"Ich schäme mich für das, was er mit mir gemacht hat" - Zeugin meldet sich im Lügde-Prozess zu Wort

Janet König

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Am fünften Prozesstag sind zwei Besucher aus dem Gerichtssaal entfernt worden. - © Bernhard Preuß
Am fünften Prozesstag sind zwei Besucher aus dem Gerichtssaal entfernt worden. (© Bernhard Preuß)

Detmold/Lügde. Eigentlich hatten sich die beiden Mädchen fest vorgenommen, im Lügde-Prozess gegen Andreas V. auszusagen. Gegen den Mann, der ihnen ein Stück Kindheit geraubt hat. Doch in letzter Sekunde sei ihnen klar geworden, dass der Gang zu Gericht zu schwer ist, lässt ihre Anwältin Anke Blume am fünften Prozesstag ausrichten. Die Mädchen hätten dafür eine Stellungnahme per Mail abgegeben. Es sei ihnen recht, diese öffentlich vorlesen zu lassen.

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„Ich schäme mich", zitiert Anke Blume aus der Mail. „Bis heute habe ich ein ekelhaftes Gefühl in mir, wenn ich an die Situationen denke." Und weiter: „Ich habe mich gefühlt, als ob mir die ganze Welt zuschaut." Damit spiele die Zeugin auf Videochats an, fügt Richterin Anke Grudda zum Verständnis hinzu. Andreas V. soll Mädchen bei diversen Chats gezwungen haben, sich vor der Kamera auszuziehen und anzufassen, das hatten die Ermittlungen ergeben.

„Die Mädchen suchen die Schuld bei sich und nicht bei den Tätern – das ist das Tragische", sagt Blume. Welch toxische Beziehung Andreas V. zu seinen Opfern über Jahre aufbaute, veranschaulicht ein Mailverkehr zwischen dem Angeklagten und einem Opfer, den die Richterin vorträgt. „Papabär", nennt das Kind ihren Peiniger. „Tut mir leid, was ich geschrieben habe. Ich möchte nur nicht, dass du an mir rumfummelst", zitiert Grudda eine Mail aus dem Jahr 2013. In anderen Schreiben deutet Andreas V. an, dem Kind einen Laptop oder ein Handy kaufen zu wollen. „Ich muss immer an dich denken", soll der Angeklagte geschrieben haben. Sie möge doch auch ’mal ihre Freundinnen mitbringen und Fotos schicken. Er sei enttäuscht, kein Küsschen bekommen zu haben.

Auch das Mädchen, das als Pflegekind bei Andreas V. lebte und mindestens 132 Mal missbraucht wurde, wagt den Gang vors Gericht. Obwohl die Richterin sehr einfühlsam mit dem Kind umgeht, ist dieses weitestgehend sprachlos geblieben, sagt dessen Anwalt Cornelius Pietsch: „Sie ist noch nicht bereit, das Erlebte zu reflektieren." Besonders schwer sei, dass die Achtjährige so viele gute Erinnerungen mit Andreas V. verbinde. „So geht es vielen, das war nun einmal seine Masche."

Außerhalb des Saals spielen sich ungewöhnliche Szenen ab. Zwei Zuschauer müssen das Gerichtsgebäude verlassen. Es steht der Verdacht im Raum, dass sie der Reichsbürgerszene angehören. Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen.

Ausschuss nimmt Arbeit auf

Der Landtagsabgeordnete Jürgen Berghahn ist SPD-Sprecher des parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Missbrauchsfall Lügde. Die Landtagsfraktion hat den Blomberger benannt. „Das Verfahren läuft. Jetzt beginnt der Teil der politischen Aufklärung im Landtag" schreibt Berghahn. Zu viele Fragen stünden im Raum.

Der Untersuchungsausschuss müsse alle behördlichen Umstände rund um diesen Kindesmissbrauch lückenlos aufklären. „Das sind wir den Opfern und den Angehörigen schuldig."Aus diesen Erkenntnissen müssten Konsequenzen gezogen werden, dass solche abscheuliche Verbrechen verhindert werden können."

Information

In einem Dokumentarfilm haben wir die Geschehnisse auf dem Campingplatz und die Ermittlungen unter die Lupe genommen. Den Film können Sie hier sehen.

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