Prinz zur Lippe über zwei Weltkriege und ihre Folgen

"Tiefster Einschnitt in unserer Geschichte"

Michael Dahl

Bilder aus dem 1. Weltkrieg: Dr. Armin Prinz zur Lippe hat sie im hauseigenen Archiv entdeckt. Das Foto im Vordergrund entstand laut Beschriftung am 17. Februar 1917 bei Brieulles südlich von Verdun und zeigt die Begrüßung sowie Auszeichnung von lippischen Soldaten durch Fürst Leopold IV. (Mitte). - © Gerstendorf-Welle
Bilder aus dem 1. Weltkrieg: Dr. Armin Prinz zur Lippe hat sie im hauseigenen Archiv entdeckt. Das Foto im Vordergrund entstand laut Beschriftung am 17. Februar 1917 bei Brieulles südlich von Verdun und zeigt die Begrüßung sowie Auszeichnung von lippischen Soldaten durch Fürst Leopold IV. (Mitte). (© Gerstendorf-Welle)

Detmold. Der Erste Weltkrieg und die Novemberrevolution haben tief greifende Umwälzungen in ganz Europa bewirkt. Betroffen davon war auch das Haus Lippe, das – wie der gesamte deutsche Adel – einen Großteil seiner Privilegien beziehungsweise Güter abgeben musste. Im LZ-Interview wirft Dr. Armin Prinz zur Lippe (89) einen Blick zurück und bewertet dabei auch das Handeln seiner Familie.

Zwischen 1914 und 1945 war das Haus Lippe von gravierenden Veränderungen betroffen. Wie sind diese in die bis ins 12. Jahrhundert zurück reichende Geschichte einzuordnen?
Dr. Armin Prinz zur Lippe: Die Ereignisse während der Novemberrevolution 1918 waren singulär in der Geschichte unseres Hauses. Keiner der Vorfahren hatte jemals vor dem Problem gestanden, mit einem derart umfassenden Einschnitt, wie ihn der Verzicht auf den lippischen Thron bedeutete, fertig zu werden.

Wie hat Ihr Vater, Fürst Leopold IV., diese Ereignisse aufgenommen?
Prinz Armin: Er hat das Vorgehen des Volks- und Soldatenrates – und vor allem den Domanialvertrag vom Dezember 1919 – als Diktat empfunden und deshalb in der Folgezeit ja auch um Verbesserungen gekämpft. Diese wurden dann in einem 1938 abgeschlossenen Schiedsgerichtsverfahren erreicht. Es gab damals eine Ausgleichszahlung, aber leider nicht die Domäne Varenholz, wie er es sich gewünscht hatte.

War Ihrem Vater nicht von vornherein klar, dass die Herrschaft nicht zu halten war? Die Entwicklungen im Reich waren ja eindeutig.
Prinz Armin: Doch schon. Er hat ja nicht ohne Grund angeboten, auf den Thron zu verzichten, wenn eine, so wörtlich, "auf breitester Grundlage gewählte Vertretung des lippischen Volkes" dies in einem geordneten Verfahren beschließen würde. Aber der Volks- und Soldatenrat hat sich darauf bekanntlich nicht eingelassen.

Was wissen Sie von Ihrem Vater über die Stimmung am Vorabend des 1. Weltkrieges?  Wie veränderte sich diese in den folgenden Jahren?
Prinz Armin: Ich weiß aus späteren Gesprächen, dass die Stimmung bei uns eher zweifelnd als begeistert war. Es herrschte wohl die Meinung vor, dass der Krieg Deutschland aufgezwungen worden ist. Aber natürlich war mein Vater patriotisch eingestellt und hat in den Folgejahren an der West- und der Ostfront mehrere Truppenbesuche absolviert.

Er hat dabei Kaiser Wilhelm II. getroffen. Das überrascht, galt das Verhältnis wegen des lippischen Thronfolgestreits doch als tief zerrüttet…
Prinz Armin: Meinen Vater hat es, soweit ich weiß, sehr verbittert, dass es zu diesem tiefen Zerwürfnis gekommen ist. Er war stets an einem guten Verhältnis interessiert. Erst im Krieg lud der Kaiser ihn 1916 zu sich in sein Hauptquartier, um ihm Anerkennung für die besondere Tapferkeit des lippischen Bataillons zu bezeugen. Seitdem bestanden wieder gute Kontakte.

