Eine Stadt hält inne - Trauer um die Opfer des Terroranschlags

Marina Kormbaki

Eine Frau kniet in Berlin unweit der Stelle des Anschlags auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz und betet für die Opfer. - © Paul Zinken/dpa
Eine Frau kniet in Berlin unweit der Stelle des Anschlags auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz und betet für die Opfer. (© Paul Zinken/dpa)

Berlin. Die Großstadt steht niemals still. Auch an diesem Tag nicht, dem Tag nachdem die stolze Stadt zum Opfer wurde. In Businesskostümen und Blaumännern gehen und kommen Menschen von der Arbeit. Bahnen und Busse fahren ihre gewohnten Routen. Am Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz brutzeln schon morgens die Rostbratwürste. Und doch liegt eine ungekannte Stille über der Stadt. Keine Musik strömt aus den Läden am Kudamm. Menschen schweigen oder unterhalten sich in gedämpften Ton. Es sind nur wenige auf den Straßen.

Ismail schaltet den Ton seines Handys leise, als er das Video vom Vorabend zeigt. Menschen in Panik, Menschen am Boden, Blut. Ismail, ein Mittzwanziger iranischer Herkunft, arbeitet in einem Geschäft am Breitscheidplatz. Er war im Dienst, als auf der anderen Seite der Gedächtniskirche der Lkw in den Weihnachtsmarkt fuhr. „Ich wollte helfen, ich bin hingerannt", sagt Ismail. „Es sieht alles so anders aus, wenn man es nicht im Fernsehen sieht, sondern mit eigenen Augen."

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Nun steht er wieder am Breitscheidplatz, während Kanzlerin Angela Merkel hinter den Absperrgittern weiße Rosen niederlegt. Ismail muss heute nicht arbeiten, aber er weiß keinen anderen Ort, an dem er jetzt sein wollte. Also friert er vor einer Currywurstbude und schaut sich mit Passanten und Reportern sein Video an. TV-Teams fragen, ob sie es kaufen können. Aber Ismail will das Video nicht verkaufen: „Es ist zu traurig."

Wer erwartet, dass Berlin nun die Fassung verliert, irrt. Es bricht nirgendwo Panik aus. Selbst im Internet dringen Falschmeldungen über Bedrohungslagen kaum durch. Ein Grund dafür dürfte „@PolizeiBerlin_E" sein – der Twitter-Account der Berliner Polizei. Sie hat konsequent und sachlich Nachrichten verschickt und damit gar nicht erst ein Informationsvakuum entstehen lassen, wie es beispielsweise beim Münchener Amoklauf im Sommer der Fall war. Berlin bleibt gefasst.

Manche sagen auch, Berlin sei abgestumpft. „Nach all den Terrormeldungen der letzten Zeit bewegt so was doch viele gar nicht mehr", sagt eine ältere Dame. Und ergänzt in ihrem Zorn etwas, das man so oder so ähnlich an diesem Tag von vielen Passanten hört: „Hoffentlich begreift Merkel jetzt, was sie angerichtet hat mit ihrer Flüchtlingspolitik."

„Wir dürfen nicht in Unbesonnenheit abgleiten", sagt der Berliner Landesbischof Markus Dröge, bevor er den Gebetsgottesdienst in der Gedächtniskirche abhalten wird. Bestürzung ist ihm anzuhören, aber auch Trotz. „Auf keinen Fall dürfen wir der Angst ihren Lauf lassen." Dröge erinnert daran, dass die Kirche mit dem Nagelkreuz der 1940 von der deutschen Luftwaffe zerstörten Kathedrale von Coventry auch ein Zeichen der Versöhnung ist. „Das soll uns lehren: Wir lassen uns von Hass nicht bezwingen, wir lassen uns nicht bange machen."

Mit dieser Haltung trifft er einen Nerv. Renate Relitz zum Beispiel wollte mit einer Freundin am Dienstagabend Glühwein trinken auf dem Weihnachtsmarkt. Nun gibt es keinen Glühwein, aber trotzdem sind die beiden Frauen gekommen. „Wir wollen an die Toten und die Verletzten denken." Ob sie nicht Angst habe, weil doch der Täter womöglich noch auf freiem Fuß ist? „Klar habe ich Angst", sagt sie. „Aber soll ich jetzt immer zu Hause bleiben?" Die Antwort gibt sie selbst: „Nee."

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