Ehepaar wegen Totschlags vor Gericht

Ex-Freund der Tochter entgeht nach Messerattacke nur knapp dem Tod – Angeklagter gesteht

Erol Kamisli

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Auf der Anklagebank: Der 39-jährige Installateur neben seinem Verteidiger Dr. Holger Rostek, daneben Rechtsanwalt Peter Rostek sowie die mitangeklagte Ehefrau, die während ihrer Aussage teilweise einen Dolmetscher brauchte (von rechts). - © Gerstendorf-Welle
Auf der Anklagebank: Der 39-jährige Installateur neben seinem Verteidiger Dr. Holger Rostek, daneben Rechtsanwalt Peter Rostek sowie die mitangeklagte Ehefrau, die während ihrer Aussage teilweise einen Dolmetscher brauchte (von rechts). (© Gerstendorf-Welle)

Detmold/Horn-Bad Meinberg. Lange Narben am Hals, Hinterkopf und im Gesicht erinnern den 21-Jährigen an die Messerattacke im Juni 2013. Auf der Anklagebank sitzen die Eltern seiner Ex-Freundin wegen versuchten Totschlags - zum zweiten Mal.

Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hatte das Urteil des Detmolder Landgerichts aus dem Jahr 2013 wegen Rechtsfehlern in der Urteilsbegründung aufgehoben - daher muss wieder verhandelt werden. Auch zu Beginn des neuen Prozesses vor dem Detmolder Landgericht legte der 39-jährige Angeklagte ein Geständnis ab. "Am Horner Bahnhof habe ich ihn mit dem Cuttermesser verletzt", so der vierfache Familienvater.

Das Cuttermesser trage er immer bei sich, da er auch Hausmeisterdienste wahrgenommen habe. Doch die Tat sei nicht geplant gewesen, er habe nur seine Frau beschützen wollen, die bereits mit dem Ex-Freund der Tochter in Streit geraten war. Nach der Tat habe er die Polizei verständigt. Die Angeklagte, die am Bahnhof auf den Ex-Freund der Tochter einschlug, schwieg zum Prozessauftakt und ließ über ihren Anwalt erklären, dass ihr die Tat "fürchterlich leid tue."

Hauptgrund für das Treffen mit dem heute 21-Jährigen waren Nacktfotos der damals 16-jährigen Tochter, die im Internet zu sehen waren. Auf den Bildern sei die Tochter halbnackt vor einem Spiegel und bei sexuellen Handlungen zu sehen. "Nur er kann die Fotos ins Internet gestellt haben", betonte der Installateur gestern. Die Familie habe sich nach der Veröffentlichung der Bilder nicht mehr auf die Straße getraut. Zwei Tage vor dem Treffen am Bahnhof habe er erfahren, dass es noch ein Sexvideo seiner Tochter gibt, das in Kürze im Internet veröffentlicht werden solle. "Ich war sehr verärgert, aber bei dem Treffen wollten wir ihn bitten, das Video nicht zu veröffentlichen", sagte der Angeklagte. Doch die Situation am Bahnhof sei eskaliert. Der 21-Jährige konnte nach der Messerattacke blutüberströmt fliehen und brach vor einem Discounter zusammen. "Nur durch die Anwesenheit einer Ärztin habe er die Tat überlebt", sagte Oberstaatsanwalt Christopher Imig. Er gehe davon aus, dass das türkischstämmige Ehepaar versucht habe, den jungen Mann umzubringen. Sie sollen ihn dorthin gelockt haben, weil sie die bereits beendete Beziehung zu ihrer Tochter, die inzwischen in der Türkei lebt, nicht akzeptieren wollten, so Imig.

Dem widersprach der Angeklagte: "Wir haben ihn akzeptiert." Dies bestätigte auch der Ex-Freund. "Zwischendurch war alles gut, aber mit den Nacktbildern habe ich nichts zu tun", so der 21-Jährige. Er habe mit der Ex-Freundin auch "mal gekifft" und ihr auch eine Ohrfeige verpasst.

Weitere Verhandlungstage sind für 20. und 22. Januar angesetzt.

Info
Anonymer Drohbrief
Sechseinhalb und vier Jahre Haft wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung – so lautete das Urteil des Detmolder Landgerichts im Dezember 2013 gegen das Ehepaar. Doch nach Revision durch Verteidiger und Staatsanwaltschaft hob der Bundesgerichtshof (BGH) im August das Urteil auf. Seit gestern wird neu verhandelt. Im Vorfeld der Prozesses erhielt Rechtsanwalt Alexander Alers, Verteidiger des Ex-Freundes, einen anonymen Brief: „Darin wird meinem Mandanten gedroht“, sagt Alers. Das Schriftstück sei bereits bei der Polizei. Am Rande des Prozesses wurde bekannt, dass der Angeklagte sich in Kürze wegen einer Schlägerei im Gefängnis wieder vor Gericht verantworten muss. Das Paar sitzt seit 19 Monaten in Haft.

Chronologie
22. August 2012: Die damals 16-jährige Tochter der Angeklagten und ein 19-jähriger Mitschüler verlieben sich.
29. Januar 2013: Im Handy der Tochter liest der 39-jährige angeklagte Vater eine Nachricht – sie soll Sex gehabt haben.
30. Januar 2013: Das Mädchen flieht aus dem Elternhaus und gibt als Grund an, dass ihre Eltern sie umbringen wollen. Sie kommt in die Obhut des Jugendamtes.
10. April 2013: Die Angeklagten geben die Verlobung ihrer Tochter bekannt – mit Zustimmung des Freundes.
3. Mai 2013: Der Freund löst die Verlobung. Grund: „Ich bin noch viel zu jung dafür.“
30. Mai 2013: Trennung – die Beziehung zwischen den beiden Jugendlichen t aus.
7. Juni 2013: Erste Nacktbilder des Mädchens kursieren in den sozialen Netzwerken.
8. Juni 2013: Inzwischen kennen viele Bekannte und Freunde der 16-Jährigen die Fotos. Auf den Bildern ist sie halbnackt vor dem Spiegel und bei sexuellen Handlungen zu sehen.
10. Juni 2013: Die Eltern des Mädchens entdecken die Nacktbilder ihrer Tochter im Internet. Zudem solle in den kommenden Tagen ein Sexvideo erscheinen. Sie vermuten als Drahtzieher den Ex-Freund.
12. Juni 2013: Am Bahnhof in Horn treffen sich Eltern und Ex-Freund – es wird nicht geredet, sondern gleich das Messer gezogen. Der junge Mann kommt mit schweren Schnittverletzungen ins Krankenhaus. Die Eltern des Mädchens werden verhaftet.
17. Dezember 2013: Das Ehepaar wird vom Detmolder Landgericht wegen fahrlässiger Tötung und gefährlicher Körperverletzung zu sechseinhalb und vier Jahren Haft verurteilt. Zudem muss es 30.000 Euro Schmerzensgeld zahlen.
14. August 2014: Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hebt das Urteil gegen die Eltern wegen Rechtsfehler in der Urteilsbegründung auf.
12. Januar 2015: Neuer Prozess am Landgericht Detmold – das Urteil gibt es voraussichtlich am 22. Januar.

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