Kerstin Höltkemeyer-Schwick verlässt Detmolder JVA mit dem Ziel Bielefeld-Senne

„Die Chefin“ hat neue Aufgaben im Blick

Thorsten Engelhardt

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Neue Wirkungsstätte in Bielefeld: Kerstin Höltkemeyer-Schwick verlässt Detmold. - © Vera Gerstendorf-Welle
Neue Wirkungsstätte in Bielefeld: Kerstin Höltkemeyer-Schwick verlässt Detmold. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Detmold. Neun Jahre lang hat die Justizvollzugsanstalt Detmold unter weiblicher Leitung gestanden. Jetzt verlässt Kerstin Höltkemeyer-Schwick ihre Wirkungsstätte. Sie übernimmt die zehn mal größere JVA Bielefeld-Senne.

„Die Chefin“, wie sie auch von Gefangenen genannt wird, hinterlässt im Detmolder Knast markante Spuren. Unter ihrer Ägide wurde die Lebensälteren-Abteilung eingerichtet, ein bundesweites Vorzeigeprojekt. Internet-Telefonie für Gefangene mit ihren Angehörigen ist ein weiteres Pilotprojekt, das in Detmold versucht wird.

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Neue Wohngemeinschaft

Speziell für Männer, die aus der Lebensälteren-Abteilung der JVA Detmold entlassen werden, soll es direkt neben dem Knast in einem der beiden leerstehenden Bediensteten-Wohnhäuser eine Wohngemeinschaft geben. Gedacht ist die laut Kerstin Höltkemeyer-Schwick speziell für Ältere, die bei dem Weg in die  Freiheit nach vielen Jahren der Begleitung bedürfen. Partner der JVA sind dabei die Lippische Landeskirche und die Herberge zur Heimat in Detmold, die die Wohnung anmieten und die Betreuung sicherstellen wird. Im Oktober soll das Projekt starten.

Für Innovationen im Strafvollzug hat Kerstin Höltkemeyer-Schwick immer ein offenes Ohr. Sie gehörte zu den ersten beiden Teilzeit-Chefinnen in einer JVA in Nordrhein-Westfalen und zu den ersten Frauen im Direktorensessel überhaupt. Bis vor wenigen Monaten hatte sie keine volle Stelle, sondern eine Viertagewoche. Aber jetzt sind die beiden Töchter so groß, dass die 52-Jährige wieder Vollzeit arbeiten will. „Teilzeit duchzusetzen, war nicht einfach“, erinnert sie sich zurück. „Aber das hat sich entwickelt.“ Genauso wie es auch kein Thema mehr ist, dass Frauen in Männerhaftanstalten arbeiten. 16 Gefängnisse in NRW stehen unter weiblicher Leitung, darunter große wie Aachen oder Werl.

Aber ein kleiner Knast macht manches einfacher, zum Beispiel Innovationen durchzusetzen, wie die Lebensälteren-Abteilung. Der Dienstweg sei kurz, die Kommunikation direkter, die Atmosphäre in Detmold gut, fasst Höltkemeyer-Schwick zusammen. Das wüssten auch die Gefangenen zu schätzen. Und die Devise „Wer schlägt, geht“ wirke sich so mäßigend auf das Verhalten aus.

Dazu trägt auch etwas anderes bei: Alle „Knackis“ in Detmold haben Arbeit. Die Firmen in der Region seien sehr zuverlässige Partner der JVA, ist die Chefin dankbar. Wie auch überhaupt die Vollzugsanstalt in der Stadt und der Region gut vernetzt und akzeptiert sei. Als es vor Jahren um eine Erweiterung an der Bielefelder Straße ging, gab es nicht eine negative Reaktion. Aus der Erweiterung wurde dennoch nichts. Die Zahl der Gefangenen im Land geht zurück, für einen Ausbau ist Detmold nicht mehr vorgesehen. Dafür hat Höltkemeyer-Schwick eine andere neue Idee entwickelt (siehe Info).

Denn bis auf wenige Ausnahmen komme nun mal jeder Gefangene irgendwann wieder in die Freiheit. „Dafür müssen die Leute fit gemacht werden“, ist ihr Credo. Sie brauchten eine Perspektive und Anknüpfungspunkte. Der Vollzug dürfe sich nicht abschotten. Natürlich sei er ein „Risikounternehmen“, doch dieses Restrisiko müsse die Gesellschaft tragen. In Detmold war es nicht spürbar. Einen Ausbruch gab es in den vergangenen neun Jahren nicht.

Auch „drin“ verändert sich vieles. Nicht nur in der sozialtherapeutischen Abteilung, auch im Hafthaus gebe es immer mehr Gefangene mit psychischem Behandlungsbedarf, berichtet Rolf Bahle, der als Stellvertreter nun kommissarisch die JVA-Leitung übernimmt. Weil das Detmolder Team damit umgehen könne, würden solche Gefangene verstärkt hier eingewiesen, erläutert Höltkemeyer-Schwick, die darin eine allgemeine Entwicklung sieht. Drogenmissbrauch, Sprachprobleme, fehlende Berufsausbildung führten dazu.

Neue Herausforderungen nimmt sich auch Kerstin Höltkemeyer-Schwick vor. Die Juristin übernimmt am 7. September mit Bielefeld-Senne die mit 1.600 Plätzen und rund 450 Bediensteten größte Anstalt des offenen Vollzuges in ganz Europa. Auch dort will sie Innovationen umsetzen. „Mal schauen, mir fällt schon etwas ein.“

Kommentar: Neue Probleme für den Vollzug

von Thorsten Engelhardt
Keine Mauern, kein Stacheldraht, keine Wachtürme: Die JVA Detmold, 1961 nach einem neuen Konzept gebaut, hat nicht viel vom gängigen Bild eines Knastes. Auch die Außenwirkung ist anders. Während andere Haftanstalten negative Schlagzeilen machen, glänzt Detmold mit Projekten wie der Lebensälteren-Abteilung. Kein Wunder, dass die bisherige Leiterin Kerstin Höltkemeyer-Schwick jetzt mit der JVA Bielefeld-Senne Aufgaben übernimmt, die zehn Mal umfangreicher sind.

Neuen Herausforderungen muss sich der Vollzug insgesamt stellen. Detmold hat wiederum mit der Lebensälteren-Abteilung anderen hier ein Vorbild gegeben. Bedenklich stimmt hingegen, was erfahrene Anstaltsleiter wie Kerstin Höltkemeyer-Schwick und ihr Stellvertreter Rolf Bahle in den vergangenen Jahren schon beobachtet haben. Die Zahl psychisch kranker Strafgefangener wächst an.

Schon 2009 ermittelten Wissenschaftler, dass die Rate höher liegt als in der allgemeinen Bevölkerung. Wenn die Grenzen zwischen normalem Vollzug und Massregelvollzug fließend werden, müssen darauf nicht nur die Psychologen und Therapeuten in den Gefängnissen reagieren; auch die uniformierten Bediensteten müssen darauf vorbereitet sein.

Hier wartet noch viel Arbeit auf das Land als Träger des Strafvollzugs, wenn es negative Schlagzeilen vermeiden will, die aus der schlichten Überforderung der Bediensteten resultieren.

tengelhardt@lz.de

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