Hitler-Farce lässt das Publikum schaudern

Heidi Stork

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Er ist wieder da: Um seinem Volk sein radikales Programm zu vermitteln, interviewt Adolf Hitler (Guido Thurk) auf der Straße zwei Passantinnen (Samira Hempel und Vesna Buljevic, von links). Die halten ihn allerdings für einen Schauspieler. - © Heidi Stork
Er ist wieder da: Um seinem Volk sein radikales Programm zu vermitteln, interviewt Adolf Hitler (Guido Thurk) auf der Straße zwei Passantinnen (Samira Hempel und Vesna Buljevic, von links). Die halten ihn allerdings für einen Schauspieler. (© Heidi Stork)

Bad Salzuflen. Zugegeben, die Vorstellung ist grotesk. Doch was würde passieren, wenn Adolf Hitler nach einem 70-jährigen Dornröschenschlaf in einer Gegenwart erwachte, die von Youtube bestimmt wird, in der es an jedem Kiosk türkische Zeitungen gibt und niemand Respekt vor einem Führer hat?

Mit dem heiteren und zugleich bedrückenden Bühnenstück „Er ist wieder da“ hat das Ensemble des westfälischen Landestheaters sein Publikum im fast ausverkauften Kur- und Stadttheater ordentlich ins Grübeln gebracht. Dabei war Hitler gleich doppelt vertreten. In eine braune Uniform gehüllt übernahm Guido Thurk die Spielszenen, während Burghard Braun im schwarzen Anzug verbindende Texte und Gedanken zwischen den Szenen sprach.

Nach der Romanvorlage von Timur Vermes wurde eine irrwitzige Satire erzählt, in der Adolf Hitler im Jahr 2011 mitten in Berlin aufwacht. Verwirrt irrt er umher, auf der Suche nach etwas Vertrautem. Passanten halten ihn für einen Scherz von Stefan Raab oder Hape Kerkeling, bis er schließlich in einem Kiosk von einem Fernsehsender „entdeckt“ wird.

Man hält ihn für einen genialen Hitler-Imitator, der eine steile TV-Karriere vor sich hat. Sein Auftritt in einer Comedy-Show wird zum Youtube-Hit und der einstige Führer ist als Witzbold der Nation in aller Munde. Denn während Hitler damit beschäftigt ist, seinem Volk ein radikales Programm zu vermitteln, hält ihn selbiges für einen talentierten Comedian, der endlich mal Dinge ausspricht, die andere nur denken.

Hauptdarsteller Guido Thurk hat das Publikum durch sein intensives Spiel gefesselt. Mit rollenden Augen und bebender Stimme nahm er immer mehr Fahrt auf. Er schimpfte und hielt flammende Reden, bis ihm die Adern am Hals hervor traten, und das Publikum nicht mehr wusste, ob es lachen oder weinen sollte. Auf eindringliche Weise zeichnete Thurk das Bild einen fanatischen Cholerikers. Doch das historische Vorbild liebte auch die beherrschende Pose, die brillant von Burghard Braun in der Rolle des zweiten Hitler umgesetzt wurde.

Letztlich hielten die überspitzt gezeichneten Charaktere dem Publikum den gesellschaftlichen Spiegel vor. Mit erhobenem Zeigefinger mahnte das fesselnde Bühnenstück eine bewusste Auseinandersetzung mit einer nach Sensation lechzenden Mediengesellschaft und ihrem stetig wachsenden Einfluss auf Meinungsbildung an. Am Ende bedankte sich das Publikum bei den Darstellern für das eindringliche Spiel mit Bravo-Rufen und reichlich Applaus, bevor es nachdenklich den Heimweg antrat.

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