Waren der 1. Weltkrieg und seine Folgen in den 20er- / 30er-Jahren Gesprächsthemen in der Familie?
Prinz Armin: Mein Eindruck ist, dass mein Vater – vor allem nach dem Schiedsspruch von 1938 – seinen Frieden mit den Ereignissen geschlossen hatte. Das wurde dann nicht weiter thematisiert.

Gab es seinerzeit oder später Kontakte zu führenden Politikern aus Lippe?
Prinz Armin: Der Name Neumann-Hofer ist verschiedentlich gefallen. Dieser war ja zeitweilig auch  Reichstagsabgeordneter. Ob es Kontakte gab, kann ich nicht sagen.

Gibt es noch Akten, Dokumente, Fotos oder Filme aus dieser Zeit in Familienbesitz?
Prinz Armin: Es gibt noch zahlreiche Dokumente aus dieser Zeit – auch etwa von Truppenbesuchen im 1. Weltkrieg. Sie vermitteln ein interessantes Zeitbild. In Zusammenarbeit mit dem Archivamt Münster haben wir die alten Unterlagen aufbereiten lassen. Entsprechendes gilt für die Militärberichte. Interessenten können im Landesarchiv NRW in Detmold spezielle Teile des Bestandes nach Anfrage bearbeiten. 

Haben Sie aufgrund der hohen Aktualität dieses Themas in Ihren Archiven gestöbert?
Prinz Armin: Ich habe den Jahrestag vor allem zum Anlass genommen, einige Bücher zum 1. Weltkrieg zu lesen. Die viel diskutierte Arbeit des australischen Historikers Christopher Clark über die Vorgeschichte des 1. Weltkrieges ("Die Schlafwandler", Anm. d. Red.), in dem die Kriegsschuldfrage neu diskutiert wird, oder auch das Standardwerk von Thomas Nipperdey. Und ja, je mehr ich in dem Archiv arbeite, um so mehr bewundere ich meinen Vater.

Wie stark tangiert Sie, was Sie da lesen?
Prinz Armin: Ich kann das als Teil der Geschichte sehen. Es kommen keine Erinnerungen hoch, auch keine Wehmut oder andere Gefühle.

Wie haben Sie Land und Leute in der Zeit zwischen den Weltkriegen erlebt? Gab es Ressentiments?
Prinz Armin: Sollte es sie gegeben haben, habe ich sie jedenfalls nicht wahrgenommen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als kleiner Junge mit meinen Eltern Spaziergänge unternommen habe – etwa zur Oberen Mühle. Da gab es nie irgend welche Probleme. Auch wollte ich unbedingt in die öffentliche Schule gehen, nachdem ich zunächst Privatunterricht hatte. Ab der Quarta hat es dann auch geklappt. Es gab da vielleicht ein paar Mitschüler, die sich etwas zurückgehalten haben, aber alles in allem war ich voll akzeptiert.

Was haben Sie aus Kindheit und Schulzeit mitgenommen?
Prinz Armin: Ich habe durchaus mitbekommen, wie schlecht es vielen Menschen finanziell in der Endzeit der Weimarer Republik ging. Und ich habe in der Nazi-Zeit auch erstmals richtigen Hass erlebt. Da gab es etwa einen Lehrer, der, weil er die Zumutung verweigerte, sich von seiner jüdischen Ehefrau scheiden zu lassen, aus dem Dienst entfernt wurde. Meine Mutter, Fürstin Anna, war von Anfang an sehr sensibilisiert. Gleich nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler hat sie gesagt: "Das bedeutet Krieg".

Und Ihr Vater?
Prinz Armin: Mein Vater verhielt sich eher abwägend. Ich glaube schon, dass er Widerwillen gegen diese Leute hegte, hat diesen aber für sich behalten. Ich wurde allerdings ausdrücklich ermahnt, nicht nach außen dringen zu lassen, was im Schloss besprochen wurde.

