Missbrauch in Jugendhilfe-Einrichtungen

Vorwurf: Jugendämter wussten jahrelang Bescheid

Bielefeld/Löhne. In Jugendhilfe-Einrichtungen in Löhne (Kreis Herford), Hüllhorst (Kreis Minden-Lübbecke) und Cuxhaven sollen in den vergangenen Jahren mindestens sechs Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden sein. Das hat die Bielefelder Staatsanwaltschaft bei einem Pressegespräch mitgeteilt. Im Fokus der Strafverfolgungsbehörde steht Bernd K. (65). Gegen ihn wurde Anklage wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in insgesamt 64 Fällen erhoben.

Viele Details liegen allerdings noch im Dunkeln. Einige Behörden halten sich bedeckt oder waren für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Nach Angaben von Staatsanwalt Christoph Mackel hatte Bernd K. im Jahr 1981 den Verein Westfälisches Jugendwerk gegründet. Dessen Internetseite wurde mittlerweile gelöscht. K. habe damals in Cuxhaven zwei und in Hüllhorst und Löhne jeweils eine Einrichtung gegründet.

In den Häusern wurden Kinder aufgenommen und betreut, die aus schwierigen Verhältnissen stammten. K. habe in den Einrichtungen "die Regeln vorgegeben", sagte Mackel. Allerdings soll es immer wieder zu Übergriffen durch ihn gekommen sein.

So soll Bernd K. in der Einrichtung in Löhne in der Zeit von April 1998 bis Januar 2000 in 50 Fällen ein Mädchen, das zu Beginn der Übergriffe zwölf Jahre alt war, missbraucht haben. Laut Anklage musste das Opfer mit nacktem Oberkörper im Kraftraum üben – anschließend habe K. bei ihm wiederkehrend "die Brüste vermessen".

Bei weiteren Taten im Zeitraum von 2006 bis 2009 soll K. unter anderem zwei 1989 und 1990 geborenen Mädchen mehrfach die Dreimonatsspritze zur Empfängnisverhütung injiziert haben. Die Spritzen soll Bernd K. von einer Frauenärztin erhalten haben.
Zu einer wahrhaft pervers anmutenden Aktion kam es den Ermittlungen zufolge Ostern 2010 in einer Einrichtung in Cuxhaven.

Als der Angeschuldigte von sexuellen Kontakten unter den Jugendlichen erfahren habe, hätten sich ein Junge und ein Mädchen vor der ganzen Gruppe nackt ausziehen und den Geschlechtsverkehr auf einem Teppich simulieren müssen, sagt die Staatsanwaltschaft. Die letzten K. zur Last gelegten sexuellen Übergriffe sollen im Herbst 2011 passiert sein. Ein 1994 geborenes Mädchen musste demnach sexuell anzügliche "Untersuchungen" durch den Angeschuldigten über sich ergehen lassen.

Das Erschreckende an dem Fall sei auch die Tatsache, dass sich bereits seit Mitte der 90er Jahre "wiederholt Zeuginnen bei den Jugendämtern gemeldet" und von sexuellen Übergriffen durch Bernd K. berichtet hätten, sagte Mackel. Jedoch habe niemand Anzeige erstattet.

Erst 2010 sei ein Kind mit einer Betreuerin im Kreis Herford zur Polizei gegangen. Danach hätten die Ermittlungen begonnen. K. bestreitet die ihm zur Last gelegten Taten. Sein Anwalt, Marco Prigge aus Bad Oeynhausen, bestätigte dies, wollte sich auf Anfrage aber nicht näher äußern. Er ließ durchblicken, dass die Angelegenheit auch aus seiner Sicht "sehr brisant" sei.

Der Leiter des Löhner Jugendamts betonte, seine Behörde habe die Einrichtung von Bernd K. "bereits seit vielen Jahren nicht mehr belegt". Auch der Kreis Minden-Lübbecke habe mit der Einrichtung in Hüllhorst nicht zusammengearbeitet, hieß es. Das Löhner Kinderhaus sei "seit einigen Monaten" geschlossen. Das Kinderhaus in Hüllhorst wurde vor rund einem Jahr von einem anderen Träger übernommen. Für Auskünfte zuständig sei das Landesjugendamt in Münster. Dort war zunächst kein Verantwortlicher zu erreichen.

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