Reichsbürger feiern Germaniten-König am Hermannsdenkmal

Ulf Hanke

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Stefan Ratzeburg verliest vorm Hermannsdenkmal in Detmold eine Proklamation. Ratzeburg hält sich für den König von Preußen und ist Mitglied der Justizopferhilfe, einer Gruppe von Reichsbürgern aus Löhne. - © Archivbild
Stefan Ratzeburg verliest vorm Hermannsdenkmal in Detmold eine Proklamation. Ratzeburg hält sich für den König von Preußen und ist Mitglied der Justizopferhilfe, einer Gruppe von Reichsbürgern aus Löhne. (© Archivbild)

Detmold/Löhne/Rinteln. Der Stempel versagt. Stefan Ratzeburg setzt ein zweites Mal an, doch eine Stimme hinter der Kamera will keine Wiederholung. Verunsichert packt der ungekrönte, aber bezopfte König seinen Stempel wieder ein und die Lesebrille gleich mit. Die Unterschrift des neuen Oberhaupts der Germaniten auf dem sehr bunt bedruckten Stück Papier muss reichen.

Die Reichsbürgerbewegung hat einen neuen König. Und der hat am Fuß des Hermannsdenkmals in Detmold nicht nur das „Reich deutscher Nationen" ausgerufen, sondern an seinem Geburtstag auch gleich seinen Erbteil ans Volk verschenkt. Nach der Zeremonie gab es eine kleine Feier mit Kuchen. Das Amateur-Video von dem bizarren Auftritt dümpelt seit einem Monat durch die sozialen Netzwerke.

Deutschlandweit mehr als 30 selbsternannte Reichsregierungen

Der Germaniten-König ist nicht das erste Oberhaupt eines Fantasiestaats. Beobachter der Szene haben deutschlandweit mehr als 30 selbsternannte Reichsregierungen dokumentiert. Die Szene vorm Hermann ist nur ein billiger Abklatsch aus Sachsen-Anhalt. Dort hatte sich vor vier Jahren der gelernte Koch Peter Fitzek zu den Klängen der Zarathustra-Fanfare zum „obersten Souverän" seines „NeuDeutschland" ausrufen lassen. Fitzek herrschte über ein mehrere Hektar großes Königreich samt stillgelegtem Krankenhaus und sitzt derzeit in Untersuchungshaft.

Ob das Reich von König Ratzeburg weit über die Grenzen des Alu-Koffers reicht, auf dem er seine „Proklamation" unterschrieb, ist unklar. Er hat in Ostwestfalen-Lippe bisher eine überschaubare Zahl von Anhängern. Ratzeburg wurde nicht als König der Herzen auserkoren, sondern sieht sich selbst als rechtmäßigen Thronfolger.

Ein frisierter Familienstammbaum

Laut seinem selbst frisierten Familienstammbaum wurde König „Stefan 1" vor 54 Jahren in Lüdenscheid als Stefan Ratzburg geboren. Ein Urahn hat angeblich das kleine „e" aus seinem Nachnamen gestrichen. Ratzeburg hat den Buchstaben wieder eingefügt und die Ahnentafel bis zum König von Preußen, Herzog von Lauenburg, Markgraf des Märkischen Kreises und „König des Interim-Staates Germanitien und des indigenen Staatsvolkes Germaniten" vervollständigt.

Am Telefon ist der König zunächst gesprächig. Das Hermannsdenkmal habe er ausgewählt, weil „der Armine dort die Stämme zusammengeführt" habe. Das sei „als Antenne" benutzt worden. Irgendwann werden ihm die Fragen zu viel, seine „Privatsekretärin" verweist den Anrufer an die „Pressestelle in Löhne". Der König plaudere normalerweise nicht mit der Presse, sagt die Frau, die ihren Namen nicht nennen will: „Die Queen spricht ja auch nicht mit jedem."

Reichsbürger sind in Löhne aktiv

Germanitien-König: Stefan Ratzeburg ist Mitglied der Gruppe Reichsbürger von der Justizopferhilfe aus Löhne. - © Ulf Hanke
Germanitien-König: Stefan Ratzeburg ist Mitglied der Gruppe Reichsbürger von der Justizopferhilfe aus Löhne. (© Ulf Hanke)

Diese „Pressestelle" ist die Justizopferhilfe, die in Löhne lange eine „Botschaft" des Fantasiestaats „Germanitien" betrieben hat. Am 14. Februar hat Ratzeburg seinen Fantasie-Ausweis bekommen. Seitdem „bestallt" er eigene „Amtspersonen" und hat sogar eine Bürgerwehr angekündigt. Um die Löhner Reichsbürger war es zuletzt still geworden, nachdem die „Botschaft" zwangsversteigert worden war und sie in Rinteln eine Filiale aufmachten. In Löhne sind sie jedoch weiter gegenwärtig.

Fachleute der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Detmold stufen sie als rechtsextrem ein, erklärt Frederic Clasmeier: „Daran hat sich nichts geändert." Auch der Staatsschutz der Polizei Bielefeld behält die Gruppe im Auge.

Aktive Reichsbürger gehörten zum verbotenen Vlothoer Collegium Humanum

Ein bundesweit bekannter Reichsbürger-Blogger namens „Honigmann" hat den Film vom neuen König verbreitet. Darin sind die Strippenzieher der Justizopferhilfe zu sehen: Jörg P. aus Rinteln, sowie Jürgen N. und Axel T. aus Löhne. Die beiden Löhner gehörten einst zum Umfeld des verbotenen rechtsextremen Schulungszentrums Collegium Humanum in Vlotho. T. und N. treten bei der Justizopferhilfe als „Prozessführer" auf. Ihre angebliche Justizhilfe ist aber ein Geschäftsmodell: Sie bieten verzweifelten Schuldnern Rechtsberatung gegen Geld und reiten die Menschen dadurch nur noch tiefer rein.

Die Zeremonie vorm Hermannsdenkmal hat weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden. Der Film steht noch ganz am Anfang seiner Youtube-Karriere. Die Stempel-Panne von „Stefan 1" immerhin hat bereits einige Wallungen in den sozialen Netzwerken ausgelöst.

Information

Die Reichsbürger

Die Reichsbürgerbewegung ist eine bunt schillernde Szene von harmloser Spinnern, germanophiler Geschichtsrevisionisten bis hin zu rechtsextremen Holocaustleugnern und Rassisten. Nicht alle Anhänger stehen politisch extrem rechts, aber alle halten die Bundesrepublik für eine Firma, weshalb sie dem deutschen Rechtsstaat die Rechtmäßigkeit absprechen und Beamte nicht anerkennen.

In Ostwestfalen-Lippe glauben Reichsbürger an den Fantasiestaat „Germanitien" oder bekennen sich zum „Freistaat Preußen". Reichsbürger fluten Gerichte und Behörden mit massenhaften, unsinnigen Anträgen und treten meist in größeren Gruppen bei Gerichtsverhandlungen oder Zwangsräumungen auf.

Anfang des Jahres musste die Polizei Kreis Minden-Lübbecke ein Wohnhaus räumen, in dem sich Anhänger eines „Wasserlandstaats" verschanzt hatten und weder den Gerichtsvollzieher noch den neuen Besitzer hineinlassen wollten.

Eine andere Zwangsräumung „Germanitiens" in Kalletal verlief glimpflicher: Als die neuen Eigentümer mit der Polizei anrückten, waren die Reichsbürger über Nacht verschwunden. Sie hinterließen allerdings ein Bild der Verwüstung.

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