Zwei sind zu wenig, drei einer zu viel

"Offene Zweierbeziehung" erlebt temporeiche Premiere im Grabbe-Haus

Von Barbara Luetgebrune

Gemeinsam einsam: In der Ehe von Antonia (Kerstin Hänel) und ihrem Mann (Markus Hottgenroth) läufts nicht mehr wirklich rund. Der Pillencocktail wirkt nicht auch nicht mehr – ob eine offene Zweierbeziehung Abhilfe schaffen kann? - © Foto: Landestheater/Hörnschemeyer
Gemeinsam einsam: In der Ehe von Antonia (Kerstin Hänel) und ihrem Mann (Markus Hottgenroth) läufts nicht mehr wirklich rund. Der Pillencocktail wirkt nicht auch nicht mehr – ob eine offene Zweierbeziehung Abhilfe schaffen kann? (© Foto: Landestheater/Hörnschemeyer)

So ein Ärger: Antonia will sich mal wieder umbringen. Genervt steht ihr Ehemann vorm verschlossenen Bad. "Offene Zweierbeziehung", erste Szene, und sofort ist klar: Mit dieser Ehe ist nicht mehr viel los.

Detmold. Regisseurin Jessica Sonja Cremer vergeudet in ihrer Inszenierung des Stückes von Franca Rame und Dario Fo keine Zeit: Mit dem ersten Auftritt der Schauspieler Kerstin Hänel und Markus Hottgenroth ist das Premierenpublikum im Bilde über den maroden Zustand der Beziehung des Paares, das sie verkörpern. Und in ebenso zügigem Tempo geht es weiter durch den unterhaltsamen Abend um die Szenen einer Ehe. Alte Streitmuster, manipulierte Gefühle, und das alles mit Blick auf ein Paar, dem die Liebe zueinander längst abhanden gekommen ist.

Antonia kommt mit den ständigen Seitensprüngen ihres Mannes nicht klar und reagiert mit halbherzigen Selbstmordversuchen. Den Pillencocktail mixt sie mittlerweile mit links – "wenn bloß das Magen auspumpen nicht wäre". Die Erweiterung der Zweierbeziehung um – mindestens – zwei Personen, die der Gatte als Ausweg aus dem ermüdenden Kreislauf vorschlägt, klingt nur in der Theorie gut. Zunächst kommt Antonia mit dem offenen Konzept nicht zurecht, und als ihr dann doch der  Traummann über den Weg läuft, ein Nuklear-Physiker mit musikalischen Ambitionen, verliert ihr Angetrauter angesichts dieser "atomaren Gefahr" jegliche Lust an der offenen Beziehung.

Das ist überwiegend witzig – dafür sorgen gute Dialoge. Manchmal ist es aber auch bestürzend, da das lebensnahe Geplänkel den Zuschauern reichlich Wiedererkennungswert bietet. Und meistens steuert Jessica Sonja Cremer die Inszenierung gekonnt an allzu einschlägigen (Rollen-)Klischee-Fallen vorbei. So ist beispielsweise Antonia nicht ausschließlich die hysterische Ziege, der Gatte nicht nur der böse Betrüger. Sie lässt auch die guten Zeiten anklingen, die diese Beziehung erlebt hat und legt so schlüssig dar, warum die beiden Partner überhaupt noch die Macht haben, einander zu verletzen.

Getragen wird die Inszenierung von dem großartig agierenden Gespann Kerstin Hänel – Markus Hottgenroth, die ihre Charaktere in allen Nuancen und durch alle Wendungen und Wandlungen hindurch trefflich und glaubwürdig ausleuchten. Und zu jeder Zeit ist viel Bewegung auf der Bühne – möglich wird das auch durch Torsten Rauers raffiniertes Bühnenbild, das dem Spiel der beiden immer wieder neue Räume öffnet.

Eine gute Stunde ansprechender Unterhaltung also – obgleich das Ende in seiner Aussage leicht plakativ gerät.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2020
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.