Lippische Löwen spielten für Jimi Hendrix

Thorsten Engelhardt

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Die Lions heute: Rainer Rakemann, Günter Zahn, Hans Wieneke, 
Eckhard Rakemann, Gerd Dupuis und Werner Zahn (v. l.). - © Thorsten Engelhardt
Die Lions heute: Rainer Rakemann, Günter Zahn, Hans Wieneke, 
Eckhard Rakemann, Gerd Dupuis und Werner Zahn (v. l.). (© Thorsten Engelhardt)

Blomberg. Es sind nur ein paar Töne, ein kleiner Lauf auf der Gitarre – wie ein ferner Nachhall, der immer kräftiger wird. Ein Echo, das langsam den Hahnenberg heraufzurollen scheint, bis die Luft vibriert zwischen Eierpappen an der Decke und dem uralten Teppichboden auf der Erde. Dann kracht ein E-Dur-Akkord aus den Verstärkern und aus sechs gesetzten Herren, grau meliert und arriviert, werden wieder Jungen, Rock’n‘Roller. Und schon ist die Kraft des Beats spürbar.

Diese Kraft hat eine ganze Generation elektrisiert, hat sie die eigene Körperlichkeit spüren lassen, ihr Lebensgefühl in Töne gegossen, schnell, fordernd, laut, Besitz ergreifend. Bill Haley und Elvis waren die ersten, die Beatles, die Stones, The Who und viele mehr folgten und mit ihnen lokale Bands wie Peter and the Youngsters, die X-Rays, Reinforces – oder die Lions. Sie alle bereiteten den Soundtrack für die Zeit der 68er, gaben dem Umbruch den Rhythmus.

Der kleine Probenraum am Hahnenberg ist das Hauptquartier der Lions, die bisher 55 Jahre regionale Musikgeschichte geschrieben haben. Die Tür steht offen, es sind Stimmen zu hören, die Gitarren schweigen noch. Durch ein geöffnetes Fenster schwappen Wortfetzen in den dämmrigen Raum. Die Herren Beatmusiker sitzen in der Sonne und genießen die fantastische Sicht über Lippe.

So treffen sie sich wöchentlich – wenn denn alle im Lippischen sind: Eckhard Rakemann (72, Drums), Günter Zahn (71, Gesang, Bass), Werner Zahn (69, Gitarre, Keyboard, Harp), Gerd Dupuis (68, Bass, Sound), Hans Wieneke (68, Drums) und Rainer Rakemann (67, Gitarre), die aktuelle Besetzung der Lions, die in weiten Teilen auch die Ur-Besetzung ist und damit ein Alleinstellungsmerkmal in der lippischen Musikszene hat.

Denn die Rakemann-Brüder und die Zahn-Brüder gründeten 1963 in Heiligenkirchen ihre erste eigene Tanzkapelle – als mit vielen musikalischen Talenten und entsprechender Bildung gesegnete Teenager. Aus einer Beatles-Imitation heraus entstanden dann die Lions. Sie und ihre Kollegen aus anderen Bands trafen den Nerv der Zeit. Denn lange bevor politische Diskussionen und Protest das beschauliche Lippe erreichten, schlug der Beat gewissermaßen eine Schneise in die Spießigkeit der Nachkriegszeit.

Gerade Lippe hatte eine sehr aktive Beat-Szene. „Wir hörten BBC und BFBS und Radio Luxemburg", erinnert sich Werner Zahn. „Die deutschen Radiosender brachten ja nur Schlager." Angesagt waren aber andere Bands. Bernd Wiesener, erster Bassist der Lions und mit einem großartigen Gehör ausgestattet, hörte die Töne, Riffs und Akkorde vom Radio ab und schrieb sie auf, die Lions spielten die aktuellen Hits dann nach.

„Wir waren quasi eine Top-Forty-Band", sagt Günter Zahn. Und so waren sie unterwegs – zuerst in Detmold, beispielsweise im Central Hotel oder im Hotel Stadt Frankfurt. Dann in den Clubs der britischen Soldaten. Eckhard Rakemann: „Die Detmolder strömten damals dorthin. Da gab es Live-Musik und Whisky/Cola für eine Mark." Bald aber war es nicht mehr nur Detmold – in der gesamten Region traten die Lions Mitte der 60er-Jahre auf, dann wurden sie in den legendären Star Club nach Hamburg engagiert oder in die Clubs der US-Soldaten nach Frankfurt, Wiesbaden, Mannheim.

"Jede Blaskapelle
 war lauter 
als wir"

Im Herforder Jaguar Club, wo außer den Stones und den Beatles alle angesagten Bands der Zeit gespielt haben, waren sie die Hauskapelle und Vorband für die US-Gitarrenlegende Jimi Hendrix.

Wenn die grau melierten Männer heute beim Blick über das Lippische Hügelland und an der wärmenden Glut des Grills so darüber sprechen, denken sie auch an die Altvorderen. „Unsere Eltern haben immer gesagt: So lange die Schule einigermaßen klappt, halten wir uns da raus", erinnert sich Rainer Rakemann. Das war nicht bei allen so. Bassmann Gerd Dupuis kennt Geschichten von harten Auseinandersetzungen um Musik, Haarlänge, Kleidung.

Und auch in der Schule fand das musikalische Treiben der jungen Löwen nicht überall Anklang. „Ich glaube, ich habe heute längere Haare als damals", sagt Günter Zahn schmunzelnd und denkt an selbstgebastelte Lautsprecher mit „ungefähr 80 Watt", an das Bühnenoutfit, das aus original britischen Uniformjacken bestand, und die erste Höfner-Gitarre für 250 Mark. Aber auch die erste eigene Platte – ein Cover des Titels „Bus Stop" von den Hollies.

„Jede Blaskapelle war lauter als wir. Aber wenn wir anfingen, dann wurde es subversiv", beschreibt er, was vielleicht nicht alle, aber viele Erwachsene der Zeit verstörte und die Jugend entzückte.
Nicht wortorientiert, sondern eher über Erleben und Gefühl äußerte sich die Abgrenzung. Die Musik habe jugendliche Widerständigkeit geweckt, urteilt Historiker Hans-Gerd Schmidt, der über die Zeit geschrieben hat. „Der Beat setzte den Anfangsakzent der 68er-Bewegung", sagt er. Doch als mit Eckhard Rakemann der erste Lion zum Bund muss, deutet sich an, dass die Musikerkarriere anders verlaufen wird als wie es über viele andere Bands in der „Bravo" zu lesen ist.

„Es blieb Hobby – und das war auch gut so", ist Günter Zahn überzeugt. Und ausgerechnet jetzt kreuzen sich die Linien zwischen Studentenrevolte und lippischem Beat. Denn als Soldat im Wachbataillon präsentiert Eckhard Rakemann das Gewehr, als der Schah Reza Pahlavi zum Staatsbesuch empfangen wird. Die Demonstration am 2. Juni 1967 gegen den Schahbesuch endet mit Prügeleien zwischen Iranern und deutschen Demonstranten. Die Polizei geht hart gegen die Demonstranten vor. Damit ist der Keim gelegt für die Studentenrevolte , aber auch für die damit verbundene Gewalt der „Bewegung 2. Juni" und der RAF.

Es ist frisch geworden am Hahnenberg. Der Grill ist aus, dafür sind jetzt die Verstärker an. Ein Stück im Blues-Schema füllt den Proberaum und schallt über den Hügel. Die Finger flitzen über die Griffbretter und die Klaviatur, das Drumset vibriert, ein breites Grinsen ist auf den Gesichtern zu sehen. Beat hält jung. Mehr unter: www.the-lions-lippe.de

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