75 Jahre nach Auschwitz: Acht Menschen, die der Hölle entkamen

Silke Buhrmester

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Die Ruinen des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. - © Silke Buhrmester
Die Ruinen des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. (© Silke Buhrmester)

Kreis Lippe. Am 27. Januar 1945 befreit die Rote Armee das KZ Auschwitz. Mindestens 1,1 Millionen Menschen wurden in dem größten Vernichtungslager vergast, erschossen oder zu Tode geschunden. Die wenigsten überleben. Ihren Leidensweg schildern einige im Jahr 2016 als Nebenkläger während des Detmolder Auschwitz-Prozesses gegen den ehemaligen SS-Wachmann Reinhold Hanning aus Lage. Ein Rückblick:

Den Tod immer vor Augen
Den Tod immer vor Augen
(© Bernhard Preuss)
Mit 22 Jahren wird Leon Schwarzbaum nach Auschwitz deportiert. Von dem Häftling, der ihm die Nummer 95132624 eintätowiert, erfährt er, dass seine Eltern direkt nach ihrer Ankunft vergast worden sind, weitere 33 Familienmitglieder werden Opfer des Holocaust. Er überlebt – als „Läufer". Seine Aufgabe: Dem Lagerältesten zu berichten, welche SS-Männer nach Birkenau kommen. Stundenlang steht er Wache und sieht dabei die furchtbarsten Dinge: „Einmal fuhr SS-Sturmführer Schwarzhuber auf einem Motorrad, hinter ihm ein Lastwagen voller nackter Menschen auf dem Weg ins Krematorium. Sie schrien und weinten und hoben die Hände zum Himmel, ich bin fast ohnmächtig geworden vor Schock." Die Details vergisst er nie: „Die Schornsteine spuckten Feuer, so hoch wie sie selbst. Und man wusste, das waren Menschen, die da brannten. Man hatte immer den Tod vor Augen." Der Hölle von Auschwitz entkommt er, weil er als Zwangsarbeiter für Siemens ausgewählt wird.
Brutalität in der Kinderbaracke
Brutalität in der Kinderbaracke
(© Bernhard Preuss)
Mordecvhai Eldar: Mehr als 100 seiner Verwandten kommen ins KZ Auschwitz – nur 36 überleben. Mordechai Eldar ist 14 Jahre, als er interniert wird. In der Kinderbaracke herrschen die „Kapos", die Funktionshäftlinge: Sie quälen die Kinder willkürlich, missbrauchen sie, leihen sie für sexuelle Handlungen aus und zwingen sie zu Schaukämpfen: „Und wer nachts weinte, wurde totgeprügelt." Im Herbst 1944 wird er innerhalb von nur drei Wochen bei der Selektion dreimal zur Vergasung ausgewählt. Zweimal gelingt ihm die Flucht, beim dritten Mal steht er schon nackt vor der Gaskammer: „Dann kam ein SS-Mann und hat mir und 50 anderen befohlen, mich wieder anzuziehen." Er muss beim Verladen von Kartoffeln für die Front helfen. Als er im Dezember 1944 weiter ins KZ Sachsenhausen deportiert wird, nimmt das Grauen kein Ende: „Wir saßen in offenen Waggons, es war so kalt, dass viele starben. Wir haben ihre Kleidung angezogen und uns auf die Leichen gesetzt, weil der Boden gefroren war."
Als Operationsgehilfe im KZ:
Als Operationsgehilfe im KZ:
(© Bernhard Preuss)
Im Mai 1944 wird Max Eisen (links) mit seinen Eltern, vier Geschwistern, Großeltern, Tante und Onkel in einem Viehwaggon nach Auschwitz deportiert. Die Mutter, die Geschwister und die Großeltern werden sofort vergast, Vater und Onkel – Häftlingsnummern A9891 und A9893 – werden am 4. Juli 1944 für medizinische Experimente ausgewählt – ihr Todesurteil. Im Arbeitslager herrscht unfassbare Brutalität: Ein junger Mann wird vor seinen Augen von einem SS-Mann zu Tode getrampelt, weil er unter der Dusche die Brille verloren und sich gebückt hat. Später wird er selbst von der SS zusammengeschlagen und in Lazarettblock 21 von Häftlingsärzten operiert. Vor der Selektion rettet ihn der Chefchirurg und macht ihn zum „Operationsgehilfen". Seine Aufgabe ist es, die „Ware", die die Lkw-Fahrer auf dem Rückweg vom Krematorium in blutigen Lappen mitbringen, zu säubern: „Sie waren voller Zähne mit Goldkronen und Füllungen, die ich entfernen musste."
17 Selektionen überlebt
17 Selektionen überlebt
(© Bernhard Preuß)
In der Nacht zum 3. März 1943 kommt der Zug aus Dresden, in dem Justin Sonder sitzt, in Auschwitz an. Ein SS-Offizier nötigt den 17-Jährigen noch an der Rampe, eine Postkarte an seine Angehörigen zu schreiben: „Er diktierte: Bin gut im Arbeitslager Monowitz angekommen." Der Teenager übersteht 17 Selektionen mit Glück: „Es war römisches Recht: Daumen nach unten bedeutete Tod." Häftlinge werden auf dem Weg zur Arbeit erschossen, weil sie ihre Mütze verlieren. Sie müssen nachts aufstehen, um „Sport zu machen". Und sie werden gezwungen, sich in Pfützen zu rollen. Im Oktober 1944 erlebt er die letzte Hinrichtung auf dem Appell-Platz. Ein 16-Jähriger aus Saloniki wird gehängt, weil er während eines Fliegeralarms auf seiner Arbeitsstelle ein Stück Brot entwendet hat. „Das letzte Wort dieses Jungen ist in vielen Sprachen gleich: Mama." Sonder, gebürtig aus Chemnitz, kehrt nach dem Krieg zurück und lebt bis heute in Deutschland.
