Zeuge dem Vorsitzenden Richter der Schwurgerichtskammer, Wolfgang Kirschbaum, den Abend schildert. 

Fünf Zeugen wurden am ersten Prozesstag gehört, darunter Christian S. aus Lingen im Emsland, der als Nebenkläger auftrat und bei der Schlägerei am Abend des 1. Augusts schwerste Kopfverletzungen davon getragen hatte. Zu der Frage des Richters, wie es zu der Auseinandersetzung der fünf Angeklagten mit ihrem Opfer gekommen sei, wollten Jan D., Ralf R. und Maria R. aus Bünde sowie Horst R. aus Kirchlengern (alle Namen geändert) keine Aussage machen. Lediglich Nico W. aus Minden stellte sich, wenn auch verhalten, den Fragen von Richter Kirschbaum. Zeugen hatten den 33-jährigen Mindener auf Fotos, die am Abend der Party gemacht worden waren, erkannt. Für einen Polizeibeamten des Landeskriminalamtes NRW in Bielefeld, Abteilung Staatsschutz, ist Nico W. ebenfalls kein Unbekannter. Der Beamte trat als Zeuge auf. Mehrmals war die politische Gesinnung der Partygäste unterschwellig Thema der Verhandlung.
Inwieweit der Mindener in die Auseinandersetzung verwickelt war, bei der dem 32-jährigen Opfer aus dem Emsland mit Fußtritten und Schlägen schwerste Kopfverletzungen beigebracht wurden, konnte am gestrigen Prozesstag noch nicht ermittelt werden. Aufgrund einer sogenannten epiduralen Blutung, ein Gerinnsel, das sich auf der rechten Seite des Kopfes, in Höhe der Schläfe beim Opfer gebildet hatte, wurde der Emsländer in Osnabrück am Tag nach der Auseinandersetzung operiert. Laut Dr. Frank Möllmann, Neurochirurg in Osnabrück, hätte dieses Gerinnsel ohne Operation zum Tod führen können.
Weitere zwei Zeugen meinen sich an Tritte gegen den Kopf des Opfers erinnern zu können. "Ich hab es selbst nicht gesehen, nur davon gehört, dass jemand dem Christian auf dem Kopf rumgesprungen ist", so die Aussage. Mehrfach mussten die Protokolle der Polizei den beiden Zeugen auf die Sprünge helfen, denn wie beide immer wieder anführten: "Die Party sei zwei Jahre her, da könne man sich nicht an alles erinnern und das Leben ginge ja auch weiter."
Nur zäh kristallisierte sich in sechs Stunden Verhandlung heraus, was sich an dem Abend vor zwei Jahren ereignet haben könnte. Durch eine belanglose Provokation, habe sich die stark alkoholisierte Maria R. durch das Opfer provoziert gefühlt. Mit einem Tritt in das Gesicht habe sich die 25-jährige Angeklagte gewehrt. Kurze Zeit später soll ihr Ehemann Ralf tatkräftig zur Hilfe geeilt sein. "Danach war der Christian schon kampfunfähig, sagt Ernst B., der das Opfer zu einem Auto geleiten und dadurch in Sicherheit bringen wollte. Am Auto angekommen, seien die beiden angeklagten Männer aus Bünde erneut aufgetaucht - mit Unterstützung. Es soll zu einer weiteren Auseinandersetzung gekommen sein. "Die haben den Christian kaputt gemacht", habe eine Freundin Pit G. zugerufen. Ein vorbeifahrendes Auto, das die Kellerbergstraße in Melle passiert habe, sei von den Männern angehalten worden. Die beiden, die im Auto saßen, hätten dann einen Krankenwagen gerufen.
Christian S., der zwei Wochen im Krankenhaus lag, ins Koma fiel und auf der Intensivstation behandelt wurde, kann sich an den 1. August nicht mehr erinnern. "Ich habe die Angeklagten noch nie gesehen. Ich weiß nicht, was ich auf dieser Party wollte, und ich weiß auch nicht, was dort passiert ist", sagt S. nach längerem Nachdenken. Und an noch etwas konnte sich der junge Mann nicht erinnern - ein Schlagring, auf dem seine DNA nachweislich gefunden wurde.
Sieben Verhandlungstage wurden angesetzt, um bis Ende August ein Urteil zu finden.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2017
Texte und Fotos von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.