Wenn Stress zur Sucht wird: Christoph Middendorf sieht Politiker in Gefahr

Chefarzt der Oberbergklinik empfiehlt Strategien zur Bewältigung

Marlen Grote

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Analysiert Stress: Christoph Middendorf. - © Oberbergkliniken
Analysiert Stress: Christoph Middendorf. (© Oberbergkliniken)

Extertal-Laßbruch. Die Drogenermittlungen gegen den grünen Bundespolitiker Volker Beck sind für den Extertaler Fachmann Christoph Middendorf Anlass, das Thema Stress in den Blick zu nehmen. Der Facharzt für Psychiatrie, Interims-Chefarzt der Oberbergklinik Weserbergland in Laßbruch, weiß: Bei Spitzenpolitikern kann Stress zur Sucht werden. Umso wichtiger seien sinnvolle Strategien zur Stressbekämpfung.

Spitzenpolitiker seien ständig auf dem Sprung und bräuchten stets die richtigen Antworten, heißt es in einer Pressemitteilung. Besonders der Wahlkampf sei reiner Stress für Politiker. Sie hätten 16-Stunden-Tage, stünden ständig unter Beobachtung und schliefen kaum, erklärt Middendorf. Doch die meisten lächelten den Stress weg: „Der Körper versucht, den Stress erträglicher zu machen, indem er unter anderem Endorphine ausschüttet – sogenannte Glückshormone. Wenn Politiker ihre Liebe zum fordernden Wahlkampf bekunden, tragen die körpereigenen Opiate ihren Teil zu dieser Aussage bei, ähnlich wie bei Marathonläufern", erklärt Christoph Middendorf.

Das berge Risiken: „Dieses Glück kann abhängig machen. So wird Stress schnell zu einem Muss." Eine solche Belastung könne bei Parlamentariern zum Konsum von Rauschmitteln führen – ähnlich wie bei anderen Berufsgruppen mit hohem Stressfaktor. Dazu erklärt Christoph Middendorf: „Politiker stehen im Rampenlicht und haben Vorbildfunktion. Sie müssen extrem hohen gesellschaftlichen Erwartungen gerecht werden, sollen moralisch stets korrekt handeln und dürfen sich keine Fehltritte leisten. Diesem Druck ist nicht jeder gewachsen." Meist komme es aber zu anderen Formen der Stressbewältigung.

Dass sie tatsächlich gelernt werden kann, habe kürzlich eine Studie aus Münster gezeigt. Sie stelle heraus, dass sich Berufstätige im Laufe der Karriere unzählige Strategien aneignen, um Probleme zu lösen. Je größer die Berufserfahrung sei, desto mehr Problemlösungen und weniger Stress seien vorhanden.

Auch ausgelebter Ärger schütze vor Frust, erinnert der Chefarzt etwa an ein hitziges Wortduell von Sigmar Gabriel mit Moderatorin Marietta Slomka. „Ein solches Verhalten kann schroff wirken, dient aber einem Zweck: Wenn man Stress und Frust sofort auslebt, richten beide weniger seelischen Schaden an. Das Ausleben von Ärger ist ein erster und oft wirksamer Schutzmechanismus vor Frust", sagt Middendorf. Das sei für das Umfeld nicht immer schön und sollte nicht zu häufig vorkommen, lasse sich in bestimmten Situationen aber als gesunder Egoismus werten. Nur sollte dies sicher nicht die einzige und vorrangige Stressbewältigungsstrategie bleiben.

Nicht nur die Seele, auch der Körper müsse regenerieren. Denn Stress, Rastlosigkeit und ungesunde Ernährung gefährden die Gesundheit. Erholende Momente seien deshalb umso wichtiger, nicht nur für Menschen mit politischer Macht. An langen Tagen können „Powernaps", also kurze Schlafpausen, eine gute Alternative sein. Christoph Middendorf: „Solche Pausen sind enorm wichtig. Denn niemand kann ewig durchpowern – auch keine Politiker."

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