Familienbilder aus Auschwitz
Familienbilder aus Auschwitz
(© Bernhard Preuss)
Mit ihren Eltern und fünf Geschwistern zwischen 7 und 17 Jahren kommt die 13-jährige Irene Weiss im Mai 1944 nach Auschwitz. Im „Kanada"-Lager muss sie Berge von Wäsche und Haushaltsgegenständen, die den Juden abgenommen wurden, sortieren. Darunter findet sie auch das weiße Kleid und den beigen Schal ihrer Mutter. Sie hört die Schreie der Menschen auf dem Weg zum Krematorium, wo sie Leichenberge sehen, die in offenen Gruben verbrannt werden: „Ich habe mir die Ohren zugehalten, dann war es still." Ihr Vater muss in einem Sonderkommando Leichen aus den Gaskammern ziehen. Das hält er nicht lange durch, wird erschossen. 1982 entdeckt sie auf zwei Auschwitz-Fotos ihre Familienmitglieder: Ihre kleine Schwester Edith, die im Chaos auf der Rampe verloren geht, und ihre Brüder Reuven (9), Gershon (7) mit ihrer Mutter Leah (44) vor den Krematorien 4 und 5 kurz vor ihrer Vergasung: „Das quält mich bis heute." Neben ihr überlebt nur ihre ältere Schwester Serena.
Die Rettung der „Halbjüdin“
Die Rettung der „Halbjüdin“
(© Bernhard Preuß)
Als ihre Mutter im Juli 1943 ins KZ Auschwitz deportiert werden sollte, ging die „Halbjüdin", ihr verstorbener Vater war Christ, aus freien Stücken mit. Erna de Vries arbeitete mit ihrer Mutter im Außenlager Harmense in der Fischzucht. „Wir mussten bis unter die Arme im Wasser stehen und Schilf herausholen", erinnert sie sich. Die 20-Jährige erkrankte an Phlegmone, an ihren Beinen bildeten sich eitrige Wunden. Am 15. September 1943 wurde sie in den Todesblock 25 verlegt. Am nächsten Tag sollten alle Insassinnen zu einem Lastwagen getrieben werden: „Es gab Panik, alle wussten, es geht ins Gas. Da hörte ich einen SS-Mann die Nummer rufen, die ich auf dem Arm trage." Sie stand auf einer Liste mit 85 „Halbjuden", die nach Ravensbrück gebracht wurden, um für Siemens in der Rüstungsindustrie zu arbeiten. Zum Abschied sagte ihre Mutter: „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat." Ihre Mutter Jeanette Korn wurde am 8. November 1943 ermordet.
Eine Lüge rettet ihn vorm Gas
Eine Lüge rettet ihn vorm Gas
(© Bernhard Preuss)
„18 Jahre alt, gesund, und arbeitsfähig", sagt Ben Lesser auf Deutsch zum SS-Mann auf der Rampe in Auschwitz, macht sich dabei groß und salutiert. In Wahrheit ist er erst 15, doch dank der Lüge darf er leben. Wenig später hört er, was im KZ vor sich geht: Die Nazis haben alles für die Vernichtung der 400.000 ungarischen Juden vorbereitet, die Gaskammern vergrößert, neue Krematorien gebaut. Doch die Kapazitäten reichen nicht: „Halbtot wurden die Menschen in offenen Leichengruben verbrannt. Ich hörte die Schreie von Kindern, die einfach lebend dort hineingeworfen wurden." Der Lageralltag wird von Grausamkeiten dominiert: Beim Mützenspiel morgens und abends sei es darum gegangen, auf Kommando die Mütze abzunehmen und mit der Hand synchron auf die Hosennaht zu schlagen: „Wer zu langsam war, wurde totgeschlagen oder erschossen." Als die Front näher kommt, muss er einen dreiwöchigen Todesmarsch nach Buchenwald antreten. Er überlebt.
Mengeles Versuchskaninchen
Mengeles Versuchskaninchen
(© Bernhard Preuss)
Angela Orosz Richt-Bein ist eins von zwei Babys, die Auschwitz überlebten. Ihre Mutter war im zweiten Monat schwanger, als sie deportiert wurde: „Im fünften Monat musste sie im Straßenbau Schwerstarbeit leisten." Im siebten Monat benutzte sie Lagerarzt Dr. Josef Mengele als Versuchskaninchen für grausame Sterilisierungsexperimente und spritzte ihr ätzende Flüssigkeit in den Gebärmutterhals. Trotz allem schaffte sie es, kurz vor Weihnachten 1944 ein Kind zu gebären: „ Weil sie beim Küchendienst Kartoffelschalen essen konnte, konnte sie die Schwangerschaft austragen", glaubt Angela. Auf der obersten Pritsche der Baracke kommt das Baby zur Welt: „Drei Stunden danach musste meine Mutter draußen in der Eiseskälte in Lumpen und ohne Schuhe stundenlang beim Zählappell stehen." Angela, 1000 Gramm leicht, ist zu schwach zum Schreien – das hat ihr vermutlich das Leben gerettet. Denn sie bleibt unentdeckt, wird mit ihrer Mutter am 27. Januar 1945 befreit.

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