Himmlers geraubte Kinder

Ausstellung in Lemgo beschäftigt sich mit der Zwangsarisierung – Opfer stellen ihr Schicksal vor

Björn Kenter

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Trügerisches Idyll: Hermann Lüdeking alias Roman Roszatowski wurde in Polen aus seiner Familie gerissen und von den Nationalsozialisten verschleppt. Über den Verein "Lebensborn" kam er nach Lemgo zu seiner Pflegemutter Maria Lüdeking. - © Foto: privat
Trügerisches Idyll: Hermann Lüdeking alias Roman Roszatowski wurde in Polen aus seiner Familie gerissen und von den Nationalsozialisten verschleppt. Über den Verein "Lebensborn" kam er nach Lemgo zu seiner Pflegemutter Maria Lüdeking. (© Foto: privat)

Kreis Lippe. „Die einen führte der Weg gleich in die Öfen, andere wurden als ,rassisch besonders wertvoll‘ ausgewählt, sie mussten die Nationalität wechseln, sie wurden eingedeutscht“, so schreibt Babara Paciorkiewicz 1985 über das Schicksal polnischer Kinder. Was sie schildert, hat sie erlebt. Als kleines Kind wurde sie durch das Jugendamt in Lodz geraubt und als „rassisch wertvoll“ dem Verein „Lebensborn“ übergeben. Dieser gehörte zur SS und setzte ein Projekt Heinrich Himmlers um. Ziel war, die Geburtenrate der „arischen Rasse“ zu erhöhen.

Babara Paciorkiewicz wurde im Lebensbornheim „Pommern“ bei Bad Polzin von Wilhelm Rossmann - einem Lehrer aus Lemgo - als Pflegekind ausgewählt und kam zur Eindeutschung nach Lemgo. Er informierte auch Auguste Schirneker darüber, dass der „Lebensborn volksdeutsche Waisenkinder zu vergeben“ habe. Und Schirnekers wurden Eltern. Fortan lebte in der Familie Schirneker Helene Jachmann, die eigentlich die polnische Halina Jachemska war.

Ihren wahren Namen erfuhr sie durch einen Zufall, als ihre Pflegemutter Auguste Schirneker die Kleidung von Helene wusch und dabei ihren richtigen Namen entdeckte. „Auf der Innenseite am Kragen eines Turnhemdes aus dem Gaukinderheim stand mein richtiger Name. Meine Pflegemutter ging zum Anwalt, der ihr dann sagte, dass ich ein polnisches Kind sei. Der Lebensborn hatte meiner Pflegemutter Dokumente gegeben, aus denen hervorging, dass ich ein Kind aus Breslau sei und von deutschen Eltern abstammte“, erinnert sich Halina Jachemska.

Insgesamt hatte sie drei Jahre lang in verschiedenen Lebensbornheimen gelebt. Misshandlungen physischer und psychischer Art waren dort ständig an der Tagesordnung. Ziel sei es gewesen, die Herkunft und die Identität im Bewusstsein der Kinder zu zerstören, wie sich Halina erinnert: „Das brachte man uns bei mit dem Stock. Man vergaß seine Sprache. Ich wusste nicht, wer meine Eltern waren. Das einzige, was ich wusste war, dass ich eine Polin war, das sagte mir meine Pflegemutter.“

Bei der Pflegemutter Auguste Schirneker in Lemgo ging es ihr im Vergleich zu den erlebten Schrecken beim Lebensborn gut. Aber wie die anderen „germanisierten“ Mädchen aus Polen durfte auch sie trotz des Wunsches ihrer Pflegemutter nicht adoptiert werden. Der Grund: „Wir sollten nordische Kinder für Himmler zur Welt bringen. Dafür war der Lebensborn. Erst haben sie die Frauen nach rassischen Kriterien ausgesucht. Diese jungen Mädchen mussten mit einem SS-Mann ein Kind zeugen.“

Babara Paciorkiewicz ist überzeugt, dass auch für sie dieses Schicksal bestimmt war: „Das gleiche war bei Rossmanns, die mich auch nicht adoptieren durften.“

Halina Jaschemska kehrte erst fünf Jahre nach dem Krieg nach Polen zurück - so lange dauerte die Suche nach ihren Eltern. Es war eine Rückkehr in die Fremde. Sie sprach kein Wort Polnisch mehr. Nach dem Krieg ereignete sich ein weiteres Familiendrama. Der Vater war von Russen verschleppt worden und kehrte erst mehrere Jahre später zurück. Er heiratete eine andere Frau, da er annahm, dass seine Frau und die Kinder tot seien.

