Bad Salzuflen
Unvergessen: die Ritteressen im Berghof
| von Alexandra Schaller

Wilhelm, Lilo und Frank Krüger (von links) vertiefen sich in alten Bildern und Zeitungsberichten. Vieles hat Lilo Krüger auf dem Dachboden gefunden. - © Alexandra Schaller
Wilhelm, Lilo und Frank Krüger (von links) vertiefen sich in alten Bildern und Zeitungsberichten. Vieles hat Lilo Krüger auf dem Dachboden gefunden. (© Alexandra Schaller)

Bad Salzuflen/Ehrsen-Breden. Namen kann sich Lilo Krüger (63) nicht ganz so gut merken. Aber was ihr ihre Gäste im Berghof vor Wochen oder Monaten erzählt, und welches Stück Kuchen sie dabei gegessen haben, das hat sie wie keine Zweite auf dem Schirm. „Ich brauche eben meine Gäste", sagt Lilo Krüger und lacht. Umso schlimmer waren die vergangenen Monate des Corona-Lockdowns. Ehemann Wilhelm (68) und Sohn Frank (30) haben es ihr deutlich angemerkt. „Ihr fehlte einfach was", sagt Frank Krüger. Dass es jetzt endlich wieder losgeht, darüber sind alle froh. Schließlich gibt es 2021 auch noch etwas zu feiern: das 50-jährige Bestehen des Berghofs.

Spaß auf dem Schaffell

Unvergessen: die Ritteressen, die hier ab den 1980er Jahren stattfanden. „Bei mir hat gefühlt schon jeder Salzufler auf dem Schaffell gesessen", sagt Lilo Krüger, während sie durch einen dicken Ordner voller alter Zeitungsartikel und Fotos blättert. Das Schaffell diente quasi als „Strafe", erzählt sie. Wer nicht „spurte" und den Spaß mit sich machen ließ, musste sich darauf setzen und dann Kartoffeln schälen oder einen Sack stopfen. Gut 20 Jahre lang ging das regelmäßig so. Servietten um den Hals, die Schweinshaxe mit den Händen essen, dazu kostümierte Gastgeber, teils barocke Musik – es war ein Komplettprogramm, das die Krügers Firmen oder anderen Gruppen auf Wunsch anboten. „Die Ritteressen waren teilweise ganz schön heftig – aber auch lustig", erinnert sich Lilo Krüger.

Der Berghof auf einer alten Ansichtskarte - © Alexandra Schaller
Der Berghof auf einer alten Ansichtskarte (© Alexandra Schaller)

Ursprünge gehen auf 1827 zurück

Los ging das bunte Treiben auf dem Berghof aber schon viel früher. Die Ursprünge des heutigen Hofes gehen auf das Jahr 1827 zurück, davon zeugt noch ein alter Balken. Später wurde das als „Schwerhof" bekannte Anwesen fast vollständig abgerissen und 1937/38 neu aufgebaut. Nur ein einziges Gebäude blieb aus der Gründerzeit erhalten. Nach dem zweiten Weltkrieg ging der Hof in den Besitz der Stadt Löhne über, wie es in einem alten Stadtmagazin heißt. Familie Krüger erwarb ihn 1963.

Urlaub auf dem Bauernhof

Nachdem umfangreich saniert und renoviert wurde, erfolgte 1971 der Umzug nach Bad Salzuflen. Während sich Wilhelm Krüger von da an gemeinsam mit seinem Vater August der Landwirtschaft widmete, kümmerte sich Mutter Minna mit Tochter Karin Böger um die Gastwirtschaft. Kurz darauf ging es auch schon mit Urlaub auf dem Bauernhof los. Der sollte in der Sommermonaten der Folgejahren bei den Gästen besonders gut ankommen – diverse Zeitungsartikel zeugen davon. „Die Eltern waren damals viel entspannter als heute, die Kinder spielten den ganzen Tag in den Ställen oder fuhren mit uns Traktor", erinnert sich Wilhelm Krüger.

