Heimatverein Augustdorf frustriert über die Politik

Manfred Brinkmeier

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Lippischer Pickert: Für viele Lipper ist er eine besondere Spezialität. Ihn gibt es auch beim Empfang im Vorfeld der Herbstkirmes. Hier muss Bürgermeister Dr. Andreas Wulf nun nach einer anderen Lösung suchen, damit die Tradition bestehen bleibt. - © Delikatessen vom Lande
Lippischer Pickert: Für viele Lipper ist er eine besondere Spezialität. Ihn gibt es auch beim Empfang im Vorfeld der Herbstkirmes. Hier muss Bürgermeister Dr. Andreas Wulf nun nach einer anderen Lösung suchen, damit die Tradition bestehen bleibt. (© Delikatessen vom Lande)

Augustdorf. Der Pickert zählt bei vielen Lippern zur Lieblingsspeise – wohl auch in Augustdorf. Ob es ihn allerdings beim Empfang für das Ehrenamt vor der Herbstkirmes geben wird, steht derzeit noch in den Sternen. Der Heimatverein Augustdorf will das Pickertessen in diesem Jahr nämlich nicht ausrichten. Es geht dabei um Vorwürfe in Richtung Politik. Dies veranlasst den CDU-Fraktionsvorsitzenden Lutz Müller zu einem offenen Brief. Einige Passagen stoßen bei der Ratsmehrheit von SPD, FWG und FDP auf wenig Gegenliebe.

Das sagt der Heimatverein: Vor Jahren habe man sich schon einmal überreden lassen, weiterzumachen, erklärt Vorsitzende Annette Strohdiek. Dieses Mal allerdings werde der Verein das Pickertessen nicht ausrichten. Als Grund gibt die Vorsitzende die Verärgerung über einen Teil der Kommunalpolitiker an. „Wir sind als Ehrenamtliche mit Herzblut bei der Sache. Allerdings bleiben immer mehr Ratsmitglieder beim Laternenumzug und beim Holzschuhtanz fern. Und das ärgert uns ganz einfach. Zudem werden auch alle nicht jünger, und so fällt es immer schwerer, weiterzumachen wie bisher." Gleichwohl werde der Heimatverein die Brocken aber nicht komplett hinschmeißen. So werde der Verein auch weiterhin für den Pickert beim Flohmarkt sorgen. Zudem sei auch die Teilnahme am Holzschuhtanz gesichert.

Der offene Brief: Die Aussage des Heimatvereins, so pauschal als Begründung genannt, stimme die CDU doch recht traurig, macht der Fraktionsvorsitzende Lutz Müller deutlich. Das Fraktionsmitglied Wolfgang Huppke sei einer der Initiatoren, der sich mit großem Engagement für den Erhalt der Herbstkirmes und des Holzschuhtanzes über Jahre hinweg eingebracht habe. Insofern halte die CDU die pauschale Kritik des mangelhaften Interesses für ungerechtfertigt. Wenn sich nun verschiedene Vereine aus der Öffentlichkeit zurückziehen, dann habe das vermutlich auch Gründe, die die Politik zu verantworten habe. Müller wörtlich: „Wenn sich die Mehrheit der Ratsmitglieder von SPD, FWG und FDP Gesprächen entzieht und Schlichtungsverhandlungen politischen Entscheidungen den Vorzug geben, dann sehen wir uns hier nicht in der Verantwortung."

Das sagt der Bürgermeister: Laut Dr. Andreas Wulf sind der Bürgermeister und der Gemeinderat früher beim Laternenumzug traditionell immer vorneweg marschiert. Der Empfang sei allerdings keine Veranstaltung für die Politik. „Wir wollen uns damit beim Ehrenamt für das nimmermüde Engagement bedanken." Leider sei die Absage des Pickertessens durch den Heimatverein relativ kurzfristig erfolgt. „Ich werde noch mal versuchen, die dortigen Ansprechpartner umzustimmen. Sollte das nicht gelingen, werde ich öffentlich dazu aufrufen, dass sich Bürger bereit erklären, Pickert zu backen."

Das sagt die SPD: Er könne nur an die Verantwortlichen im Heimatverein appellieren, ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken, stellt der Fraktionsvorsitzende Heinrich Georg Schneider fest. Schließlich sei das Pickertessen keine Veranstaltung der Politik, sondern eine wichtige offizielle Repräsentationsveranstaltung für die Gemeinde. „Dass nunmehr Herr Müller sein eigenes parteipolitisches Süppchen daraus kochen möchte und die Schuldigen schon bei den anderen Parteien ausgemacht hat, bestätigt eigentlich seine politische Instinktlosigkeit." Die Probleme der Vereine seien doch sehr viel komplexer und würden auf anderen Ursachen beruhen, fährt Schneider fort. Fakt sei, dass nur die Hälfte der Augustdorfer am Gemeindeleben teilnehme. Annähernd die andere Hälfte seien Aussiedler beziehungsweise deren hier geborene Kinder. Der größte Teil dieser Bevölkerungsgruppe gehöre drei Glaubensgemeinschaften an, die sich so gut wie gar nicht am gesellschaftlichen Zusammenleben beteiligen würden. Schneider: „Wenn sich diese Haltung nicht ändert beziehungsweise diese Spaltung weiterhin gelebt wird, wird der Kulturkreis nicht der letzte Verein in unserer Gemeinde sein, der wegen fehlendem gesellschaftlichen Engagement aufgeben muss."

