Warum ist ADHS auch bei Erwachsenen ein Thema?

Martina Karaczko

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Die LNK Dr. Spernau Klinik in Bad Salzuflen. - © LNK Dr. Spernau
Die LNK Dr. Spernau Klinik in Bad Salzuflen. (© LNK Dr. Spernau)

Bad Salzuflen. Eigentlich schreibt man ADHS meist Kindern zu, doch es trifft auch Erwachsene: Etwa zwei bis drei Prozent der Erwachsenen leiden an einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung. Das bedeutet nicht, dass sie plötzlich daran erkranken, sondern schon im Kindesalter daran leiden.

Oft wird die Störung aber erst später diagnostiziert, bei etwa der Hälfte der Betroffenen verschwinden die Symptome nach der Kindheit nicht ganz. Dr. Christian Konkol, Chefarzt der LNK Dr. Spernau, erklärt im Interview mit "Vita50plus"-Redakteurin Martina Karaczko die Hintergründe.


ADHS bei Kindern wird oft als Modethema bezeichnet. Warum ist ADHS bei Erwachsenen plötzlich ein Thema?

Dr. Christian Konkol: Im Gegensatz zur Mediensucht, die erst durch die neuen Sozialen Medien zu einer neuen Form von Abhängigkeiten führt, ist ADHS aus meiner Sicht so alt wie die Menschheit. Dass ADHS bei Erwachsenen erst in jüngster Zeit thematisiert wird, hängt unter anderem damit zusammen, dass 2011 die ersten zugelassenen Präparate für die Behandlung von Erwachsenen auf den Markt gekommen sind. Ich beschäftige mich bereits seit 2007 mit dem Thema. Die Symptomatik der ADHS ist vielfältig.

Auf welchem Wege beziehungsweise mit Hilfe welcher Tests kann eine Diagnose sicher gestellt werden?

Dr. Christian Konkol: Der Diagnoseprozess beginnt mit einem ausführlichen ärztlichen Gespräch. Die notwendigen komplexen Testungen berücksichtigen die Kindheits- und Jugendgeschichte, die Symptomatik sowie die Einschränkungen auf der kognitiven konzentrativen Ebene. Dabei profitieren Patienten von unserer besonderen Kompetenz in der neuropsychlogischen Diagnostik.

Was können Angehörige tun?

Dr. Christian Konkol, Chefarzt bei der LNK Dr. Spernau, ist Experte für ADHS. - © LNK Dr. Spernau
Dr. Christian Konkol, Chefarzt bei der LNK Dr. Spernau, ist Experte für ADHS. (© LNK Dr. Spernau)

Dr. Christian Konkol: Angehörige können – oder besser sollten – als Ansprechpartner für die Erhebung der Kinder-und Jugendanamnese sowie bei der ärztlichen Untersuchung zur Verfügung stehen. Darüber hinaus sind Angehörige eine wertvolle Unterstützung während der Therapie. Um den Wirkungsgrad unserer Diagnostik und Therapie voll auszuschöpfen, hat sich der Dialog mit den Angehörigen bewährt. Sie sind ein wichtiger Teil des Frühwarn- und Rückmeldesystems.

Gibt es für die Krankheit eine genetische Ursache?

Dr. Christian Konkol: Ja, zum Teil. Dabei hängt der Grad der Vererbbarkeit vom genauen Subtyp der ADHS ab. Laut aktueller Studien gehen wir heute je nach Typ in bis zu ca. 80 Prozent der Fälle davon aus, dass die Veranlagung für ADHS vererbt wird. Grundsätzlich gilt auch hier, dass neben genetischer Ursachen ein Teil von Erziehung und sozialem Umfeld abhängt.

Wie kann man der Erkrankung vorbeugen und welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Dr. Christian Konkol: Während der Schwangerschaft werden schon die ersten Weichen gestellt. Rauchen während der Schwangerschaft erhöht das ADHS-Risiko eines betroffenen Kindes signifikant um ein Mehrfaches. Ein gesunder Lebenswandel während der Schwangerschaft ist die beste Prophylaxe. Später spielen die sozialen Rollen und Rollenkonzepte eine maßgebliche Rolle. Die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühles und eine gesunde Bindung zur Umgebung schützt vor fast allen psychiatrischen Erkrankungen, also auch vor ADHS.

Das Spektrum der Therapiemöglichkeiten beschränkt sich nicht nur auf den stationären Bereich. ADHS bei Erwachsenen kann erfolgreich, je nach Typ und Grad der Krankheit, auch ambulant oder in unserer Tagesklinik behandelt werden.


Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung

Die Symptome: Hyperaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit

Erwachsene Patienten verspüren ständig eine innere Unruhe und haben häufig Probleme, ihren Alltag zu strukturieren und Aufgaben effektiv anzugehen, oft sind sie sehr unkonzentriert. Sie wirken vergesslich oder schusselig, wissen zum Beispiel nicht mehr, wo sie ihren Schlüssel hingelegt haben und kommen ständig zu spät. Oft reden sie viel und sind sehr sprunghaft. Ihren Mitmenschen fällt häufig ihre Impulsivität auf, manchmal wirken sie hektisch und unterbrechen Gespräche. Manche haben auch Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu kontrollieren. Sie sind schnell wütend, frustriert oder gereizt.

Viele Erwachsene, die ADHS haben, leiden auch unter anderen Problemen. So neigen sie zu riskantem Verhalten, Depressionen, Angststörungen und sogar unter Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Bis die Diagnose ADHS gestellt wird, haben Betroffene oft schon einen langen Leidensweg hinter sich, da sie bis dahin keine Erklärung für ihr Verhalten hatten. Nicht selten führen die Verhaltensweisen zu ernsthaften Problemen im Beruf und im Familienleben, ganz abgesehen von den Suchtproblemen. Erst, wenn die Diagnose erfolgt ist, wird es für alle Beteiligten einfacher, mit der Situation umzugehen. Und auch wenn man mit kleinen Hilfestellungen und bewusster Strukturierung Verbesserungen erzielen kann, ist der Besuch eines Spezialisten nötig.

Offenlegung: Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit der LNK-Dr. Spernau-Klinik entstanden.

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