Warten, bis die Wahrheit kommt

Eine Stunde lang Spannung: eindringliche Premiere von "Dreier ohne Simone"

Von Christine Dick

Angriffslustige Dialoge: Andreas (Jan Felski), Kai (Daniel Kamen) und Sven (Philipp Weggler) auf der Bühne bei der Premiere im "Kaschlupp!"-Theater. Foto: Landestheater
Angriffslustige Dialoge: Andreas (Jan Felski), Kai (Daniel Kamen) und Sven (Philipp Weggler) auf der Bühne bei der Premiere im "Kaschlupp!"-Theater. Foto: Landestheater

Drei Männer im Blickfeld – drei mutmaßliche Vergewaltiger. Sie stehen im Zentrum des Stückes "Dreier ohne Simone". Premiere war nun im Jugendtheater "Kaschlupp!" 


Detmold. Es ist schwerer Stoff, den das "Kaschlupp!" als aktuelles Jugendtheaterstück gewählt hat: In Kristo Å agors Stück "Dreier ohne Simone", das am Samstag Premiere hatte, geht es um eine Vergewaltigung und schonungslose Schuldzuweisung.


Es ist erstaunlich, wie präsent eine Person in einem Raum werden kann, die selbst gar nicht anwesend ist. Allein das Reden über sie macht sie umso gegenwärtiger. Die Rede ist von Simone, die vergewaltigt wurde und bisher zur Tat schweigt. Deshalb treffen die Mitschüler Andreas (Jan Felski), Kai (Daniel Frantisek Kamen) und Sven (Philipp Weggler) im Vorzimmer des Direktors aufeinander. Alle drei werden verdächtigt, Simone auf einer Klassenfahrt vergewaltigt zu haben. In dieser Begegnung beginnt eine dauerhafte Anspannung, die sich durch das gut einstündige Stück zieht. Die Protagonisten tun nichts als Warten. 
Sven, Simones Freund, fühlt sich als "Looser, der nicht auf seine Freundin aufpassen kann" und verliert sich stellenweise in Selbstvorwürfen. Gleichzeitig hagelt es Vorwürfe von und nach allen Seiten. Während sich die drei gegenseitig beschuldigen, verurteilen und mit schamlosen Worten niedermachen, verraten sie eigentlich viel mehr über sich selbst, ihre Ängste, Zweifel und Unsicherheiten. 
Die Frage, wer Simone vergewaltigt hat, ist wie ein Suchen nach einem dunklen Geheimnis, obwohl die Bühne nur aus stillschweigendem Schwarz besteht. Das Licht ist mal grell und mal unbedeutend.

Die Momente, in denen jeder von ihnen allein ins Rampenlicht geht und sich in Monologen transparent macht, sind die intimsten Augenblicke im Stück. Die Darsteller porträtieren sich selbst, auch wenn sie nur an Momentaufnahmen teilhaben lassen. Das ist interessant, wirkt authentisch und nah. 
Nur die Worte zählen, und der Zuschauer wird unfreiwillig entweder zum Mitfühlenden oder zum Richter. Man erfährt, dass Kai noch nie eine Freundin hatte und am liebsten nicht auffallen will. Vielleicht steht er deshalb auf der Bühne immer zwischen den anderen beiden. Andreas, Exfreund von Simone, outet sich als Schwuler, und schon ist das Gemisch aus Eifersucht, Neid und Rache ein gläsernes Konstrukt, in dem Wahrheiten gegen Spekulationen kämpfen. 
Obwohl die Dialoge angriffslustig und derb sind, offenbaren die Geschichten viel Feingefühl. Die Darsteller überzeugen, indem sie ihren eigenen Wortketten so viel Intensität verleihen, dass sensible Tabuthemen wie eine Wucht daher kommen, gleichzeitig aber in leisen Tönen der Hilflosigkeit verschwinden können. "Simone ist etwas Besonderes", sind sie sich einig. Wenn ihre monotonen Anzüge in diesem selbstlosen Grau etwas ausdrücken, dann Unentschlossenheit. 
Regisseurin Ines Honsel hat ein Stück über Machtmissbrauch gewählt, in dem es nicht nur um eine Lösung geht, sondern der Weg dorthin bereits viele Wahrheiten offenbart.

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