Lügde-Prozess: Heiko V. verlässt das Gericht als freier Mann

Janet König und Erol Kamisli

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Ende des Versteckspiels: Heiko V. nimmt ein letztes Mal in Saal 165 Platz – daneben sein Verteidiger Jann Henrik Popkes. - © Jannik Stodiek
Ende des Versteckspiels: Heiko V. nimmt ein letztes Mal in Saal 165 Platz – daneben sein Verteidiger Jann Henrik Popkes. (© Jannik Stodiek)

Detmold. Über einen Nebenausgang verlässt Heiko V. in Begleitung seines Rechtsanwaltes Jann Henrik Popkes gegen 20 Uhr das Detmolder Gerichtsgebäude – als freier Mann. Kurz zuvor hat ihn die Jugendschutzkammer unter Vorsitz von Richterin Anke Grudda zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe wegen Anstiftung und Beihilfe zu schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern verurteilt.

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Es ist ein paradoxes Bild, das sich nur wenige Minuten vorher im Saal 165 abspielt. Tränen der Erleichterung laufen Heiko V. über die Wangen, auf der anderen Seite steht der heute 19-jährigen Nebenklägerin die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Sie starrt auf den Boden und greift nach der Hand ihrer Prozessbegleiterin. Die junge Frau wurde als Kind auf Schlimmste von Andreas V. missbraucht, Heiko V. hatte mehrmals dabei über Webcam zugesehen. „Dieses Urteil macht mich sprachlos", sagt Opferanwältin Zeliha Evlice. „Alle Täter da draußen lachen sich jetzt doch ins Fäustchen. Dieses milde Urteil ist für Kinderschänder ein Freibrief." Für die Opfer und vor allem ihre Mandantin sei die Bewährungsstrafe ein Schlag ins Gesicht – die Juristin hatte dreieinhalb Jahre Haft gefordert. Die Staatsanwaltschaft wollte zwei Jahre und neun Monate Haft für Heiko V.

Widerwärtig und Menschen verachtend

Das Geständnis, eine persönliche Entschuldigung, sieben Monate U-Haft und die außergergewöhnlichen Umstände müsse das Gericht strafmildernd berücksichtigen: „Ohne den Fall Lügde wären diese Taten wohl nie öffentlich verhandelt worden", stellt Anke Grudda klar. Außerdem habe Heiko V. seinem sexuellen Verlangen Grenzen gesetzt, indem er die Einladung auf den Campingplatz von Andreas V. abgelehnt habe. An die Bewährung sind Auflagen gebunden, Heiko V. muss eine Therapie machen und der Nebenklägerin 3000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Außerdem bekommt der 49-Jährige einen Bewährungshelfer an die Seite gestellt.

Während der Urteilsbegründung sucht Grudda immer wieder den Blickkontakt mit der heute 19-Jährigen, die den Prozess im Saal verfolgt. Für die zur Beweisaufnahme verlesenen Chatverläufe zwischen Heiko V. und Dauercamper Andreas V. findet Grudda deutliche Worte: „Wie Sie in den Chats über die Mädchen geschrieben haben, ist an Widerwärtigkeit nicht zu überbieten." Die Menschenverachtung, die bei den Taten des 49-Jährigen zum Ausdruck gekommen sei, sei erschreckend, sagte Grudda. Heiko V. sei „gleichgültig und empathielos gegenüber den Kindern" gewesen. „Damit tragen Sie eine große Mitschuld für das, was den Kindern an Leid widerfahren ist." Dennoch habe die Kammer die wenigen Taten in Relation zu denen der Hauptangeklagten Andreas V. und Mario S. zu bewerten, die sich für mehr als 450-fachen Missbrauch über Jahrzehnte verantworten müssen.

43.000 kinderpornografische Bilder- und Videodateien waren bei Heiko V. sichergestellt worden. Einen kleinen Teil sieht sich die Kammer an diesem Abend an, um sich ein besseres Bild von Heiko V. zu machen. Wie widerwärtig die kinderpornografischen Abbildungen seien müssen, lässt sich an einigen Gesichtern ablesen. Die Gesichtszüge einer Schöffin verzerren sich, sie muss den Blick abwenden. Pädophil sei Heiko V. nicht, das trägt der Sachverständige Bernd Roggenwallner vor. „Er hat nach der Trennung von seiner Ehefrau aus Langeweile angefangen", sagt der Gutachter. Dabei sei Heiko V. zufällig auf Kinderpornos gestoßen.

Parallel habe er weiter Beziehungen zu erwachsenen Frauen geführt – mit seiner letzten Partnerin sei er immer noch zusammen. „Sie will ihm helfen, eine Therapie zu machen", sagt Popkes, der mit seinem Mandanten vor dem Gerichtsgebäude steht. Die Freundin von Heiko V. werde ihn jetzt abholen – es ist kurz nach 20 Uhr. In rund drei Stunden sei der 49-Jährige wieder in seiner gewohnten Umgebung und könne ein neues Leben beginnen.


Richterin: "Missbrauchsopfer beweist Größe"

Unter Tränen hat sich Heiko V. in seinem Schlusswort bei der jungen Frau entschuldigt, deren Missbrauch er 2010 bestellt und live angesehen hatte – sie war damals zehn Jahre alt. Durch die Vernehmung der heute 19-Jährigen waren die Ermittler auf seine Spur gekommen. Im Prozess hatte sie als Zeugin gegen beide Peiniger ausgesagt – und ihnen ins Gesicht gesehen. „Sie können dankbar sein, dass die Nebenklägerin Größe und Kraft hatte, ihre Entschuldigung anzunehmen", sagt Richterin Anke Grudda.

Stimmen zum Urteil

„Das Urteil ist in Ordnung. Die Abstufungen im Strafmaß müssen stimmen. Zwischen den Vergehen von Heiko V. und den Taten meines Mandanten Andreas V. liegen Welten. Das Urteil wird keine Auswirkungen auf den weiteren Prozess oder das Urteil gegen meinen Mandanten haben."
Johannes Salmen,
Verteidiger von Andreas V.

„Ich finde das Urteil viel zu milde. Das Verständnis und die Gnade, die das Gericht gegenüber Heiko V. gezeigt hat, hatte er beim Missbrauch der jungen Mädchen nicht. Mein Mitgefühl gilt den Opfern, die hier heute keine Gerechtigkeit erfahren haben."
Susanne Schröder, 
Besucherin

„Das Urteil überrascht mich. Ich habe mit einem höheren Strafmaß gerechnet – aber die Kammer wird ihre Gründe haben. Es ist schwierig, das Urteil in einen Zusammenhang mit den schwerwiegenden Taten der übrigen beiden Angeklagten zu setzen. Ich warte erst einmal die schriftliche Urteilsbegründung gegen Heiko V. ab."
Jürgen Bogner, 
Verteidiger von Mario S.

„Es ist unglaublich, dass der Angeklagte das Gericht als freier Mann verlassen kann. Ich bin wirklich schockiert und sprachlos. Er hat über 40.000 Kinderpornobilder und -videos besessen, Kinderseelen zerstört, um seine sexuellen Neigungen zu befriedigen. Für solchen Taten ist eine Bewährungsstrafe einfach viel zu wenig."
Konrad Vollmer,
 Besucher

„Wir warten auf die Urteilsbegründung und werden dann entscheiden, ob wir Revision einlegen."
Helena Werpup und Jacqueline Kleine-Flaßbeck,
Staatsanwältinnen

Information
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