Migrationsforscher warnt vor Panikmache wegen rechter Gruppen

Junior-Professor Dr. Jannis Panagiotidis stellt Ostwestfalen-Lippe ein gutes Zeugnis im Umgang mit Spätaussiedlern aus

Alexandra Schaller

Im Rathaus: Junior-Professor Dr. Jannis Panagiotidis (rechts) im Gespräch mit Stadtsprecherin Petra Schröder-Heidrich, Integrationsbeauftragtem Stefan Fenneker und Städtepartnerschaften-Koordinatorin Astrid Illers (von links). - © Alexandra Schaller
Im Rathaus: Junior-Professor Dr. Jannis Panagiotidis (rechts) im Gespräch mit Stadtsprecherin Petra Schröder-Heidrich, Integrationsbeauftragtem Stefan Fenneker und Städtepartnerschaften-Koordinatorin Astrid Illers (von links). (© Alexandra Schaller)

Detmold. Im Rahmen der Europawochen hat Junior-Professor Dr. Jannis Panagiotidis von der Universität Osnabrück einen Vortrag zum Thema „Wege nach Europa – Eine Spurensuche" gehalten. Im LZ-Interview blickt der Historiker auch auf Migration und Integration von Russlanddeutschen zurück und gibt Denkanstöße zum Umgang mit Migranten in Europa in der heutigen Zeit.

Als Sohn eines Griechen und einer Deutschen haben Sie selbst einen Migrationshintergrund, auch wenn Sie in Deutschland aufgewachsen sind. Sind Sie schon einmal mit Vorurteilen konfrontiert worden?

Jannis Panagiotidis: Für mich gab es zum Glück meist keine Probleme. Zwar sieht man mir meine Herkunft an, aber ich spreche akzentfreies Deutsch und habe schon immer hier gelebt. Das Gefühl, Migrant zu sein, kam eigentlich erst auf, als ich in Italien lebte. Dort konnte man sich einen Deutschen mit dunklen Haaren und griechischem Namen nur schwer vorstellen.

Sie sind nicht nur Historiker, sondern auch Migrationsforscher. Einer Ihrer Schwerpunkte ist dabei die Migration und Integration von Russlanddeutschen, die in den 1990er Jahren nach Deutschland kamen. Ist deren Integration aus heutiger Sicht gelungen?

Panagiotidis: Meiner Meinung nach ist die Integration der Russlanddeutschen weitestgehend gelungen, auch wenn das in Öffentlichkeit manchmal anders wahrgenommen wird. Aber gerade OWL ist ein gutes Beispiel für den Erfolg der damaligen Integrationsmaßnahmen, da hier besonders viele Russlanddeutsche heimisch geworden sind. Hier gibt es etwa das einzige Museum für Russlanddeutsche Kulturgeschichte. Oder die August-Hermann-Francke-Schulen, die von Russlanddeutschen gegründet wurden und besucht werden. Das ist doch ein Zeichen, dass es nicht nur Probleme, sondern auch Erfolge gibt. Und viele der Probleme, mit denen damals gerechnet wurde, haben sich heute – 25 Jahre später – längst relativiert.

Information

Persönlich

Dr. Jannis Panagiotidis ist 35 Jahre alt und lebt zusammen mit seiner spanischen Frau und seiner zehn Monate alten Tochter in Osnabrück. Seit 2014 hat der Historiker eine interdisziplinäre Juniorprofessur als Migrationsforscher an der dortigen Universität inne. Sein Schwerpunkt liegt auf der Migration und Integration von Russlanddeutschen. Während seines Studiums und seiner Doktorarbeit lebte er in Griechenland, Italien und Israel. Zum Thema Migration hält er aktuell zahlreiche Vorträge.

Welche Faktoren haben zur Integration der Russlanddeutschen beigetragen?

Panagiotidis: Ein Faktor dafür ist in jedem Fall der Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft und die damit verbundene Sicherheit, im Land bleiben zu können. Und man könnte sagen, es wurde eine Willkommenskultur 1.0 geschaffen. Es wurden Sprachkurse finanziert, der Familienanhang berücksichtigt – und generell stärker in die Integration investiert.

Können wir aus diesen Erfahrungen mit damaligen Spätaussiedlern für die heutige Flüchtlingssituation lernen?

Panagiotidis: Auf jeden Fall. Meiner Meinung nach ist es etwa ein Fehler des geplanten Integrationsgesetzes, den dauerhaften Aufenthaltsstatus vom vorherigen Integrationserfolg abhängig zu machen. Die Spätaussiedler haben uns schließlich gezeigt, dass der Vertrauensvorschuss durch die Staatsbürgerschaft Integration gefördert hat. Und ich bin auch der Meinung, dass der Familiennachzug generell erleichtert werden sollte. Wir verfallen in Angst, wenn wir einen jungen männlichen Flüchtling auf der Straße sehen. Vielleicht würde sich das ändern, wäre dessen Familie auch hier.

Wenn aber Flüchtlinge mit Familie nach Europa und auch nach Deutschland kommen, bleibt die Entstehung von Parallelgesellschaften sicherlich nicht aus, in denen die Einwanderer nur unter sich bleiben...

Panagiotidis: Das ist teilweise richtig. Aber genau diese „Kolonien" können auch eine integrationsfördernde Wirkung haben, weil die Menschen beieinander Halt finden und gleichzeitig Integration stattfindet. Denn in der heutigen Zeit ist es fast unmöglich, völlig abgeschottet von der Außenwelt zu leben. Wichtig ist, die „Kolonien" und ihre Bewohner nicht auszugrenzen, sondern ihnen Teilhabe am sozialen Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Wenn das bereits in Kita und Schule beginnt, kann Integration funktionieren.

In Ihrem Vortrag sprechen Sie auch von einer Koexistenz in Deutschland zwischen denen, die sagen „wir schaffen das", und anderen, die meinen, dass die Stimmung im Land nach rechts kippt. Wie beurteilen Sie dies?

Panagiotidis: Diese Koexistenz ist vorhanden, das stimmt. Dennoch bin ich der Meinung, dass man deshalb keine Panik schüren sollte. Einer der banalsten, aber damit vielleicht auch wichtigsten Ratschläge, den ich dazu geben möchte, ist „Haltung bewahren". Die Ausländer zu bekämpfen, um damit die Rechten zu bekämpfen, wäre der falsche Ansatz. Es gilt, eine klare Linie zu bewahren und in Integration zu investieren. Nur so können wir Zustände, die Parteien wie die AfD aufgreifen, um Stimmung zu machen, von vorne herein vermeiden. Und noch ist diese Partei nicht so fest etabliert wie Rechtspopulisten in anderen Ländern.

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