Mutter verbietet Treffen mit Flüchtlingen

Grundschülerin darf nicht an Nachmittagsveranstaltung teilnehmen - Schulleiter erschüttert

Jana Beckmann

Detmold. In Detmold herrscht es ein großes Engagement für Flüchtlinge. Einige Vorfälle geben aber auch zu denken. So durfte eine Grundschülerin offenbar kürzlich nicht an einer Aktion mit Flüchtlingskindern teilnehmen. Die Grundschule Hiddesen hatte eine Sportstunde in der Sporthalle der August-Hermann-Francke-Schulen organisiert, zu der Flüchtlingskinder eingeladen waren. Ziel war, dass sie bei den gemeinsamen Aktivitäten mit deutschen Kindern in Kontakt kommen und dass Integration gefördert wird. Offenbar durften aber nicht alle Grundschüler teilnehmen.

"Eine Hiddeser Grundschülerin erzählte mir, sie dürfe, anders als ihre Klassenkameradinnen, nicht zu der Nachmittagsveranstaltung ihrer Schule gehen", schreibt Gudrun Heitmann in einem Leserbrief an die LZ. Die Mutter hätte ihr Verbot auch begründet: Freundeten sich die Kinder an, sei zu befürchten, dass vielleicht später eines dieser Kinder nach Hause zu Besuch käme. Und wenn die Familie dann im Sommer in Urlaub sei, kämen die Flüchtlinge alles stehlen.

"Rassistische Aussagen werden vor allem im geschützten Kreis der Familie geäußert. Kinder nehmen solches Gedankengut auf. Für die Grundschülerin kam die Aussage der Mutter über stehlende Flüchtlinge schließlich einer Tatsache gleich", berichtet Heitmann, die die Schulaktionen für richtig und wichtig hält.

Schulleiter Stefan Fromme zeigte sich auf Nachfrage der LZ von dem Vorfall sprachlos und erschüttert. "Es ist richtig, dass nicht alle Schüler an der Veranstaltung teilgenommen haben. Viele haben am Nachmittag aber auch andere Dinge", sagte Fromme. Es sei eine schöne Aktion gewesen; viele Eltern hätten es sich sogar eingerichtet, dabei zu sein. Und im persönlichen Kontakt seien spontan neue Ideen für weitere Hilfen entstanden. Negative Rückmeldungen habe es nicht gegeben.

"Für uns als Schule wird nun aber noch einmal deutlich, welches Maß an gesellschaftlicher Aufklärung und Arbeit hinsichtlich Menschlichkeit und Toleranz im Zusammenleben mit Menschen anderer Herkunftsländer und Kulturen noch vor uns liegt", so der Schulleiter. Als Konsequenz werde sich die Schule noch stärker um das Thema Flüchtlingskinder kümmern als ohnehin schon geplant. Dazu solle auch die Aufbereitung dieses Themas gehören.

KOMMENTAR: Pegida lässt grüßen
Von Jana Beckmann
Es ist ein bedenklicher Zeitgeist, der sich hierzulande einschleicht. In Dresden und anderen Städten demonstrieren Pegida-Anhänger gegen eine vermeintliche Islamisierung des Abendlandes. In Detmold darf eine Grundschülerin nicht an einer Nachmittagsaktion mit Flüchtlingen teilnehmen. Da fragt man sich langsam: Wo leben wir hier eigentlich?

Eine unterschwellige Angst vor dem Fremden, dem Anderen wird es wahrscheinlich immer geben, aber der Verstand sollte es doch besser wissen. Es ist ja nicht so, als würden wir regelrecht von einer Flüchtlingswelle überrollt.

In Detmold kommt grob gerechnet ein Flüchtling beziehungsweise Asylbewerber auf 130 Einwohner.

Die meisten sind vor Krieg und Terror geflohen, haben traumatische Erlebnisse hinter sich und bitten nun um Hilfe. Natürlich sind auch Menschen aus prekären Verhältnissen darunter, und der eine oder andere mag auch schon mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sein. Aber das ist bei den Deutschen nicht anders.

Wir sind schlichtweg dazu verpflichtet zu helfen - schon allein aus Menschlichkeit. Und wir sind dazu verpflichtet, nachfolgende Generationen zum Beispiel durch Aktionen wie die der Grundschule Hiddesen zu toleranten Menschen zu erziehen. Mit Blick auf die deutsche Geschichte sollte dies jedem ein Anliegen sein.

jbeckmann@lz.de

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