Heiner Müllers "Philoktet" feiert grandiose Premiere

Zivilisation ist eine dünne Decke

veröffentlicht

Detmold (ans). Das Stück kommt zur rechten Zeit. Besser als Schiller weiß Heiner Müller, dass Theater dort am besten ist, wo es das nackte Leben zeigt. Sein "Philoktet" feierte am Freitag eine grandiose Premiere im Grabbehaus.

Zivilisation ist eine dünne Decke. Das sieht man dort, wo wundes Fleisch dem Tod entgegen stinkt. Müllers "Philoktet" zeigt dieses wunde Fleisch. Das Stück taumelt zwischen Wahrheit, Pflicht und Lüge umher, einzig gehalten vom Rhythmus des Müllerschen Versmaßes.

Die Schmerzensschreie des Griechen Philoktet, der mit Odysseus gen Troja zog, aber schon vor der großen Schlacht so schwer verwundet wurde, dass er den Eroberern zur Last fiel und auf einer Insel zurück gelassen wurde, werden den Zuschauern noch lange in den Ohren gellen. Einige konnten nicht anders: Sie mussten einstimmen in das hysterische Lachen eines Mannes, der gleich Robinson Crusoe kaum noch zwischen Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden weiß.

Zivilisation ist eine dünne Decke. Seit die Freiheit Deutschlands überall auf der Welt verteidigt werden muss, das Abendland an seinen Schulden erstickt, während in Afrika wieder Millionen in Hunger und Bürgerkrieg verrecken, sind wir wieder mitten drin in der Antike der Welt der tragischen Helden: Odysseus, Philoktet und Neoptolemos. Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Hier, weil Odysseus mit Neoptolemos' Hilfe an den unfehlbaren Bogen des Philoktet herankommen will, der einzig helfen kann, Troja noch zu besiegen. Dafür besiegen sich der neunmalkluge, ach so listenreiche Odysseus, der jugendlich-wahrheitstrunkene Neoptolemos und Philoktet erst einmal gegenseitig.

Toll wird unter der Regie von Jessica Sonia Cremer gespielt. Allen voran Henry Klinder als Philoktet, der rauschenden Beifall und viele Bravorufe für seine überzeugende Hysterie erhält. Auch Joachim Ruczynski findet heraus aus einer anfänglich oberlehrerhaften Einseitigkeit des Odysseus ebenso wie Recardo Koppe als zunächst etwas naiver Neoptolemos. Auch sie ernten zu Recht viel Beifall.

"Philoktet" verkündet keine Moral. Es schaut der Antike einfach ins Gesicht. Und kommt deshalb genau zur rechten Zeit in unsere moderne Welt. Zivilisation ist eine dünne Decke. Aber vielleicht hat Philoktet doch eine Botschaft, dort wo der Sterbende seinen Feinden wie ein Kind voller Sehnsucht nach Anerkennung oder gar Liebe in die Augen schaut. 

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2020
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.