Major aus Detmold: Bundeswehr kämpft gegen Fachärztemangel

Posttraumatische Belastungsstörungen machen vielen Soldaten zu schaffen / Fachpersonal bei Bundeswehr fehlt

Amina Vieth

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Gezeichnet: Viele Bundeswehr-Soldaten kehren traumatisiert aus ihren Einsätzen zurück. Helfen könnte ein Psychologe. Doch die sind Mangelware bei der Bundeswehr. - © dpa
Gezeichnet: Viele Bundeswehr-Soldaten kehren traumatisiert aus ihren Einsätzen zurück. Helfen könnte ein Psychologe. Doch die sind Mangelware bei der Bundeswehr. (© dpa)

Detmold. Die Bundeswehr steht in der Kritik, weil die Truppen schlecht ausgerüstet sind. Aber es fehlt nicht nur an guter Ausrüstung, sondern auch an Personal - vor allem im medizinischen Bereich. "Die Bundeswehr hat auch mit einem Fachärztemangel zu kämpfen", sagt der Diplompsychologe und Major der Reserve Matthias Witt-Brummermann aus Detmold, der als Landesbeauftragter der psycho-sozialen Kameradenhilfe NRW tätig ist.

Die Zahl der Bundeswehrsoldaten, die sich wegen psychischer Erkrankungen in Behandlung begeben, steigt stetig an - aber es fehlen Psychologen. Am Standort Augustdorf wartet man vergebens darauf, dass die seit fünf Jahren freie Stelle besetzt wird. Doch die Stellen bei der Bundeswehr sind für niedergelassene Psychologen häufig uninteressant und der Nachwuchs innerhalb der Bundeswehr gering, wie Witt-Brummermann erklärt.

Psychologe und Major: Matthias Witt-Brummermann (Detmold).
Psychologe und Major: Matthias Witt-Brummermann (Detmold).

Soldaten, die traumatische Situationen erlebt haben, müssen therapiert werden. Zwar gibt es auch eine psychologische Betreuung vor Ort in den Einsatzlagern, aber die schwerwiegenden Folgen machen sich erst nach dem Einsatz bemerkbar. Zum Beispiel in Form einer posttraumatischen Belastungsstörung. "Nach der Rückkehr aus dem Einsatz kommen die Frauen und Männer zur Ruhe, dann machen sich die Symptome bemerkbar", sagt Witt-Brummermann. Symptome seien zum Beispiel Schlafstörungen, Alpträume und das wiederholte Durchleben des traumatischen Erlebnisses.

Isolation und Depression

Eine traumatische Erfahrung könne aber auch dazu führen, dass sich der Betroffene komplett isoliert, soziale Kontakte meidet und in eine tiefe Traurigkeit oder Depression fällt. Das gehe dann auch zu Lasten der Partnerschaft. "Die Scheidungsquote nach Einsätzen ist sehr hoch", sagt Witt-Brummermann. Das sei aber nicht nur auf psychische Belastungsstörungen zurückzuführen. "Jeder Soldat kommt verändert aus dem Einsatz wieder", betont der Experte.

Da sich traumatische Erlebnisse häufig manifestieren, könne auch eine Suchterkrankung folgen. "Viele der Betroffenen trinken dann exzessiv Alkohol, rauchen sehr stark, spielen oder treiben übermäßig viel Sport. Um so auch in den Schlaf finden zu können", sagt der Experte. "Viele der Soldaten werden mit einer Suchtanamnese in den Kliniken vorgestellt." In der Therapie werde dann versucht, das traumatische Erlebnis in das Leben zu integrieren. "Bei diesen Erlebnissen handelt es sich um komplexe Situationen. Es ist eine Informationsflut, die das Gehirn nicht bewältigen kann. Deswegen muss sie Stück für Stück aufgearbeitet werden", so der Experte.

Dafür bedarf es psychologische Betreuer, die wissen, womit die Frauen und Männer in den Einsätzen konfrontiert sind. Betroffene Soldaten werden auch von externen Therapeuten behandelt, weil das Personal bei der Bundeswehr fehlt. Doch viele der niedergelassenen Psychologen bringen die nötigen Voraussetzungen nicht mit, so Witt-Brummermann. "Der klassische Psychologiestudent hat Zivildienst geleistet. Und selbst wenn sie den Wehrdienst absolviert haben, haben sie danach meistens nichts mehr mit der Bundeswehr zu tun. Sie können nicht nachvollziehen, was die Soldaten erleben", sagt Witt-Brummermann.

Dann komme noch hinzu, dass viele der niedergelassenen Therapeuten zur Generation der Kriegsdienstverweigerer gehören. "Wenn dort dann ein Soldat gegenübersitzt, der von seinen Erfahrungen im Einsatz erzählt, kann es sein, dass der Psychologe schon eine ablehnende Haltung hat und dann auch nicht das erforderliche Einfühlungsvermögen aufbringen kann."

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