Berthold L. Flöper über freie Presse

Guter Lokaljournalismus muss Menschen ernst nehmen

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Unsere Werte durch Aufklärung schützen: Berthold L. Flöper, hier beim 18. Forum Lokaljournalismus 2010 in Dortmund. - © Hans Blossey
Unsere Werte durch Aufklärung schützen: Berthold L. Flöper, hier beim 18. Forum Lokaljournalismus 2010 in Dortmund. (© Hans Blossey)

Kreis Lippe (Gastbreitag). Ein breites Bündnis aus Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und der LZ ruft für Samstagnachmittag, 14 Uhr, zu einer Demonstration „Lippe für Demokratie und Meinungsfreiheit“ in Detmold auf. Berthold L. Flöper von der Bundeszentrale für politische Bildung hat sich im Vorfeld mit der Rolle der Lokalzeitung befasst.

„Eine freie Presse, nicht von der öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfene Presse ist ein Wesenselement des freiheitlichen Staates; insbesondere ist eine regelmäßig erscheinende politische Presse für die moderne Demokratie unentbehrlich.“ Im „Spiegel-Urteil“ vom 4. August 1966 hat dies das Bundesverfassungsgericht noch einmal unterstrichen. Gerade im Lokalen kann jeder Bürger erfahren, was es heißt, eine „funktionierende Presse“ zu haben – eine, die genau hinschaut, analysiert, hinterfragt. Wie gut ist der Lokaljournalismus aufgestellt? Ist er in der Lage, die Missstände – frei von wirtschaftlichen und politischen Zwängen – aufzudecken und zu benennen? Guter Lokaljournalismus muss Stellung beziehen. Wie gefährlich das sein kann, hat der Brandanschlag auf die „Hamburger Morgenpost“ gezeigt.

Nicht nur um den Rücken der engagierten Journalisten zu stärken und ihre Arbeit vor Ort zu verbessern, hat die Bundeszentrale für politische Bildung vor 40 Jahren ein Extra-Programm für Lokaljournalismus entwickelt. Es stand immer wieder im Vordergrund, dass die Lokalzeitung durch klare Konzepte, Diskussionen und Dialoge das Stadtgespräch anregen kann und dabei nichts unter den Teppich kehren oder schönreden muss. Dazu gehören das Ernstnehmen von Meinungen, das Transportieren von Fakten und das Auflösen von Vorurteilen.

Gerade im Lokalen, da wo man sich kennt, kann man konkret diffuse Ängste überwinden. Wo allerdings Grenzen überschritten werden, muss die Zeitung auch klare Kante zeigen. Über das hohe Gut der Pressefreiheit zu sprechen und uns das in der Gesellschaft immer wieder bewusst zu machen, war die Absicht einer Veranstaltung, die die Bundeszentrale für politische Bildung mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger anlässlich des 65-jährigen Bestehens des Grundgesetzes im Jahr 2014 veranstaltet hat.

Wie schnell die Pressefreiheit bedroht werden kann, hat uns nun der Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ schmerzlich gezeigt. Quintessenz: Aufklärung ist das Mittel, über das sowohl die Presse als auch die politische Bildung verfügen, um unsere Werte zu schützen. Die Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger von der „Süddeutschen Zeitung“ brachte es auf dieser Tagung auf den Punkt: „Guter Journalismus kann nur aufwändiger Journalismus sein. Sie müssen sich Mühe machen, Akten zu studieren, auch bei den kleinen Skandalen vor Ort. Sie müssen mit den Leuten reden, das Besondere einfangen.“ Und: „Journalisten sollen sich nicht vorschnell eine Meinung bilden. Vorsicht vor steilen Thesen.“Pressefreiheit zu leben, bedeutet für Lokaljournalisten, Mut und Verantwortung miteinander in Einklang zu bringen. Mut, weil es ja immer wieder darum geht, mit kritischem Blick durch die eigene Gemeinde zu gehen, kritische Fragen zu stellen und in einem Kommentar Kritik zu üben. Verantwortung, weil es nicht darum geht, wahllos drauflos zu hauen, sondern Kritik mit Fairness und Respekt dem anderen gegenüber zu üben. Die Journalisten sind heute – so meine Einschätzung – sehr wohl bereit und auch durch ihre Ausbildung dazu in der Lage, diese Gratwanderung gut zu meistern. Vor allem bei der Pegidabewegung haben sie insgesamt einen kühlen Kopf bewiesen. Sich dafür als „Lügenpresse“ beschimpfen zu lassen, ist unangemessen und zu Recht als Unwort des Jahres gekürt. Dieser Begriff ist unsäglich und wurde immer von denen im Munde geführt, die nichts von Demokratie halten. Ungeachtet dieser Schmähkritik sollten sich aber auch Journalisten selbstkritisch befragen: Ist in der Vergangenheit alles richtig gelaufen bei der Berichterstattung über die Integration oder Nichtintegration der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger? Wir kennen alle die netten Fotos von Multikultifesten. Spiegeln sie die Wirklichkeit? Der Lokaljournalist sitzt auch hier zwischen allen Stühlen, einerseits mögen die Leser eine Dauerkritik nicht und andererseits reagieren sie sehr sensibel, wenn sie mutmaßen, es werde etwas von der Presse unter den Teppich gekehrt. Da helfen Fakten und Transparenz und ein erarbeitetes Selbstbewusstsein, damit die Leser wissen, die Redaktion wagt es, heiße Eisen anzufassen und das Meinungsspektrum breit zu halten. Dazu gehört es auch, Kritik von den Lesern aushalten zu können.

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