Lippische Bauern verschlafen Trend zu Bioprodukten

Erol Kamisli

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Am Regal vor der Wahl: Die Biomilch aus der Eben-Ezer-Molkerei in Lippe steht unter dem Zeichen Lippequalität für regionales und nachhaltiges Wirtschaften. - © Bernhard Preuß
Am Regal vor der Wahl: Die Biomilch aus der Eben-Ezer-Molkerei in Lippe steht unter dem Zeichen Lippequalität für regionales und nachhaltiges Wirtschaften. (© Bernhard Preuß)

Kreis Lippe. Die landwirtschaftlichen Betriebe geraten immer stärker in eine existenzgefährdende Situation, hat Dieter Hagedorn, Vorsitzender des Lippischen Landwirtschaftlichen Hauptvereins, die Situation in Lippe vor einigen Tagen in der LZ analysiert. „Viele Bauern kämpfen um die Existenz." Darunter seien viele Milchbauern, die teilweise weniger als 20 Cent pro Liter von den Molkereien erhielten. Ein Erzeugerpreis von etwa 40 Cent pro Liter wäre nötig, um kostendeckend zu wirtschaften.

Kritik an diesen Aussagen kommt nun von Willi Hennebrüder vom BUND in Lemgo: „Das Verhalten der Landwirte in OWL kann kaum widersprüchlicher sein." Über all die Jahre habe der Bauernverband den Landwirten empfohlen, die Viehbestände aufzustocken, damit wirtschaftlicher produziert werde. „Die Bauern sind dieser Empfehlung gefolgt und stehen nun vor dem selbst angerichteten Scherbenhaufen ihrer Verbandspolitik", kritisiert Hennebrüder.

Auch die Kritik an den Einzelhandelsketten lenke nur von den eigenen Fehlern ab. Die seien Teil des freien Marktes und reagierten nur auf das Überangebot von Milch und Fleisch. Doch Hagedorn und andere Verbandsvertreter befürworteten – im Gegensatz zu den Konzepten einer freien Marktwirtschaft – die Dauersubventionierung ihres Berufsstandes mit etlichen Milliarden Euro aus EU- und Landesmitteln. „Nur so ist es möglich, dass landwirtschaftliche Produkte aus Deutschland nach Asien, Afrika oder in Ostblockstaaten exportiert werden können", so Hennebrüder.

Die einzige Lösung sei Qualität; die entscheide über den Erfolg eines Produktes. Denn immer mehr Verbraucher legten Wert auf hohe Qualität und kauften Bioprodukte. „Doch der Trend zu Bioprodukten wird in OWL verschlafen und die Folgen des geänderten Verbraucherverhaltens werden nicht registriert", sagt Hennebrüder. Da heimische Landwirte keine hochwertigen Produkte liefern könnten, kaufe der Einzelhandel immer mehr Bioprodukte aus dem Ausland ein. Unternehmen wie Eben-Ezer in Lemgo suchten dringend nach Landwirten, die umsteigen und Biomilch liefern. Dort werde den Erzeugern ein Preis gezahlt, mit dem sie gut leben können.

Dies bestätigt Albrecht Flake, Leiter der Eben-Ezer-Molkerei: „Wir zahlen pro Liter Biomilch 45 bis 50 Cent." Die Nachfrage nach Biomilch könne derzeit nicht gedeckt werden. Nach langer Suche habe die Stiftung, die auf dem eigenen Hof 75 Milchkühe hält, einen Milchbauern in Detmold gefunden, der nun nach Biokriterien liefere. „Mit dem neuen Partner erhöhen wir unsere Produktion um fast 100 Prozent", sagt Flake.

Da die Molkerei künftig neben Milch auch Butter, Quark und Käse anbieten wolle, sei er derzeit immer noch auf der Suche nach neuen heimischen Partnern, die Biomilch liefern könnten. „Der Biomarkt bietet derzeit viel Potenzial", sagt Flake.

In den vergangenen Jahren habe sich das Unternehmen über ein jährliches Absatzwachstum von knapp zehn Prozent gefreut. „Diesen Trend wollen wir halten und ausbauen, daher brauchen wird mehr Biomilchbauern" meint Flake.

Hagedorn weist Vorwürfe zurück
Die Kritik an der Milchpolitik des Bauernverbandes weist Dieter Hagedorn energisch zurück: „Die Markt- und Preiskrise hat ihre Ursachen in politischen Entscheidungen und in wirtschafts- wie marktpolitischen Entwicklungen." Dazu gehörten die Kaufkraftverluste in den Golfstaaten, eine sinkende Nachfrage aus China und das Importembargo Russlands. Auch die Kritik, dass der Verband und die Mitglieder Entwicklungen am Biomarkt verschlafen hätten, stimme nicht. „Bio ist eine gute Sache, eignet sich aber nicht für jeden Betrieb", so Hagedorn. Einfach so auf Bio umzustellen, gehe nicht. Eine Neuausrichtung sei mit Investitionen verbunden.

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