Als Blomberg ein „Letten-Lager“ war

Patrick Bockwinkel

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Eine gemeinsame Veranstaltung von Esten, Letten und Litauern auf dem Blomberger Marktplatz. - © Stadtarchiv
Eine gemeinsame Veranstaltung von Esten, Letten und Litauern auf dem Blomberger Marktplatz. (© Stadtarchiv)

Blomberg. In Blomberg hat sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein besonderes Stück Stadtgeschichte abgespielt. Fünf Jahre lang unterhielt die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen UNRRA in der Innenstadt ein so genanntes „Letten-Lager". Rund 1.500 Letten, Litauer und Esten lebten damals in 60 von den Siegermächten beschlagnahmten Häusern – sehr zum Missfallen der Blomberger Bevölkerung.

Erforscht hat diese Episode Blombergs Stadtarchivar Dieter Zoremba, der seine Ergebnisse in einem Aufsatz unter dem Titel „Unerwünschte Nachbarn auf Zeit" in den Lippischen Mitteilungen (Ausgabe 84/2015) veröffentlicht hat. „Das so genannte Letten-Lager war im kollektiven Gedächtnis der Blomberger bis in die 1990er Jahre hinein präsent", sagt Zoremba. Zu Beginn seiner Tätigkeit als Stadtarchivar hätten sich, angesprochen auf die Nachkriegsereignisse, viele ältere Blomberger über das Unrecht beklagt, das ihnen durch die „Letten" geschehen sei. Vor allem, weil sie ihre guten Häuser hatten hergeben müssen, die anschließend heruntergewirtschaftet und verdreckt zurückgelassen worden seien.

In der Tat mussten Anfang Juli 1945 die Bewohner von rund 60 Häusern in der Innenstadt quasi über Nacht ihre Gebäude verlassen, da diese von der UNRRA beschlagnahmt worden waren. Die Blomberger - rund 200 Familien - kamen bei Bekannten oder Verwandten unter oder wurden in andere Häuser eingewiesen. Dabei wollten die Siegermächte ursprünglich auf privaten Wohnraum für die Unterbringung von „Displaced Persons", wie die Balten genannt wurden, verzichten. Doch aufgrund der großen Anzahl der Menschen und wegen mangelnder Alternativen sahen sie keine andere Alternative als eine Zwangsräumung. „Die Räumung in Blomberg war eine Maßnahme unter vielen", sagt Zoremba.

Die beschlagnahmten Gebäude waren im Stadtgebiet verteilt, weshalb der Begriff „Lager" ein wenig irreführend sei. Darüber hinaus wurden für Versammlungen und kulturelle Zwecke Teile der Bürgerschule (heute Grundschule am Weinberg), die Gaststätte „Bürgerheim" (Gartenstraße), die Turnhalle an der Neuen Torstraße (heute Mehrzweckhalle), die Gaststätte „Kaiserhof" am Langen Steinweg und das Hotel „Deutsches Haus" am Marktplatz beschlagnahmt.

Rein rechtlich waren die Balten nicht Bürger der Stadt Blomberg. Nahrungsmittel bekamen sie von der UNRRA zugeteilt. Die Blomberger Geschäftsleute profitierten insofern von den „Letten", als sie ihre Waren und Dienstleitungen vom Besatzungsamt des Kreises Detmold erstattet bekamen.

Um die Organisation im „Lager" kümmerten sich Komitees. Jede der drei Nationalitäten hatte ein eigenes. Sie organisierten Gemeinschaftsküchen, richteten Kitas und Schulen (von der Grundschule bis zum Gymnasium) sowie eine Ambulanz ein. Viele Balten waren in diesen Einrichtungen als Schreiber, Buchhalter, Koch, Lehrer, Polizist, Arzt, Pfarrer oder Krankenschwester beschäftigt. Darüber hinaus arbeiteten 1948 auch rund 50 Blomberger für das Lager.

Da sich unter den Balten viele Künstler befanden, entfaltete sich ein reges kulturelles Leben. Opernabende, Konzerte und Theatervorstellungen wurden im „Deutschen Haus" abgehalten. Eine Künstlervereinigung wurde gegründet, die Auftritte in der gesamten britischen Besatzungszone hatte. Sogar ein baltisches Kino gab es in der Werkhalle der Berufsschule. Auch Blomberger schauten sich dort Filme an. Als der Bürgermeister davon erfuhr, forderte er die Entrichtung von Vergnügungssteuer. Sogar der Wachtmeister ermittelte, um diese Forderungen zu untermauern.

Bis zum Mai 1950 dauerte die Episode des „Letten-Lagers" in Blomberg. Die meisten wanderten dann aus. Nur wenige blieben. Die beschlagnahmten Häuser wurden den Besitzern zurückgegeben. Allerdings hatten die Gebäude stark gelitten. „Vor allem, weil sie oft überbelegt waren und die Bewohner häufig gewechselt hatten", berichtet Zoremba. Umzugskosten, die Reinigung, verlorene und beschädigte Gegenstände wurden den Besitzern erstattet. Für die Instandsetzung von 53 Häusern wurden Wiederaufbaukredite von 160.000 Mark vergeben.

Viele Balten wanderten aus

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs trafen die Alliierten bei ihrem Vorrücken auf deutschem Boden auf zahlreiche Menschen, die sich aufgrund des Krieges außerhalb ihres Heimatlandes befanden. Diese Personen wurden „Displaced Persons" genannt.

Die meisten von ihnen waren Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene. Hinzu kamen ehemalige KZ-Häftlinge oder aus politischen Gründen verschleppte Personen. Außerdem zählten Menschen dazu, die vor der Roten Armee geflohen waren. Die aus den Ostgebieten vertriebenen Deutschen zählten nicht dazu, da sie sich ja in ihrem Heimatland befanden. Vor allem von den Westalliierten wurde das Ziel verfolgt, diese Menschen in ihre Heimat zurückzubringen. Dafür wurden zunächst Sammellager eingerichtet, so wie in Blomberg.

Eine Gruppe der „Displaced Persons" bildeten Esten, Letten und Litauer. Diese wollten aber im Gegensatz zu vielen anderen Nationen nicht zurück in ihre Heimat. Unter anderem, weil diese inzwischen im Einflussbereich der Sowjetunion lag. Das Ziel der meisten Balten war es, sich im Westen eine neue Existenz aufzubauen – allerdings nicht in Deutschland.

In Blomberg sollten in den 60 beschlagnahmten Häusern maximal 1.500 Menschen untergebracht werden. 1946 waren diese aber deutlich überbelegt. Ab 1947 wanderten viele Balten nach Übersee aus. Im Gegenzug wurden neue Balten aus anderen Lagern in Blomberg einquartiert, bis das „Letten-Lager" 1950 aufgelöst wurde. „Wie viele Menschen insgesamt das Blomberger Lager durchlaufen haben, lässt sich nicht feststellen", sagt Stadtarchivar Dieter Zoremba.

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