Lachend beginnt der Weg in die Katastrophe

Landestheater bringt einen sehr gegenwärtigen "Othello" auf die Bühne

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Kurzes Glück: Desdemona (Katinka Maché), Othello (Philipp Weggler) und Emilia (Susann Toni Wagner). Foto: Landestheater/Hörnschemeyer
Kurzes Glück: Desdemona (Katinka Maché), Othello (Philipp Weggler) und Emilia (Susann Toni Wagner). Foto: Landestheater/Hörnschemeyer

Von Ilse Franz-Nevermann

Es gab viel Beifall für eine anfangs gewöhnungsbedürftige, dann aber zunehmend faszinierende "Othello"-Premiere am Freitag im Landestheater. In der Titelrolle gab Philipp Weggler ein starkes Debüt.

Detmold. "Schnick, schnack, schnuck!" In bester Tradition der Shakespeareschen Narren überlassen zwei Schauspieler dem Zufall die Entscheidung, wer welche Rolle übernehmen wird. Denn schließlich steckt in jedem von ihnen der edle Mohr Othello und der schurkische Jago.

So beginnt ein Drama, das zwar von Neid und Eifersucht, Hass und Rache erzählt, doch mit der bekannten Übersetzung von Schlegel und Tieck nur noch wenig gemein hat.

Slapstick-Comedy schlägt in bitteren Ernst um

Horst Laube hat deren Sprache vom Firnis der Romantik befreit und eine Fassung gestaltet, die an Drastik der elisabethanischen Vorlage keineswegs nachsteht, dabei aber einzelne Passagen des deutschen "Originals" beibehält. Eliminiert wurde zudem alles, was heute unangemessen rassistisch wirken könnte.

Auf der schrägen Spielfläche einer Hafenmole (Bühne: Mark Späth) liegen große schwarze Reifen, die als Spielball und Wurfgeschoss, als Sessel und Rettungsring gleichermaßen dienen. Pantomime und Slapstick-Comedy, wie sie zum Beispiel die Abenteuer-Erzählung des Othello oder die deftige Traumsequenz der von Desdemonas Vater gewünschten Hochzeit mit dem ehrenwerten Cassio begleiten, schlagen allzu bald in bitter-tödlichen Ernst um. Vor allem dann, wenn sich die Akteure, begleitet von dumpfen Trommelschlägen, in einem barocken Schreittanz marionettengleich bewegen und damit das fatale Verlieren eines Taschentuchs einleiten.

In der Aufführung, deren Kostüme (Diana Ammann) in einer beliebigen Gegenwart angesiedelt sind, wandelt sich der General Othello keineswegs auf jähe - und daher oft unbegreifliche - Weise vom Liebenden zum Mörder. Die Regie von Ulf Goerke entwickelt aus kleinlichen Intrigen, Eifersüchteleien und Postenschacher die überaus langsam, aber unaufhaltsam entstehende, tödliche Tragödie.

Philipp Weggler, eine sehr präsente, durchtrainierte Erscheinung, ausgestattet mit hoher Sprachkultur, verleiht der Titelfigur ironische Distanz zur intellektuellen Herausforderung des zynischen Gewaltmenschen Jago (Markus Hottgenroth). Racheschwüre werden von ihm eher beiläufig zitiert, bis sich unterschwellig die fixe Idee von der Untreue seiner gerade erst gewonnenen Ehefrau festsetzt. Katinka Maché, wie Weggler neu im Ensemble, gibt eine moderne Desdemona, die sich in der von Männern dominierten Vaterwelt durchgesetzt hat, aber an ihrer bedingungslosen Liebe zu Grunde geht.

Nur eine sanfte Berührung

statt Schluss-Gemetzel

Ihr zur Seite steht die ihrer Herrin treu verbundene, ihrem Ehemann Jago gegenüber spröde und kratzbürstig auftretende Emilia (Susann Toni Wagner). Dankbare Rollen hatten unter anderem Dominic Betz als vom Militärbetrieb schwadronierender Leutnant Cassio und Jan Felski als betrogener, sich selbst verabscheuender Ehemann übernommen.

Die Regie verzichtet bewusst auf das bei Shakespeare angesagte Schluss-Gemetzel. Nur eine sanfte Berührung vollendet Desdemonas Geschick. Zurück bleiben ein im inneren Eis erstarrter Othello und ein Jago, der bedenkenlos das Unglück anderer in seine Intrige einbezogen hat. Er, der "nur generös und ehrlich" geraten hat, wird von jetzt an kein Wort mehr sagen. Das Spiel endet mit Verlierern auf allen Seiten. Schnick, schnack, schnuck.

Die nächsten Vorstellungen von Shakespeares "Othello" zeigt das Landestheater am Donnerstag, 1. Oktober, Freitag, 2. Oktober, 19.30 Uhr sowie am Sonntag, 11. Oktober, 14.15 Uhr, Karten: Tel.: (0 52 31) 97 48 03

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