Verschickungskinder: „Der Vorwurf, dass Archive mauern, ist ungerecht“

Alexandra Schaller

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Sonja Beinlich und Arnold Beuke blättern im Salzufler Stadtarchiv durch eine ganze Reihe von Unterlagen, die ihnen rund um das Thema Kinderkuren in Bad Salzuflen vorliegen. - © Alexandra Schaller
Sonja Beinlich und Arnold Beuke blättern im Salzufler Stadtarchiv durch eine ganze Reihe von Unterlagen, die ihnen rund um das Thema Kinderkuren in Bad Salzuflen vorliegen. (© Alexandra Schaller)

Bad Salzuflen. Zum Interview haben Arnold Beuke und Sonja Beinlich vom Salzufler Stadtarchiv einige Kartons voll mit Unterlagen über Salzufler Kinderkurheime aus dem Archiv herausgesucht. Gästebücher, Fotos, Erinnerungen... Wie wichtig diese Dokumente sind und wie sie bei der Suche nach der historischen Wahrheit rund um das Thema Verschickungskinder helfen können, erzählen die beiden im Interview.

Vor vier Monaten haben wir in der LZ mit der Reihe zum Thema Kinderkuren und Verschickungskinder in Bad Salzuflen begonnen. Wie wichtig ist es, diesen Teil der Stadtgeschichte öffentlich zu machen?

Sonja Beinlich: Ich finde das sehr wichtig, denn die Stadtgeschichte ist auch Teil der persönlichen Geschichte jedes Salzuflers. Und wenn man hier subjektive Erinnerungen mit historischen Hintergründen ergänzen kann, ist das eine befruchtende Kombination für beide Seiten.

Kam das Thema hier erst im Zuge der NRW-weiten Aufarbeitung auf, die vor einigen Jahren begann?

Arnold Beuke: Wir hatten den Blick immer auf der Entwicklung des Bades und der Kureinrichtungen. Und gerade die Kinderkur war ein entscheidender Impuls für die Entwicklung zum bedeutenden Kurort. Aber: Der Aspekt, wie es den einzelnen Kindern in der Kur ergangen ist und ob es dort auch Missstände gegeben hat, den hatte man vor 20 Jahren nicht so im Blick wie heute.

Und jetzt klingeln ehemalige Verschickungskinder, die Details über ihren Kuraufenthalt in Bad Salzuflen wissen wollen, bei Ihnen Sturm?

Beuke: Wir hatten auch schon vor zehn Jahren immer mal wieder Anfragen. Aber das hat durch die Aufmerksamkeit für das Thema signifikant zugenommen, das stimmt.

Können Sie immer helfen?

Beuke: Das ist sehr schwierig, weil die Erinnerung der Menschen, die als kleine Kinder zur Kur waren, oft sehr verschwommen ist. Problem ist auch, dass sich der Informationswunsch der Betroffenen oft nicht mit dem deckt, was Archive bieten können.

Inwiefern?

Beuke: Wir können die generellen Strukturen in der Stadt belegen: Die Zahl der Einrichtungen, deren Größe, die Träger. Das Kernproblem ist aber, dass wir von dieser organisatorischen nicht auf die individuelle Ebene kommen. Wir können nicht belegen, wer wann in welcher Einrichtung war.

Hat es keine Belegungslisten der Heime gegeben?

Beuke: Natürlich, die Heime mussten ja mit den Kostenträgern abrechnen. Aber diese Listen lagen uns nie vor. Schließlich archivieren wir als Stadtarchiv die Unterlagen von Behörden und städtischen Einrichtungen. Die Kinderheime waren aber eben nicht in städtischer Trägerschaft.

Beinlich: Dazu muss man sagen, dass zum einen gesetzliche Aufbewahrungsfristen schon lange abgelaufen sind und zum anderen auch die Träger selbst oft gar kein Archiv und damit auch keine Unterlagen mehr haben.

Manche ehemalige Verschickungskinder werfen Archiven vor, zu mauern.

Beuke: Das ist ein Vorwurf, der wehtut, weil er ungerecht ist. Wir sind alle darum bemüht, zur Aufklärung beizutragen. Aber wir können eben nur die Informationen weitergeben, die uns vorliegen. Dass Archive etwas verschleiern wollen, weise ich weit von uns. Im Gegenteil: Wir sind sehr daran interessiert, weitere Unterlagen zu finden. Denn wir als Archiv wollen die historische Wahrheit dokumentieren. Auch, um Gerüchten und Mythenbildung entgegenzuwirken.

Haben denn nun die Stimmen recht, die von schrecklichen Erinnerungen erzählen, oder die, die von fröhlicher Atmosphäre in den Heimen berichten?