Das sagt die FWG: Vereine könnten sich nun wirklich nicht über mangelnde Unterstützung seitens der Politik beklagen, meint Fraktionsvorsitzender Peter Kaup. „Sie haben die Möglichkeit, Anträge zu stellen. Zudem versuchen wir immer, Lösungen zu finden." Die Vorhaltungen seitens der CDU sieht Kaup als reinen Populismus. Es sei traurig, dass der Gemeindesportverband in CDU-Hand sei. Der sollte eigentlich neutral arbeiten. Inzwischen werde immer deutlicher, dass die CDU mit der neuen Ratsmehrheit einfach nicht klar komme. „Dass wir die Kontrollen bei den Vereinen angezogen haben, ist der Haushaltssicherung geschuldet. Und an die Adresse des Heimatvereins gerichtet, kann ich nur sagen: Die Masse der Bevölkerung in Augustdorf bringt sich nicht ein."

Das sagt die FDP: „Wir hatten den Vorstand des Heimatvereins bei uns in der Fraktion. Zudem haben wir uns immer gesprächsbereit gezeigt", betont der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Harald Schultze. „Wir hoffen, dass es dem Bürgermeister gelingt, Lösungen zu finden." Er sei selber auch Vereinsvorsitzender und wisse deshalb um die Probleme, genügend Leute zu bekommen. Das liege auch daran, dass es immer mehr Belastungen für die Vorstände gebe. Der Schwund in den Vereinen habe nichts mit der Politik zu tun. Die Vorwürfe von Lutz Müller will Harald Schultze nicht stehen lassen. „Es handelt sich um eine reine Retourkutsche auf das, was wir beschlossen haben. Schlichtungen sind heute gang und gäbe. Das müsste auch Herr Müller wissen, der schließlich Schiedsmann gewesen ist." Schultze empfiehlt allen Vereinen, politisch neutral zu agieren.

Offener Brief

"Sehr geehrte Frau Strohdiek,

werte Damen und Herren des Vorstandes, liebe Mitglieder!

Mit großem Bedauern haben wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Heimatverein das Pickertessen ab sofort nicht mehr ausrichten möchte.

Wie aus dem Rathaus zu erfahren war, wird als Begründung die mangelhafte Beteiligung der Politik am Laternenumzug und am Holzschuhtanz genannt.

Diese Aussage, so pauschal als Begründung genannt, stimmt uns doch recht traurig. Die CDU hat über viele Jahre kontinuierlich mit zahlreichen Vertretern am Laternenumzug teilgenommen. Zudem haben wir uns bei den vorbereitenden Arbeiten für die Herbstkirmes, wie z. B. beim Auslegen des Hallenbodens, eingebracht und wiederholt das Thekenpersonal in der Festhalle gestellt.

Unser Fraktionsmitglied Wolfgang Huppke ist einer der Initiatoren, der sich mit großem Engagement für den Erhalt der Herbstkirmes und des Holzschuhtanzes über Jahre hinweg eingebracht hat. Insofern halten wir Ihre pauschale Kritik des mangelhaften Interesses für ungerechtfertigt.

Mit Ihrem Entschluss, das Pickertessen nicht mehr auszurichten, wird eine lange Tradition in Augustdorf zu Ende gehen.

Wir werden Ihren Entschluss selbstverständlich respektieren und letztendlich auch akzeptieren müssen.

Wir möchten es aber nicht versäumen, Ihnen recht herzlich für Ihr Engagement zu danken. Sie haben sich über Jahre für unser Dorf eingesetzt und über die Gemeindegrenzen hinaus dazu beigetragen, dass der gute Ruf unserer Kommune gefestigt wurde.

Nicht die Politiker alleine repräsentieren unsere Gemeinde: Dazu gehören auch andere Institutionen, wie z. B. der Heimatverein und der Empfang mit Pickert zum Jahresende in unserer Gemeinde.

Wenn sich nun verschiedene Vereine aus der Öffentlichkeit zurückziehen, dann hat dies vermutlich auch Gründe, die die Politik zu verantworten hat. Insofern sollten die betroffenen Vereine, die durch politische Entscheidungen enttäuscht wurden, sich auch an die entsprechenden Parteien wenden, die diesen Unmut und das daraus resultierende Desinteresse zur ehrenamtlichen Arbeit der Vereine erzeugt haben.

32832 Augustdorf, Sandstraße 3 Mail: mueller.augustdorf@gmx.de Tel: 05237/7504

Die CDU Fraktion war stets zu Gesprächen bereit und versuchte auch einvernehmliche Lösungen herbeizuführen.

Wenn sich die Mehrheit der Ratsmitglieder von SPD, FWG und FDP Gesprächen entzieht und Schlichtungsverhandlungen politischen Entscheidungen den Vorzug geben, dann sehen wir uns hier nicht in der Verantwortung!

Im Jahre 2015 hatten Sie bereits verkündet, dass Sie das Pickertessen nicht mehr für die Gemeinde übernehmen wollten. Seinerzeit hatte ich dem Vorstand unsere Achtung vor Ihrem ehrenamtlichen Engagement erklärt. Unsere Meinung hat sich bis heute dazu nicht geändert.

Wir wünschen Ihnen, dem Heimatverein Augustdorf, für die Zukunft alles Gute!

Mit freundlichen Grüßen,

für die CDU-Fraktion

Lutz Müller"

Vorsitzender

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