Ihre drei älteren Brüder aus der ersten Ehe Ihres Vaters haben sich mit den neuen Machthabern arrangiert…
Prinz Armin: Ja, vor allem der Älteste, Erbprinz Ernst, hatte die anderen beiden dazu gebracht, sich in der NSDAP zu engagieren. Meines Vaters Bestreben war es demgegenüber, dafür zu sorgen, dass sich die Familie nicht in dieser Art und Weise exponiert. Ich kann mich noch an manchen lautstarken Streit zwischen beiden darüber erinnern.

Wie war die Gemütslage zu Beginn des 2. Weltkrieges?
Prinz Armin: Für mich persönlich bedrückend. Auch meine Eltern sagten, dass die Stimmung in der Bevölkerung eine vollkommen andere war als 1914.

Sie haben mitten im Krieg Abitur gemacht…
Prinz Armin: Ja, noch ein reguläres Abitur. Wir waren damals in der Abschlussklasse zu siebt. Ich habe mich dann freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, weil ich mir die Waffengattung aussuchen wollte. Ich wollte zur Luftwaffe. Und ich wollte kein Offizier werden.

Sie sind, für viele überraschend, von Ihrem Vater zum Chef des Hauses Lippe berufen worden. Hatte dies etwas mit Krieg und Nationalsozialismus zu tun?
Prinz Armin: Es hat sich um eine unabhängige Entscheidung meines Vaters gehandelt, die gleichwohl mit Krieg und Nationalsozialismus zu tun hatte. Da die Alliierten Nazi-Vermögen einzogen, bestand die Sorge, dass unser Haus auch betroffen sein könnte. Meinem Vater ist dann von juristischer Seite empfohlen worden, das Testament zu meinen Gunsten zu ändern.

Wie haben Ihre Brüder reagiert?
Prinz Armin: Sie haben das – für manchen mag das erstaunlich sein – ohne zu murren akzeptiert. In unserer Familie hatten und haben wir stets ein sehr gutes Verhältnis. Das hat mein Vater dadurch ermöglicht, dass er die Änderung seiner Nachfolge in einer Niederschrift angekündigt und erläutert hatte, die er meinen drei älteren Brüdern zu lesen gegeben hatte. Darin steht unter anderem, dass ihre Stämme  nicht endgültig aus der Erbfolge herausfallen und dass es ihm darum ging, den angestammten Besitz des Schlosses und des Waldes in und bei Detmold vor einer Enteignung zu bewahren. Diesen Teil des Erbes hat er im Testament "Stammsitz" genannt.

Welche Schlüsse haben Sie aus dem 2. Weltkrieg gezogen?
Prinz Armin: Sie spielen auf das Engagement von meiner Frau und mir im Verband der Kriegsdienstverweigerer an. Dies war damals für mich eine zwingende Folge des unmittelbaren Kriegserlebens. Es schien uns in den 50er-Jahren zu früh für die Aufstellung einer neuen Armee zu sein, zumal Teile des Offizierskorps noch in der Wehrmacht gedient hatten. Wir haben dann aber gesehen, welch gute Entwicklung die Bundeswehr genommen hat – Stichwort: innere Führung – und dann unsere Auffassung revidiert. In den vergangenen Jahrzehnten hat es ja auch nie Probleme zwischen uns und der Bundeswehr gegeben. Aber wir bekennen uns noch heute zu der damaligen Entscheidung.

Die hat seinerzeit vermutlich für einigen Ärger gesorgt…
Prinz Armin: Ein bisschen schon.

Wie bewerten Sie heute das Verhalten des Hauses Lippe?
Prinz Armin: Das Haus Lippe ist in der allgemeinen Wahrnehmnung angesehen wie eh und je – und zwar sowohl in der Bevölkerung als auch in anderen Fürstenhäusern. Es ist nicht in Tradition verknöchert, sondern im besten Sinne mit der Zeit gegangen. Der Stammsitz ist erhalten, und der Übergang auf die nächste Generation ist eingeleitet. Wir fühlen uns als Teil der Geschichte dieses kleinen Landes, dessen Tradition es wert ist, erhalten zu werden.

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