In Polen bekamen viele Kinder durch die Nazis eine neue Identität, die „neuen Namen“ sollten sich möglichst dem Stamm entlehnen und den Klang behalten. Wenn eine „Verdeutschung“ der bisherigen Namen nicht möglich war, wurden neue vergeben.

So wurde aus Roman Roszatowski, der auch nach Lemgo verschleppt wurde, Hermann Lüdeking. Sein Geburtsort wie das Geburtsdatum wurden so verändert, dass keine Rückschlusse auf seine Herkunft mehr möglich sind. Bis heute sucht er nach seiner Familie und weiß nichts über seine Eltern.

Auf einen gerechten Ausgleich für das erlittene Unrecht warten die Opfer vergeblich. Hermann Lüdeking kämpft seit Jahren für eine Entschädigung, er hat wenig Verständnis für die Bundesregierung. Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble ließ am 7. Juni 2013 in Stockach verlauten: „In Wahrheit können wir nicht Leid durch Geld 70 Jahre später ausgleichen. Wir können nur etwas ausgleichen, wenn es tatsächlich belegbare Ansprüche gibt.“ Das Schicksal von Hermann Lüdeking alias Roman Roszatowski lässt sich soweit belegen, dass er nachweislich aus dem polnischen Lodz entführt und schließlich seine Herkunftsdaten durch den nationalsozialistischen Verein „Lebensborn“ gefälscht wurden. Nach dem Tod seines Pflegevaters nahm er seiner Pflegemutter Maria Lüdeking die Lebensborn-Akten weg, die sie vor ihm viele Jahrzehnte unter Verschluss gehalten hatte. Danach habe die ehemalige BDM-Führerin nichts mehr von ihm wissen wollen.

Trotz intensiver Nachforschungen konnte Lüdeking nichts über seine polnischen Wurzeln in Lodz herausfinden. „Man hat uns einfach vergessen. Schlichtweg ignoriert man dieses Kapitel heute“, so Lüdeking. Diese Kriegsverbrechen wolle die Bundesregierung bis heute nicht entschädigen und sie verweigere den geraubten Kindern die Anerkennung des erlittenen Unrechts.

Die Opfer suchen Hilfe und finden Fürsprecher. Der Verein „geraubte Kinder - vergessene Opfer“ in Freiburg hat sich eingeschaltet und insgesamt drei Petitionen eingereicht - alle wurden abgelehnt. „Die Bundesregierung gesteht den geraubten Kinder weder eine Anerkennung noch ein Schmerzensgeld zu, obwohl viele von ihnen immer noch unter den Folgen der gewaltsamen Entführung leiden. Vor dem Hintergrund, dass NS-Täter und SS-Angehörige bis zum heutigen Tag eine Kriegsopferentschädigung erhalten und die Opfer des Massenraubs überhaupt nichts, ist diese Ablehnung ein Skandal“, schreibt der Verein auf seiner Website.

Ihr Schicksal wollen zwei, die als Kinder nach Lemgo verschleppt wurden, einer breiten Öffentlichkeit vorstellen. Hermann Lüdeking will zur Ausstellungseröffnung nach Lemgo kommen, und Barbara Paciorkiewic hat sich vorgenommen, im März im Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo ihre Lebensgeschichte zu erzählen.

Am Samstag, 17. Januar, wird die Wanderausstellung „geraubte Kinder“ um 18 Uhr im Hexenbürgermeisterhaus Lemgo, Breite Straße, eröffnet. Bis März ist sie zu sehen. Mehr Informationen gibt es unter www.geraubte.de.

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