Blitzmarathon am 21. April in Lippe: Zwei Menschen schildern ihre Unfälle

Astrid Sewing

  • 0
Eindrucksvoll: Denise Reipke und Michael Steiger schildern, was sich nach einem schweren Unfall bei ihnen verändert hat. Sie wollen andere zum Nachdenken bringen und haben deshalb zugestimmt, als die Polizei sie darum gebeten hat, über ihre Erfahrungen zu berichten. - © Bernhard Preuß
Eindrucksvoll: Denise Reipke und Michael Steiger schildern, was sich nach einem schweren Unfall bei ihnen verändert hat. Sie wollen andere zum Nachdenken bringen und haben deshalb zugestimmt, als die Polizei sie darum gebeten hat, über ihre Erfahrungen zu berichten. (© Bernhard Preuß)

Kreis Lippe. Das Gefühl von Freiheit, der Spaß an der Geschwindigkeit – vor allem jungen Fahrern wird diese Kombination laut Unfallstatistik zum Verhängnis. Die Polizei will mit dem Blitzmarathon am Donnerstag, 21. April, Raser ausbremsen und hat Denise Reipke und Michael Steiger gebeten, ihre Geschichten zu erzählen. Beide sind in Brüntorf schwer verunglückt.

Und beide Geschichten beginnen damit, dass die Zeit knapp wurde. Denise Reipke war am 28. Dezember mit ihrem Vater verabredet, ein Arbeitskollege wollte aber, dass sie ihn vorher noch nach Hause bringt. „Ich wollte das eigentlich nicht, aber konnte es auch nicht abschlagen. Ich stand unter Stress", sagt sie. In Brüntorf in einer scharfen Kurve kam ihr dann ein Peugeot entgegen. „Ich dachte nur: Das passt nicht." Sie erinnert sich, dass sie wusste, dass es passiert, dass sie die Hände hochgerissen hat. Dann ist da nichts mehr. Ihr Twingo kracht frontal in den Peugeot. Der Wagen rast in den Graben, der Airbag löst aus. „Es hat furchtbar gestunken, das Auto war so alt." Die damals 18-Jährige kämpft sich aus dem Auto, ihr Beifahrer schafft es ebenfalls, klappt zusammen.

„Das konnte ich gar nicht realisieren. Erst später habe ich erfahren, dass im anderen Auto vier Leute saßen, dass sie zum Glück nur leicht verletzt waren", sagt die junge Frau. Auch sie kommt augenscheinlich mit Blessuren davon, aber die Spätfolgen machen ihr auch drei Jahre später noch zu schaffen. Wochenlang habe sie das Gefühl gehabt, ihre Brust werde zusammengedrückt, Atemprobleme kamen hinzu und die seelische Belastung. „Es ist ein Augenblick, der alles verändert. Ich frage mich täglich, was ich hätte anders machen können. Ich gebe mir die Schuld an dem Unfall."

Ihr Kollege rede bis heute nicht mit ihr, ihre Familie sorge sich um sie, wenn sie mit dem Auto unterwegs ist. In der Anfangszeit habe sie ständig ihr Handy im Auge haben müssen, „weil meine Familie wissen wollte, wo ich war". „Das war für mich auch ein herber finanzieller Verlust, denn ich konnte mir erst kein Auto kaufen. Die Strecke bin ich monatelang nicht gefahren. Den Job habe ich ebenfalls damals verloren", zählt sie auf. Was sie heute anders macht? „Ich fahre defensiver und nehme mir mehr Zeit. Wenn ich zu spät komme, dann ist mir das egal."

Michael Steiger sieht das ebenso. Am 11. Mai ist er mit seinem Ford Ka unterwegs gewesen, weil er Pizzen ausliefern wollte. „Ich hatte Spaß an der Geschwindigkeit und testete Grenzen aus. Allerdings hatte ich damals gar nicht das Gefühl, dass es gefährlich werden konnte", sagt er. Er weiß noch, dass er in die Kurve reinfuhr, dass er merkte, dass er die Kontrolle verlor, gegenlenkte und sich der Ka überschlug. 80 Meter schleuderte das Auto, auf dem Feld blieb es liegen.

„Überall war Rauch und Blut. Ich bin zur Straße gehumpelt, aber der erste Wagen ist einfach vorbei gefahren", sagt der 21-Jährige. „Es war total aberwitzig, ich habe nur daran gedacht, meinen Chef anzurufen, weil ich ihm sagen wollte, dass es später wird." Dann habe ein Autofahrer angehalten und ihm geholfen. Im Krankenhaus habe er realisiert, dass er eine tiefe Wunde am Arm hatte und ein Stück Muskel aus der Wade gerissen war. „Ich konnte monatelang nicht richtig laufen, und das war für mich das Schlimmste, denn ich treibe gerne Sport", stellt er fest. Seine Familie habe ihm bei allem helfen müssen und sei auch später sehr in Sorge gewesen, wenn er unterwegs war.

„Ich hatte keine Probleme damit, das Geschehene zu verarbeiten, hatte keine Alpträume oder so etwas. Aber ich denke heute anders und fahre nicht mehr so wie früher." Seinen Fehler bezeichnet er als „jugendlichen Leichtsinn". Es sei einfach schön gewesen, mit 18 Jahren überall hinzukommen, das Auto vermittle ein Gefühl der Freiheit. Die Gefahr sehe man nicht, blende sie schnell aus.

Wenn er mit seinen Freunden unterwegs ist, dann redet er nicht über den Unfall. Als Beifahrer habe er aber schon auch Probleme. „Ich habe mal darauf hingewiesen, dass mein Freund langsamer fahren soll. Als er nur gelacht hat, bin ich laut geworden – das hat gewirkt", sagt er.

Polizei setzt auf Prävention

Die Polizei zählt das Projekt „Crash Kurs NRW", wo die Folgen eines Unfalls vor jugendlichem Publikum drastisch geschildert werden, und den Blitzmarathon, der zum neunten Mal am 21. April stattfindet, zu den wirksamen Präventionsmaßnahmen. „Wenn wir den machen, stellen wir fest, dass zwei Wochen langsamer gefahren wird", stellt Polizeirätin Jennifer Brink fest.

Gerade die Jüngeren seien gefährdet. Im vergangenen Jahr wurden 8.829 Verkehrsunfälle aufgenommen, 16 Menschen starben. Drei von ihnen waren im Alter zwischen 18 und 24. Jeder fünfte Verunglückte gehörte ebenfalls dieser Altersgruppe an. Weil überhöhte Geschwindigkeit Unfallursache Nummer eins ist, habe man Unfall-Opfer angesprochen und sie gebeten, ihre Erfahrungen öffentlich zu schildern – in allen Altersklassen, wie Brink betont.

Allerdings habe man bei den Älteren nur Absagen bekommen. „Dass gerade zwei junge Menschen dazu bereit waren, kann man gar nicht genug loben. Es gehört großer Mut dazu."

Video auf YouTube

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2021
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare