Interview: Konfliktforscher spricht in Bad Meinberg über den IS

Marianne Schwarzer

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Eine zerstörte Welt: Weil ihre Heimat immer mehr zum Schlachtfeld wird, wie dieses Bild aus Damaskus zeigt, sind die Hälfte der Syrer im eigenen Land und jenseits seiner Grenzen auf der Flucht. - © Mohammed Badra, dpa
Eine zerstörte Welt: Weil ihre Heimat immer mehr zum Schlachtfeld wird, wie dieses Bild aus Damaskus zeigt, sind die Hälfte der Syrer im eigenen Land und jenseits seiner Grenzen auf der Flucht. (© Mohammed Badra, dpa)

Kreis Lippe. Der Friedens- und Konfliktforscher Dr. Jochen Hippler wird am Mittwoch ein Studienseminar am Europäischen Zentrum für Universitäre Studien der Senioren OWL in Bad Meinberg leiten. Sein Thema: Der Islamische Staat. Im Vorfeld sprach die LZ mit ihm.

Dr. Hippler, Sie sind Konfliktforscher. Mit wie vielen Fronten hat Deutschland derzeit zu tun?

Hippler: Das ist schwer zu beantworten. Mein erster Impuls ist: Der erste Kampf geht immer gegen sich selber. Deutschland ist derzeit so zerrissen zwischen einer teilweise naiven Hilfskultur und einem Rückfall in rassistische Denkweisen. Da müssen wir uns fragen: Wer sind wir eigentlich? Ist unser Gerede von den Menschenrechten nur was für Schönwetterzeiten? Und in der Folge müssen wir uns fragen, was die Hilfe, die wir aus Deutschland in die Krisenregionen schicken, eigentlich bewirken soll.

Sollte Deutschland sich denn lieber abwenden?

Hippler: Das können wir nicht. Syrien, Libyen, der Jemen – das ist alles ziemlich nah. Von den 22 Millionen Syrern sind die Hälfte auf der Flucht. Man kann nicht so tun, als wenn wir damit nichts zu schaffen hätten.

Wie konnte das Ganze so eskalieren?

Hippler: Wenn Sie die gesamte Region betrachten, dann sind das die Folgen einer gescheiterten Außenpolitik. Wir haben in den vergangenen Jahren Diktatoren an uns gebunden, und die Konflikte haben sich aufgestaut.

Wie meinen Sie das?

Hippler: Naja, denken Sie beispielsweise an den Irak. Die Technologie für das Giftgas, das dort verwendet wurde, kam aus Deutschland. Die Kanzlerin hat neulich noch gesagt, dass Saudi Arabien ein Anker der Stabilität ist. So kann man das natürlich sehen, aber gerade die Haltung Saudi Arabiens ist eines der Probleme in der Region.

Und jetzt übt Frau Merkel den Schulterschluss mit Erdogan in der Türkei.

Hippler: Da gibt es zwar teilweise noch demokratische Strukturen, aber wenn Sie dann an die Einschränkung der Pressefreiheit denken, sind die Zeichen bedenklich. Erdogan ist nützlich, um das Flüchtlingsproblem wegzuschieben, aber wenn sie das zu lange machen, dann stärkt ihn das.

Wird der Pakt mit der Türkei wirklich das Flüchtlingsproblem in Europa lösen?

Hippler: Nein. Der Chef von Frontex hat vor einem Jahr gesagt, so lange das Sterben in Syrien weitergeht, werden Flüchtlinge kommen.


Aber wie lässt sich das Sterben in Syrien stoppen?

Hippler: Da werden Sie weder einer außenpolitische noch eine militärische Lösung finden, der Zug ist schon entgleist. Das wird sich erst geben, wenn der Krieg dort weniger profitabel ist als der Frieden.


Aber was können wir in Europa tun?

Hippler: Man kann nur humanitäre Hilfe leisten und versuchen, den Flüchtlingen woanders eine Lebensgrundlage zu bieten.

Information
Persönlich

Dr. Jochen Hippler (60) ist Friedensforscher am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen. Er war Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag von 1985–1990 und 1998/1999, ist mit einer Iranerin verheiratet und regelmäßig im Nahen Osten unterwegs.

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