Ernst zur Lippe und die Nazis

Dirk Ulrich-Brüggemann

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Vor Gericht: Ernst Prinz zur Lippe musste bei den Nürnberger Prozessen aussagen. - © US-Army
Vor Gericht: Ernst Prinz zur Lippe musste bei den Nürnberger Prozessen aussagen. (© US-Army)

Detmold. Welche Rolle spielte das bis 1918 regierende Haus Lippe des gleichnamigen Fürstentums in der Zeit des Nationalismus? Mit dieser Frage beschäftigte sich unter anderem der ehemalige ZDF-Redakteur Werner Kaltefleiter, als er für eine von ihm geplante umfassende Arbeit über den Holocaust auch zeitgeschichtliche Recherchen in der Region aufnahm, angeregt durch den Prozess gegen den ehemaligen SS-Wachmann Reinhold Hanning. Dieser wurde jetzt vom Landgericht Detmold der Beihilfe zum Mord an mindestens 170.000 Menschen schuldig gesprochen und zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Kaltefleiter hatte den Prozess in Detmold auch im Gerichtssaal verfolgt und sich ein Bild vor Ort gemacht. Dabei ergab sich auch die Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch mit Stephan Prinz zur Lippe, der dem Autor im Residenzschloss Detmold, das im Stil der Weserrenaissance um 1550 erbaut wurde, einiges über seine Vorfahren aus der Zeit des Nationalsozialismus erzählte. Stephan Prinz zur Lippe führt eine Anwaltskanzlei in Detmold und ist seit 2015 Chef des Hauses Lippe.

Information
Das Fürstentum
Das Fürstentum Lippe war ein deutsches Fürstentum. Es entstand 1789 durch Erhebung der Grafschaft Lippe zum Reichsfürstentum. Das Fürstentum Lippe war ein zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis zählendes Territorium im Heiligen Römischen Reich. Es überdauerte das Ende des Reiches für kurze Zeit im Rheinbund, bestand im 19. Jahrhundert im Deutschen Bund und im Deutschen Reich fort und ging 1919 im Freistaat Lippe auf.
Im Gespräch: Stephan zur Lippe und Werner Kaltefleiter (rechts). - © privat
Im Gespräch: Stephan zur Lippe und Werner Kaltefleiter (rechts). (© privat)

In den 1920er Jahren trat Ernst Erbprinz zur Lippe als erster ranghoher Erbe eines ehemaligen deutschen Fürstenhauses in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ein. Ernst, mit vollem Namen Chlodwig Julius Alexis Wilhelm Heinrich, wurde am 12. Juni 1902 in Detmold geboren. Er war der älteste Sohn von Leopold IV. aus der Linie Lippe-Biesterfeld, dem letzten regierenden Fürsten zu Lippe. Dieser verzichtete im November 1918 auf den Thron. Dazu gedrängt hatten ihn die Arbeiter- und Soldatenräte, die während der November-Revolution auch in der Residenzstadt Detmold die Macht übernommen hatten.

Parallel zu seinem Eintritt in die NSDAP meldete sich Ernst zur Sturmabteilung (SA), der paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP, wo eine Anstellung in den Diensten des Systems nicht lange auf sich warten ließ, weiß Kaltefleiter. Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers erhielt Ernst leitende Aufgaben in der deutschen Arbeiterfront.

„Ab 1938 wird es ideologischer“, schreibt Werner Kaltefleiter in seiner noch nicht veröffentlichten Arbeit. Der Prinz war einer der drei Hauptadjutanten des Reichsernährungsministers und „Reichsbauernführers“ Walter Darré. Der Prinz sollte die Verbindung vom „Reichsamt für Agrarpolitik“ zum Reichministerium für Ernährung und Landwirtschaft halten. Ernst erhielt den Ehrenrang eines SS-Sturmbannführers (entspricht einem Major; ohne allerdings Mitglied der SS zu werden). Darré, SS-Standartenführer (Oberst), galt als Protegé Heinrich Himmlers, dem damaligen Führer der SS.

„Darré und Ernst zur Lippe teilten Ideen zur Aufzucht einer ,reinen deutschen Rasse’ und verknüpften damit die Konzeption vom Germanen als einem ackerbauenden Siedlers. Beide wollten ein neues, reinrassiges Bauerntum heranziehen, das ein neuer deutscher Adel werden würde“, zitiert Werner Kaltefleiter Michael H. Kater, den Autor von „Das Ahnenerbe der SS 1935 – 1945“.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stufte die Spruchkammer im Regierungsbezirk Detmold Ernst, der auch als Zeuge bei den Nürnberger Prozessen aussagen musste, als „minderbelastet“ ein. Sein Vater Fürst Leopold IV. ging mit seinem Stammhalter jedoch hart ins Gericht. Er überging ihn in seinem Testament und bestimmt Armin, den jüngsten Sohn aus zweiter Ehe, als zukünftigen Chef des Hauses Lippe. Armin meldete sich mit 17 Jahren zur Wehrmacht, um einer Einberufung zur SS zu entgehen. Er lehnte es ab, Offizier unter Hitler zu werden, und blieb stattdessen einfacher Soldat.

„Mein Großvater hat den Nationalsozialismus abgelehnt“, so sein Enkel, Stephan Prinz zur Lippe, an Werner Kaltefleiter. Er sei nie Mitglied der Partei gewesen und habe Hitler nicht empfangen. „Seine hiesige Stellung bewahrte Leopold IV. zwar vor einer Anzeige und entsprechenden persönlichen Konsequenzen. Aber er musste erhebliche Enteignungen durch die Nationalsozialisten erleiden, die ihm bei Regimetreue wohl erspart geblieben wären. Mein Großvater hat seinen ältesten Sohn enterbt. Auf diese Weise konnte er das Ansehen des Hauses bewahren, gleichzeitig aber auch den Weg für eine Versöhnung ebnen. So habe ich meinen Onkel noch als älteren Herrn kennengelernt, und als Person habe ich ihn auch sehr geschätzt“, sagte Stephan Prinz zur Lippe.

Aber auch Bernhard zur Lippe-Biesterfeld, Ehemann der niederländischen Königin Juliana von Oranien-Nassau, hatte nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Vergangenheit zu kämpfen. Er war Mitglied der Reiter-SS und des Nationalsozialistischen Kraftfahrtkorps (NSKK). Diesen Irrtum korrigierte Bernhard aber noch vor seiner Hochzeit am 7. Januar 1937. Er trat aus den nationalsozialistischen Gruppierungen aus und ging mit seiner Frau ins Londoner Exil.

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