Als Ehrsen vor 70 Jahren noch Brachland war - ein Flüchtling erinnert sich

Alexandra Schaller

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Arnim Gerlach zeigt in seinem Wintergarten alte Fotos und Dokumente. - © Alexandra Schaller
Arnim Gerlach zeigt in seinem Wintergarten alte Fotos und Dokumente. (© Alexandra Schaller)

Bad Salzuflen/Ehrsen-Breden. Früher konnte Arnim Gerlach (84) bis zum Bismarckturm und zur Kirche zu Bergkirchen blicken, und sogar die Glocken läuten hören. Heute, exakt 70 Jahre später, lebt er noch immer im selben Haus wie damals. Am 18. Dezember 1951 ist er mit seinen Eltern an die heutige Lohhofstraße, die damals noch Lohhofweg hieß, gezogen.

Damals, als der Bau des Schulzentrums Lohfeld noch in weiter Ferne lag und die Wasserfuhr nicht mehr als ein Feldweg war, der an der Feldstraße endete. Alles oberhalb davon war zu diesem Zeitpunkt nämlich noch einziges Brachland.

Bis 1951 hier die ersten beiden Häuserblöcke gebaut wurden: je vier Reihenhäuser aneinander. „Ohne Bagger, nur in Handarbeit", erzählt Gerlach. Hier zog er mit seiner Familie ein, 14 Jahre alt war er damals. Er erinnert sich noch gut daran, beim Erzählen fällt ihm noch die ein oder andere Anekdote ein, auch später wird er noch mal anrufen. Er hat für das Treffen in seinem Wintergarten einige alte Fotos und Dokumente herausgesucht, ein Stift liegt parat, damit er gleich aufzeichnen kann, wo die Straßen damals überhaupt verliefen.

Das Foto von 1952 zeigt das Reihenhaus, in das Familie Gerlach 1951 einziehen konnte. - © Alexandra Schaller
Das Foto von 1952 zeigt das Reihenhaus, in das Familie Gerlach 1951 einziehen konnte. (© Alexandra Schaller)

Flüchtling aus Schlesien

Gerlach wurde in Breslau in Schlesien geboren, von wo aus seine Eltern mit ihm im Zuge des Zweiten Weltkriegs in den Westen flüchteten. Über Sachsen und Thüringen kamen sie nach Peine in Niedersachsen. 1951 ging es für die Familie weiter nach Bad Salzuflen – auf einem Lkw, den der Vater organisiert hatte. Tische, Stühle und Kleidung wurde aufgeladen, die Großmutter durfte vorne sitzen, Gerlach und seine Mutter hinten in Decken auf der Ladefläche, so erzählt er es heute. Bis zur Heldmanstraße kam der Lkw, dann mussten die Flüchtlinge auf einen Pferdewagen umsteigen – der Feldweg Wasserfuhr war einfach nicht zu befahren, erst später sollte er zumindest halbseitig gepflastert und geschottert werden.

Doch auch die Pferdewagen kamen nicht bis zu den Häusern, die weitab im Feld standen, davor lagen noch die großen Berge des Erdaushubs. „Eine Zuwegung gab es noch nicht, wir mussten übers Feld gehen", erinnert sich Gerlach. Immerhin: Strom, Wasser und Sickerschächte hatten die Häuser. Jedes von ihnen wurde mit zwei der insgesamt 16 Familien belegt – eine lebte jeweils im Ober-, die andere im Erdgeschoss. Gerlachs hatten Glück: Sie durften in eines der Reihenendhäuser einziehen. „Es war ein ganz neues Leben in den eigenen vier Wänden."

Der erste Weg war aus Schlacke

Anfang 1952 baute die Stadt einen Weg vorm Haus: Aus Schlacke der ehemaligen Hoffmann’s Stärkefabriken. „Die Stadt kaufte die Schlacke und kippte sie hier hin." So sei ein fester Fußweg entstanden.

Gerlach erinnert sich an einen kleinen Lebensmittelladen, der damals dort an der Wasserfuhr stand, wo sich heute das Wirtshaus Lohhof befindet. „1953 wurde eine kleine Kneipe und Gaststätte angebaut, ,Der Lohhof‘ hieß das damals", erzählt er. Für alles andere habe man in Richtung Schötmar oder Bad Salzuflen gemusst. „Aber die Gaststätte König in Ehrsen gab es schon, dorthin führte anfangs aber auch nur ein Trampelpfad", erinnert er sich. Langsam kehrte nach dem Krieg ein Stück Normalität zurück. „Es gab wieder Kuchen, Schokolade – das Leben ging wieder los."

Zwischenstopps in Münster und Köln

Für Arnim Gerlach ging es als Junge aber erst einmal nach Herford auf die Mittelschule, später machte er eine Ausbildung zum Lebensmittelkaufmann in Münster, arbeitete in Bielefeld und zog 1957 nach Köln. Eine Zeit lang blieb er dort und arbeitete danach in Filialen in ganz Deutschland.

1968 kehrte er mit seiner Frau nach Schötmar zurück – ins Elternhaus, in dem damals noch die Mutter lebte. In der Zwischenzeit sei reichlich gebaut worden in der Siedlung, das ging schon ab 1951 los. Und 1968: „Da gab es schon nur noch einige Baulücken", erzählt Gerlach.

Im Laufe der Zeit wurde aus dem Lohhofweg übrigens die heutige Lohhofstraße, auch die Hausnummern wurden angepasst. Der frühere Lohhofweg ist laut Gerlach erstmals schon 1478 in Büchern erwähnt worden.

Nicht der einzige Junge von damals

Inzwischen bewohnte die Familie beide Stockwerke des Hauses. „Wir haben viel Arbeit reingesteckt, viel am Haus gemacht", zeigt Gerlach, wo früher einmal Wände verliefen. Einziges Manko: Die Häuser seien extrem hellhörig und das trotz nachträglicher Isolierung. Teilweise habe man immer noch jedes Türklingeln und jedes Telefongespräch des Nachbarn mit anhören können, erzählt Gerlach und lacht.

Besonders stolz ist er, dass er nicht der Einzige ist, der als Junge in Bad Salzuflen ankam und noch heute in der gleichen Siedlung lebt: Auch sein Nachbar Dieter Michaelis hat es bis heute hier ausgehalten. „Wir haben früher schon zusammen Federball gespielt", erinnert sich Gerlach. Ein weiterer Nachbar, der von Anfang an hier lebte, sei erst kürzlich nach Salzuflen umgezogen, erzählt Gerlach, der zwei Kinder und ein Enkelkind hat.

Ehrsen ist der Stammsitz der Familie

Als selbstständiger Handelsvertreter verdiente Gerlach sein Geld, kam viel herum. Doch sein Herz hing immer an Ehrsen. An der frischen Luft, der waldigen und hügeligen Gegend. „Das Haus war unser Stammsitz", sagt er. Daher ist er auch geblieben – gemeinsam mit seiner Frau, bis heute. Was er besonders schätzt? Den freien, unverbauten Blick über die Felder. Auch, wenn er heute weder den Bismarck-, noch den Kirchturm mehr sehen kann. Die Bäume sind in den 70 Jahren einfach zu hoch geworden.

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