Kritik zu "In einem dichten Birkenwald, Nebel": Verwirrend, fordernd, faszinierend

Barbara Luetgebrune

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Szene aus dem Theaterstück "In einem dichten Birkenwald, Nebel". - © Landestheater/Schomburg
Szene aus dem Theaterstück "In einem dichten Birkenwald, Nebel". (© Landestheater/Schomburg)

Detmold. „In einem dichten Birkenwald, Nebel": Der Titel des Stücks von Henriette Dushe, das jetzt auf der Bühne des Sommertheaters seine Uraufführung erlebte, beschreibt den Schauplatz, an dem die Protagonisten aufeinander treffen, aber auch ihre Weltsicht nach dem Verlust jeglicher Hoffnung. Und er war ein treffendes Bild für eine im Publikum zu spürende Ratlosigkeit nach dem durchaus üppigen Schlussapplaus.

Kein Wunder – weder der verdiente Applaus noch die Verwirrung der Zuschauer. In einem dichten Birkenwald, bei Nebel, schließt das eine das andere nicht aus. Das Stück, für das seine Autorin, die der Uraufführung beiwohnte, mit dem Grabbe-Preis ausgezeichnet worden ist, lässt alles im Ungewissen, es verweigert sich jeglicher Antwort, und ist darin so konsequent wie in der Desillusionierung, die es betreibt.

Scheitern als Chance, wie es Lebensratgeber und selbst ernannte Coaching-Päpste heute so gern predigen? Nicht mit Henriette Dushe. Ist das menschliche Grundvertrauen in seinem Fundament erschüttert, lässt es sich nicht mehr mit simplen Glücksrezepten reanimieren. Sich für Überzeugungen engagieren, konsumieren, glauben, meditieren: Kann man alles machen, bringt aber nicht notwendigerweise etwas. Das führt die Autorin schonungslos vor. Ein düsteres Szenario entwirft sie. Desillusionierend. Trostlos. Verwirrend. Konsequent.

Das Stück erzählt von der Baufälligkeit unserer Lebenskonstrukte. Da reicht etwas vergleichsweise Nichtiges wie ein – glimpflich verlaufener – Autounfall, um das Gebäude zum Einsturz zu bringen, seine Bewohner aus der Zeit fallen zu lassen. Das ist die Situation, in der sich die Protagonisten befinden. Drei Frauen und drei Männer, die streckenweise zu ein und derselben Person an unterschiedlichen Stationen ihres Lebenslaufes verschmelzen. Verwirrend ist allerdings die Widersprüchlichkeit in den verschachtelten, sich verschiebenden Erinnerungsfetzen der inneren Monologe der Figuren.

Die Schauspieler – die Frauen werden dargestellt von Karoline Stegemann, Marie Luisa Kerkhoff und Heidrun Schweda, die Männer von Roman Weltzien, Stephan Clemens und Henry Klinder – lösen ihre hoch anspruchsvolle Aufgabe mit Bravour. Sie sprechen und singen einzeln und im Chor, agieren im für die Sprache des Stücks so wichtigen, kunstvoll gebauten Rhythmus und spielen einander die wegen der fragmentarischen Form der Textzeilen unerlässlichen Stichworte zu. Das alles tun sie mit Ernsthaftigkeit und Intensität – egal, ob sie noch in der Sehnsucht nach Glück gefangen sind oder schon jegliche Hoffnung aufgegeben haben. Chapeau!

Konsequent sowohl in ihrer Rätselhaftigkeit als auch in der Ernüchterung, die sie verströmt, ist die Inszenierung von Malte Kreutzfeldt. Die Spannung generiert er aus den Extremen, die er aufbaut. Er betont die Sehnsucht der Protagonisten nach Glück, indem er sie immer wieder den Anfang aus Schuberts „Die Nacht" anstimmen lässt: „Wie schön bist du. Freundliche Stille, himmlische Ruh’." Dann wieder lässt er die Hoffnungen der Protagonisten bildlich zerplatzen: in Form von sechs Glühbirnen über der Bühne, die eine nach der anderen verlöschen und zerspringen. Der Regisseur, der auch sein eigener Ausstatter ist, reißt die Lebenskonstrukte der Protagonisten ein, lässt die Männer sie holzhackend zerstören, hinter dem durchsichtigen Vorhang, der den Birkenwald zeigt; verschwommen, wie aus einem schnell fahrenden Auto aufgenommen. Auch hier: keine klaren Konturen.

Das Frustrierende an Stück und Inszenierung ist, dass sie keine eindeutigen Antworten liefern. Das Faszinierende an Stück und Inszenierung ist die Konsequenz, mit der sie diese eindeutigen Antworten nicht liefern. Keine Glücksversprechen. Aber auch: keine Illusionen.

Weitere Vorstellungen: Mi, 20.1./ Do, 28.1./ Fr, 5.2./ Mi, 10.2./ Sa, 13.2./ Sa, 2.4./ Fr, 8.4.2016.

Tickets unter 05231-974803.

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