Standpunkt: "Nein, Ihr müsst Euer Auto nicht umlackieren!"

Silke Buhrmester

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LZ-Leiterin Print Silke Buhrmester scrollt über die zahlreichen Kommentare, die ihr Artikel auf Facebook ausgelöst hat. - © Yvonne Glandien
LZ-Leiterin Print Silke Buhrmester scrollt über die zahlreichen Kommentare, die ihr Artikel auf Facebook ausgelöst hat. (© Yvonne Glandien)

Da kündigt der Blomberger Heimatverein Sint Nicolaas an, dass die Zwarten Pieten künftig zum Einzug des Sint Nicolaas nicht mehr mit komplett geschwärzten Gesichtern, sondern nur noch mit Rußflecken auftreten werden, und eine Welle der Entrüstung baut sich auf Facebook auf und ebbt nicht ab. LZ-Redakteurin und Leiterin Print Silke Buhrmester nimmt Stellung.

Zur Klarstellung: Hier wird nichts, aber auch gar nichts, abgeschafft, der Nicolaas bleibt, die Pieten mit schwarzer Kraushaarperücke und festlichen bunten Kostümen bleiben. Lediglich die Gesichter sind künftig nicht mehr ganz so schwarz. Das war‘s.

Offenbar hat das Gros der Facebook-Gemeinde das nicht begriffen, wie sonst ließe sich erklären, dass fast alle den Untergang des Abendlandes kommen sehen? Des christlichen, wohl gemerkt, dabei sind die meisten Kommentatoren von einer christlichen Haltung weit entfernt. Nächstenliebe und Empathie lassen sich aus ihren Worten nämlich nicht lesen, stattdessen Egozentrik, Ignoranz, im besten Fall nur Naivität – allzu oft aber übelste Hetze.

Ihr nehmt uns unsere Tradition, rufen die einen. Dabei sind der Nicolaas und die Zwarten Pieten erst durch die niederländischen Soldaten nach Blomberg gebracht worden. Sinterklaas ist eine niederländische, keine deutsche Tradition! Übrigens wie der Vier-Abende-Marsch. Als der verändert wurde und es statt 15- dann 5-Kilometer-Strecken gab, hat seltsamerweise niemand nach der Tradition geschrien. Aber das nur am Rande.

"Ihr argumentiert am Thema vorbei, und zwar komplett!"

In unserem Nachbarland haben sich mittlerweile etliche Städte für den Rußflecken-Piet entschieden. Eben weil es Menschen gibt, die sich durch die Darstellung des schwarzen Dieners verletzt fühlen. Das könnt Ihr ins Lächerliche ziehen, indem Ihr süffisant das Blackfacing mit der schwarzen Farbe Eures Autos, Eures Hundes, Kabelbinders oder Eurer Lieblingsfarbe vergleicht. Mit Sarkasmus hat das nichts zu tun, mit mangelnder Empathie und Rassismus sehr wohl. Die gute Nachricht: Nein, Ihr müsst Euer Auto nicht umlackieren und Eure schwarze Garderobe nicht in den Altkleider-Container bringen. Die schlechte: Ihr argumentiert am Thema vorbei, und zwar komplett!

Und dann gibt es noch die Fraktion der Romantiker – Ihr alle habt so schöne Kindheitserinnerungen an die Pieten? Dann malt Ihr die Erinnerung wohl mit goldener Feder! Wenn ich als gebürtige Blombergerin, Jahrgang 1968, an den Sinterklaas-Einzug in meiner Kindheit zurückdenke, so erinnere ich mich an schwarze, fremde Gestalten, die mir einfach nur große Angst machten. Vielen Blombergern erging es so – und noch heute weinen kleine Kinder aus Angst vor den pechschwarzen Gesichtern beim Einzug – so furchteinflößend werden die Rußflecken-Pieten niemals sein.

Diese Argumente zählen für Euch alle nicht – denn Ihr habt ja nie einen Menschen kennengelernt, der sich durch das Bild der Zwarten Pieten herabgewürdigt fühlte. Möglicherweise, weil Ihr nie mit Schwarzen gesprochen habt? Über den Tellerrand habt Ihr offenbar auch nicht geblickt. Ihr seid der Meinung, in Blomberg sei das alles kein Thema – im Gegenteil, die Menschen seien sogar von weit her nach Blomberg gekommen, weil es hier noch „echte Zwarte Pieten" gab. Erinnert mich ein bisschen an das kleine, gallische Dorf … hier nun also das kleine lippische Dorf, das die gesellschaftlichen Entwicklungen verschläft und die Augen verschließt vor allem, was auf der Welt passiert… .

Wir haben andere Probleme, sagt Ihr? Genau so ist es! Wir haben andere Probleme. Widmen wir uns doch denen. Und freuen uns auf den Einzug des Sinterklaas und seiner gerußten Pieten in ein paar Monaten – ein besonderes Spektakel, das vor allem den Kindern Freude bereiten soll und es nicht verdient, für politische Zwecke instrumentalisiert zu werden.

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