Beuke: Die Suche nach der Wahrheit und nach historischen Fakten ist für beide Seiten gedacht. Einerseits für die Kinder, die mit ihren Erinnerungen fertig werden möchten. Andererseits geht es aber auch um korrekte Darstellung und Fairness denen gegenüber, die in den Kinderheimen gearbeitet haben. Letzteres kommt manchmal ein bisschen zu kurz. Man muss jede Erinnerung für sich wertschätzen und behutsam schauen, was die richtigen Rahmenfakten drumherum sind. Erklären können wir einzelne Erinnerungen natürlich nicht.

Aber man kann mit ihnen arbeiten...

Beinlich: Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir im Zuge der Aufarbeitung vom Archiv aus Interviews mit Betroffenen führen und würde das an dieser Stelle gerne mit einem Aufruf verbinden, sich bei uns zu melden. Diese Interviews führt man nach einem bestimmten Schema, wodurch man Dinge besser einordnen kann. Gleichzeitig lässt man jeder Erinnerung Raum.

Wie wichtig ist Ihnen persönlich die Aufarbeitung?

Beinlich: Für mich ist es auch eine Herausforderung. Archivarbeit ist häufig ein bisschen Detektivarbeit, bei der man verschiedene Schnipsel zusammenführt. Diese Schnipsel ergeben – wenn es gut läuft – am Ende ein Bild und das ist unglaublich spannend. So war es auch beim Thema Kinderkuren, wo man in Akten oder Nachlässen manchmal rein zufällig auf etwas stößt.

Wie lange beschäftigen Sie sich im Stadtarchiv schon mit dem Thema?

Beuke: Ein Impuls war die Vorbereitung der Dauerausstellung, ein anderer, dass wir in unserer Arbeitsgemeinschaft der Kur- und Bädermuseen die Kinderkur schon 2017/18 als ein zentrales Thema ausgemacht haben, das sicherlich auch in den nächsten Jahren weiter erforscht werden wird.

Immerhin gibt es in NRW die politische Entscheidung, das Thema intensiv aufzuarbeiten. Auch ein Runder Tisch mit Betroffenen, Trägern und Archiven ist eingerichtet worden.

Beuke: Daran wollen wir uns beteiligen, denn für uns als Kurort ist es ein zentrales Thema. Wichtig ist dabei aber auch, kommunale Archive in zwei Richtungen zu befragen: Einmal geht es um die Zielorte, wo die Heime standen. Noch ergiebiger sind aber oft die Überlieferungen in Archiven der Entsendeorte. Denn häufig wurden Kuren von Amtsärzten angeordnet und da könnte es entsprechende Dokumente der Gesundheitsämter geben. Dass diese Gesamtstrukturen jetzt aufgearbeitet werden, begrüße ich sehr.

Wie sieht Ihre konkrete Mitarbeit am Runden Tisch aus?

Beuke: In der Vorbereitung habe ich an Zoom-Besprechungen teilgenommen, wir möchten uns mittelfristig zudem personell, auch über die AG, beteiligen. Zudem ist eine Wanderausstellung in Planung.

Die dann auch in Bad Salzuflen zu sehen sein wird?

Beuke: Mit Sicherheit. Zudem möchten wir sie um vertiefende Einblicke in die Salzufler Geschichte als Kinderkurort erweitern. Einige Überlieferungen und Erinnerungen, Gästebücher und private Nachlässe liegen uns ja vor.

Vielleicht findet der ein oder andere auch noch etwas auf dem Dachboden...

Beinlich: Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Appell. Viele denken, private Überlieferungen seien für andere nicht spannend und wertlos und fragen sich, was sie mit alten Briefen, Fotos, Tagebüchern und ähnlichem tun sollen. Dabei ist es immer sinnvoll, solche Erinnerungen und Unterlagen vor dem Wegwerfen uns als Archiv anzubieten. Man könnte nämlich einen wahren Schatz in Händen halten.


Persönlich

Arnold Beuke ist 54 Jahre alt und lebt mit seiner Familie im Osnabrücker Land. Der Historiker und Kulturwissenschaftler ist seit 2003 bei der Stadt beschäftigt. In den ersten Jahren betreute er das Stadt- und Bädermuseum, das 2010 geschlossen wurde. Seit 2011 leitet er das Stadtarchiv.

Sonja Beinlich ist 41 Jahre alt und lebt in Bielefeld. 2018 fing die Historikerin beim Staatsbad an, seit 2020 ist sie stellvertretende Leiterin des Stadtarchivs.

Kontakt zum Archiv per Mail an archiv@bad-salzuflen.de.

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