Kurt (links) und Hugo sind erst im Frühjahr bei Krügers eingezogen. - © Alexandra Schaller
Kurt (links) und Hugo sind erst im Frühjahr bei Krügers eingezogen. (© Alexandra Schaller)

Nachfrage nach großen Feiern

Mitte der 1970er Jahre lernte er Lieselotte kennen, die beiden heirateten 1984. Weil sich Lilo Krüger auf dem Hof direkt wohl fühlte, schulte sie von der Einzelhandelskauffrau zur Hauswirtschafterin um. Ab 1987 leitete sie gemeinsam mit Schwägerin Karin die Gastwirtschaft des Berghofs. Zu der Zeit stieg langsam aber sicher die Nachfrage nach größeren Feiern. 1989 bauten Krügers daher den heutigen Wintergarten an.

Ab sofort wurde der Berghof vor allem für Feiern genutzt: von der Taufe über Geburtstage bis hin zu Hochzeiten war alles mit dabei. „Teilweise kommen heute die Kinder und Enkel der früheren Gäste noch zu uns", freut sich Lilo Krüger.

Ein großer Einschnitt ist für alle, als sich Karin Böger vor gut zehn Jahren in den Ruhestand verabschiedet. Sie hatte sich zuvor um die Küche gekümmert. „Da wussten wir erst nicht so recht, ob und wie es weitergeht", gibt Wilhelm Krüger zu. Krügers entscheiden sich, künftig bei Feiern mit Caterern zusammen zu arbeiten, an Sonn- und Feiertagen backt Lilo Krüger Kuchen, zudem gibt es Pickert und belegte Brote. „Wir wussten nicht, ob das alles so angenommen wird", erinnert sich Wilhelm Krüger. Wird es aber – und der Berghof hält bis heute am Konzept fest.

Der Berghof in seiner ursprünglichen Form, noch bevor er abgerissen und neu aufgebaut wurde. - © Rechte: Lilo Krüger
Der Berghof in seiner ursprünglichen Form, noch bevor er abgerissen und neu aufgebaut wurde. (© Rechte: Lilo Krüger)

Wo früher auch viele Kurgäste vorbeischauten, kehren heute vor allem Radfahrer und Wanderer ein. Oder sie übernachten in einem der fünf Pensionszimmer: Schließlich liegt der Berghof nicht nur inmitten von Feldern am Südwesthang des Kahlenberges, sondern gleichzeitig auch am Hansaweg zwischen Herford und Hameln.

Mini-Schweine sind jetzt auch dabei

Gehörten früher gut 30 Hektar Fläche zum Hof, sind es heute rund 65. Bewirtschaftet werden sie von Sohn Frank, der sich anders als Schwester Kerstin dafür entschieden hat, in der Nähe des Hofes wohnen zu bleiben und die Arbeit von seinem Vater Wilhelm, der seit 2017 offiziell im Ruhestand ist, zu übernehmen. Schweinemast und Ackerbau gehören in erster Linie zu seinem Aufgabenfeld, erzählt er. Aber dann wären da auch noch die Hühner, die Hunde und die Schafe, die ein anderer Landwirt auf den Flächen der Krügers weiden lässt. Nicht zu vergessen die beiden Mini-Schweine, die sich Frank Krüger erst kürzlich angeschafft hat.

Die Eingangstür des Berghofs. - © Alexandra Schaller
Die Eingangstür des Berghofs. (© Alexandra Schaller)

Endlich wieder Gäste

Die Corona-Zeit hat die Familie trotz allem ganz gut überstanden. Nur die Ungewissheit, ob und wann es weitergeht, die sei nicht ganz einfach gewesen, gibt Wilhelm Krüger zu. Inzwischen klingelt aber schon wieder regelmäßig das Telefon. „Die Leute fragen, ob es uns noch gibt und ob sie wieder bei uns feiern können", freut sich Lilo Krüger. Sie habe es kaum erwarten können, ab Pfingsten endlich wieder Gäste bewirten zu dürfen.

Der Gedanke an den Ruhestand, der sei schon mal da, geben Krügers zu. Langfristig könnten sie sich durchaus einen Pächter für ihr Café vorstellen. Aber vorerst steht Lilo Krüger weiter selbst im Gastraum. Und dabei wird es wohl auch noch eine Weile bleiben. Sie kann eben nicht ohne ihre Gäste.

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