Verlängerung der Zulassung für Glyphosat stößt auf Unverständnis

Heidi Stork

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Kreis Lippe. Das weltweit verbreitete Pflanzenschutzmittel "Glyphosat" – besser bekannt als „Round up“ – hat eine EU-Zulassung für weitere zehn Jahre bekommen. Die Entscheidung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) in Berlin ist bei Gästen einer Veranstaltung mit dem Titel „Glyphosat in aller Munde“ im Lemgoer Institut für Lebensmitteltechnologie auf Unverständnis gestoßen.

Der BUND-Kreisverband Lemgo hatte Dr. Peter Hamel als engagierten Kämpfer gegen den Einsatz des Unkrautgiftes in die Hochschule OWL eingeladen. Etwa 100 Gäste, darunter Vertreter aus der Landwirtschaft, lauschten gebannt dem ausführlichen Bericht des Agrarwissenschaftlers, der zunächst die Wirkweise des Totalherbizids Glyphosat beschrieb. Diese beruhe auf der Hemmung eines Enzyms, das für den Aufbau von Eiweißbausteinen zuständig sei. Fehle dieses Enzym, komme es zum Wachstumsstillstand und die Pflanze sterbe ab.

Glyphosat galt Jahrzehnte lang als unbedenklich, weil Menschen und Tiere dieses Enzym nicht besitzen. Unter Wissenschaftlern ist jedoch eine heftige Auseinandersetzung entbrannt: Ist das Unkrautgift wirklich harmlos oder krebserregend? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Glyphosat als „wahrscheinlich krebserzeugend beim Menschen“ eingestuft.

Und auch Referent Dr. Peter Hamel machte in seinem Vortrag kein Hehl daraus, was er von dem Pflanzenschutzmittel hält. „Glyphosat verändert massiv das Bodenleben und hat mehr Auswirkungen auf unsere Gesundheit, als die Industrie zugibt“, ist der Wissenschaftler, der gleichzeitig auch Landwirt ist, überzeugt. Viele seiner Ansichten fußten auf einer argentinischen Studie, der zufolge habe das Pflanzengift unter anderem eine antibiotische Wirkung. Bei täglicher Aufnahme von Glyphosat über Lebensmittel sei eine Zunahme von Multiresistenzen dringend zu überprüfen.

„Hier scheint sich ein erheblicher ,Hotspot‘ der bakteriellen Evolution aufzutürmen“, unterstrich Hamel und forderte die Politik auf, den Eintrag von Glyphosat in die Nahrungskette sofort zu stoppen. Im Anschluss an den Vortrag gab es kontroverse Meinungen zum Thema. Dieter Hagedorn, Vorsitzender des Lippischen Landwirtschaftlichen Hauptvereins, wollte es genau wissen: „Wollen Sie andeuten, dass das BfR nicht neutral arbeitet?“, fragte er ungläubig. Er stelle das gesamte Zulassungsverfahren in Frage, erwiderte Hamel. Dirk Sprute, Pflanzenschutzberater bei der Landwirtschaftskammer, der selbst regelmäßig Zulassungsversuche vornimmt, ging diese Behauptung zu weit. In der weiteren Diskussion kamen generationsübergreifende Erbgutschädigungen ebenso zur Sprache wie gentechnisch veränderte Futtermittel oder eventuelle Risiken für die Bienenpopulation.

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