Interview mit Psychiater Christoph Middendorf über Angstgefühle

Marianne Schwarzer

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Psychiater Christoph Middendorf plädiert dafür, Angst nicht grundsätzlich zu verteufeln, sondern ihren biologischen Ursprung anzuerkennen. Doch man müsse angemessen mit dem Gefühl umgehen. - © Bernhard Preuß
Psychiater Christoph Middendorf plädiert dafür, Angst nicht grundsätzlich zu verteufeln, sondern ihren biologischen Ursprung anzuerkennen. Doch man müsse angemessen mit dem Gefühl umgehen. (© Bernhard Preuß)

Kreis Lippe. Paris, Nizza, München - spätestens seit Ansbach ist klar, dass Anschläge, gleich welchen Hintergrunds, auch in ländlicher Idylle passieren können. Wie können wir verhindern, dass die Angst uns beherrscht? Das wollte die LZ von Dr. Christoph Middendorf wissen, dem Interimsleiter der Oberbergklinik Extertal-Laßbruch.

Herr Middendorf, was ist Angst?

Middendorf: Angst ist ein Gefühl, das uns auf Gefahren hinweisen und den Körper auf Flucht vorbereiten soll. Es gibt ein Kerngebiet im Gehirn, die Amygdala, das die Angstreaktion hervorruft, ohne dass wir sie kontrollieren können.

Was macht uns Angst?

Middendorf: Das ist sowohl genetisch als auch biografisch bedingt. Ursprünglich waren es natürliche Feinde, etwa der Säbelzahntiger, die eine reale Bedrohung darstellten. Dazu kommen Faktoren, die wir individuell als bedrohlich empfinden: Das kann für einen schüchternen Menschen ein Auftritt vor großem Publikum sein.

Ah, der berühmte Schweißausbruch. Was genau passiert da?

Middendorf: Das limbische System reagiert, der Blutdruck steigt, der Puls beschleunigt sich und prophylaktisch beginnen wir zu schwitzen, um uns für den Fall einer Flucht Kühlung zu verschaffen.

Aber wir fliehen selten tatsächlich. Was bringt uns dazu, zu bleiben?

Middendorf: Unser Frontal- und Großhirn hilft uns, mildernd auf das limbische System einzuwirken und angemessen mit der Situation umzugehen.

Nun haben wir lernen müssen, dass Gefahr auch im Alltag drohen kann. Stehen wir kurz vor einer Massenhysterie?

Middendorf: Ich denke nein. Wenn wir das Gefühl bekommen, unsere Sicherheit geht verloren, steigt aber die Angstbereitschaft. Ich wohne in Berlin. Durch das Brandenburger Tor zu gehen, verschafft auch mir Unbehagen.

Wie haben Sie den öffentlichen Umgang mit den jüngsten Anschlägen empfunden?

Middendorf: Eigentlich ganz gut. Es gab eine große Transparenz. Und es war wichtig zu sagen, dass es keine hundertprozentige Sicherheit geben kann.

Den Reaktionen zufolge, beispielsweise in sozialen Netzwerken, geht das auch anderen so.

Middendorf: Ja. Dass Menschen sich bedroht fühlen, hat etwas mit unserer Biologie zu tun. Die erste Angstreaktion erfolgt auf der Ebene der Amygdala. Angst hat leider die Eigenschaft, sich auszuweiten und festzusetzen. An dieser Stelle muss die Gesellschaft sozusagen die Funktion des Großhirns übernehmen und beruhigend wirken. Dazu können übrigens auch die Medien beitragen, beispielsweise mit einer differenzierten Berichterstattung.

Ich bin neulich mal zum Geldabheben in den Vorraum einer Sparkasse gegangen, in dem acht junge Männer standen, offensichtlich Flüchtlinge. Und ich hatte ein flaues Gefühl im Magen. Dann habe ich sie angesprochen, und sie haben mir erzählt, dass sie gerade aus dem Sprachkursus kommen und nun ihre Kontoauszüge abholen. Ich habe mich geschämt wegen meines Unbehagens.

Middendorf: Aber das müssen Sie nicht, denn über diese biologische Reaktion haben Sie keine Kontrolle. Dass Sie die Leute angesprochen haben, ist das Werk Ihres Großhirns. Herzlichen Glückwunsch, das hat alles richtig gemacht. Es geht eben um eine angemessene Umgangsweise.

Die Fragen stellte LZ-Redakteurin Marianne Schwarzer.

 Wir müssen uns nicht schämen

Kommentar von LZ-Redakteurin Marianne Schwarzer

Die meisten von uns, vor allem Frauen, haben schon einmal ein beklemmendes Gefühl verspürt, wenn sie auf der Straße einer Gruppe Männer fremdländischer Herkunft begegnet sind. Wenn Psychotherapeut Christoph Middendorf recht hat, ist das eine instinktive Reaktion, über die wir zunächst keine Kontrolle haben. Wir müssen uns dafür nicht schämen. Wichtig ist, wie wir mit dem Unbehagen umgehen.

Was wir in den vergangenen Monaten seit Beginn der Flüchtlingskrise erfahren haben, beeinflusst natürlich unsere Gefühle. Die Vorfälle von Köln, vermehrt Berichte über Straftaten von Flüchtlingen, gern auch in sozialen Medien gezielt verbreitet, verstärken das Unbehagen. Übergriffe, Diebstähle, islamistische Anschläge – all das passiert. Doch wenn wir – um mit Middendorfs Worten zu sprechen – unser gesellschaftliches Großhirn einschalten, können wir sie in die richtige Relation bringen und angemessen damit umgehen. Wir dürfen unsere Besorgnis zulassen und müssen uns daher nicht schlecht fühlen. Wir müssen nur darauf achten, dass sie uns nicht beherrscht.

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