Fall Maria H.: Töchter fühlen sich von Mutter bedroht

Frank Zimmermann

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Das Namensschild der damals verschwundenen Maria hängt an ihrer Zimmertür in der Wohnung ihrer Mutter. - © Patrick Seeger/dpa
Das Namensschild der damals verschwundenen Maria hängt an ihrer Zimmertür in der Wohnung ihrer Mutter. (© Patrick Seeger/dpa)

Freiburg/Blomberg. Warum verließ Maria H. 2013 – drei Wochen nach ihrem 13. Geburtstag – Familie und Freundinnen, um mit dem 40 Jahre älteren Bernhard H. aus Nordrhein-Westfalen unterzutauchen? Gegen den 58-Jährigen wird seit 8. Mai am Landgericht Freiburg wegen schweren sexuellen Missbrauchs in mehr als 100 Fällen sowie wegen Kindesentführung verhandelt.

Das Gericht hatte in der vergangenen Woche Marias Mutter Monika B. als Zeugin geladen und nach den familiären Verhältnissen befragt. Sie sind nicht Gegenstand der Schuldfrage oder der Frage nach der Täterschaft, aber zur Einordnung der Situation zum Zeitpunkt von Marias Verschwinden relevant. Nun waren am gestrigen Donnerstag zwei ältere Halbschwestern von Maria als Zeuginnen geladen, beide ließen kein gutes Haar an der Mutter. Ihre Aussagen passten so gar nicht zu der ihrer Mutter Monika B. (BZ vom 18. Mai), die vergangenen Freitag ausgesagt hatte: „Wir waren eine ganz normale Familie."

Gleich einer der ersten Sätze von Sarah M., der jüngeren der beiden Halbschwestern von Maria, lässt aufmerken: „Mit 16 bin ich freiwillig daheim ausgezogen, habe mich beim Jugendamt gemeldet und bin ins Heim gekommen." Das Verhältnis zur Mutter sei „immer schon schwierig" und „recht kühl" gewesen und allenfalls phasenweise mal besser: „Ich habe mich einfach nicht gemocht, nicht geliebt gefühlt", sagt Sarah, die 15 Jahre älter ist als Maria. Schon bevor sie den Schritt zum Jugendamt gemacht habe, habe sie abzuhauen versucht. Auch Maria habe ins Heim gewollt, sagt Sarah.

Als sie, Sarah, auf Bitten der Mutter Maria erzählen musste, wie es dort zugehe, habe die kleine Schwester gesagt, dass sie lieber auf der Straße wohne als weiter daheim. Dass ein Kind sich von sich aus beim Jugendamt meldet, um freiwillig in ein Heim zu gehen, komme sehr selten vor, sagt Bernhard Deuringer, der psychiatrische Sachverständige, der ein Gutachten über den Angeklagten erstellen soll.

Der Angeklagte im Hof des Landgerichts Freiburg beim Verlassen des JVA-Fahrzeugs. - © Ingo Schneider/Badische Zeitung
Der Angeklagte im Hof des Landgerichts Freiburg beim Verlassen des JVA-Fahrzeugs. (© Ingo Schneider/Badische Zeitung)

Der Kontakt zum getrennt von der Mutter lebenden Vater sei gegen ihren Willen von der Mutter unterbunden worden, sagt Sarah. Sie habe den Vater anlügen müssen: „Ich musste ihn anrufen und sagen, dass ich keinen Kontakt mehr will", die Mutter habe währenddessen hinter ihr gestanden. Dies sei ein Beispiel für den psychischen Druck, dem sie zu Hause ausgesetzt gewesen sei. Und oft habe sie auf ihre Geschwister aufgepasst, statt in der Schule zu sein: „Ich war nicht in der Schule, weil meine Mutter das so wollte." Weil ihr alles zu viel wurde, sei sie davongelaufen.

Nach dem Heimaufenthalt kam Sarah in eine betreute Wohnform und machte eine Ausbildung. Auch als Erwachsene sei das Verhältnis zur Mutter nicht besser geworden. Sarah M. bot Maria in einem offenen Brief in den Sozialen Medien ihre Hilfe an. „Ich wollte Maria zeigen, dass ich da bin, wenn sie mich braucht." Geschrieben hatte sie, weil sie sich Vorwürfe gemacht habe, nicht mehr auf Maria eingegangen zu sein. Maria habe ihr von dem Verhältnis zu Bernhard H. erzählt. Sie habe auch von den Verhältnissen zu Hause gewusst und sich im Nachhinein Vorwürfe gemacht, sagt Sarah.

Als Maria sich ihr anvertraut habe, sei ihr das Wichtigste gewesen, dass Bernhard H. ihr nicht weh tue – und dies habe Maria verneint. Mit dem Brief im Internet, in dem sich Sarah auch über ihre Mutter äußerte („narzisstische Persönlichkeit"), eskalierte deren Verhältnis zur Mutter vollends. Das ging so weit, dass sie sich bedroht fühlte und eine Woche aus Angst nicht aus der eigenen Wohnung gegangen sei, sagt Sarah M.

Marias älteste Schwester Rebecca F., inzwischen 37 Jahre alt, erzählt am Donnerstag, wie sie schon mit 13 weggelaufen sei, doch der Vater habe sie nicht bei sich wohnen lassen wollen. Anders als Sarah berichtet Rebecca auch von körperlicher Gewalt, die Mutter habe sie häufiger mal geschlagen, auch massiv mit dem Kochlöffel; einmal sei sie mit Stöcken verprügelt worden. Da sie immer wieder gestohlen und auch schon früh Alkohol getrunken habe, sei sie mit 13 in die Psychiatrie gekommen, später ins Heim und ins betreute Wohnen. Auch Rebecca äußerte sich nach Marias Verschwinden auf Facebook. Vor Gericht behauptet sie, danach von der Mutter „verleumdet und bedroht" worden zu sein. Beide älteren Töchter haben heute keinen Kontakt mehr zur Mutter.

Von Gewalt in der Familie jenseits einer gelegentlichen Ohrfeige weiß der langjährige Jugendamtbetreuer nichts. „Wenn ich in diese Richtung etwas gehört hätte, hätte ich natürlich Schutzmaßnahmen eingeleitet", sagt der 64-Jährige als Zeuge. Dass Alleinerziehende strenger und deren Ängste größer seien, sei nicht ungewöhnlich. Der Sozialarbeiter berichtet, dass auch noch einer der beiden Söhne und somit ein drittes der fünf Kinder von Monika B. zeitweise in einem Heim untergebracht war. Die Mutter sei stets offen für die Maßnahmen des Jugendamts gewesen und habe kooperiert. Maria und der jüngere der beiden Söhne seien indes nie im Fokus des Jugendamts gewesen.

Der Prozess wird am 13. Juni fortgesetzt.

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