Rohrreinigung kommt Paar aus Detmold teuer zu stehen

Astrid Sewing

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Verärgert: Als ihr Küchenabfluss verstopft war, ließen sich Dietrich Kölsch und Ingrid Niehaus von der schicken Anzeige in den gelben Seiten locken. Dass die Rechnung auf eine ganz andere Firma lautet ist angesichts ihrer Höhe noch das kleinste Problem. - © Bernhard Preuß
Verärgert: Als ihr Küchenabfluss verstopft war, ließen sich Dietrich Kölsch und Ingrid Niehaus von der schicken Anzeige in den gelben Seiten locken. Dass die Rechnung auf eine ganz andere Firma lautet ist angesichts ihrer Höhe noch das kleinste Problem. (© Bernhard Preuß)

Kreis Lippe. Die Anzeigen in den Gelben Seiten haben sich für ein Unternehmen aus Heuchelheim bei Gießen bereits mehrfach ausgezahlt.

Im Kreis Lippe häufen sich die Klagen, dass die Rohreinigungsfirma den Kunden außerordentlich viel Geld abknöpft. Dietrich Kölsch und Ingrid Niehaus mussten rund 1000 Euro zahlen, obwohl sie die Verstopfung schon selbst beseitigt hatten.

In Lage hatte das Unternehmen flugs Stellen geflickt – auch im öffentlichen Kanalnetz: 8000 Euro hat ein Anlieger gezahlt. Im Mai lief der Abfluss in der Küche über und Dieter Kölsch suchte in den Gelben Seiten einen Handwerksbetrieb. „Da war eine ganze Seite mit Vorwahlen aus Lippe, entsprechend dachten wir, dass die auch eine Niederlassung hier haben", sagt Dietrich Kölsch.

Am Telefon fragte er nach, was denn die Beseitigung der Verstopfung kosten könnte. „Es hieß, es wird nach Metern abgerechnet, und wir sollten bar bezahlen", sagt seine Frau Ingrid Niehaus. Also legte das Paar 500 Euro bereit, und bis die Monteure kamen, beseitigte Kölsch die Verstopfung.

Trotzdem wollte er die Sache prüfen lassen. Die beiden Monteure, die kurze Zeit später kamen, empfahlen den Einsatz einer Kamera und eine Druckluftreinigung. Die Rechnung unter dem Kopf „SOS-Umweltdienst" belief sich auf 1000 Euro.

„Ich habe darauf hingewiesen, dass wir nicht den Umweltdienst, sondern Martins Rohrreinigung bestellt hatten, aber das haben die abgetan. Die haben gewartet, bis ich Geld von der Sparkasse abgeholt hatte. Erst nachher haben wir gesehen, dass sie Monteursstunden und Meter abgerechnet hatten, und letztere auch noch mehrfach – die Kamera jeden Meter runter und jeden auch herauf", sagt Niehaus.

Das Paar hat versucht, mit der Firma Kontakt aufzunehmen und ein Einschreiben mit Rückschein an die Unternehmensadresse geschickt.

„Da kam nichts. Ein paar Wochen später gab es die neue Ausgabe der Gelben Seiten und diesmal eine ganzseitige Anzeige für Rohrreinigung Kraus. Es sind die gleichen Nummern in Lippe, die jetzt aber mit Sternchen versehen sind." Ganz unten ist der Hinweis zu finden, dass die Anrufe weitergeleitet werden, an dieselbe Adresse.

Auf das Treiben der Firma aus Heuchelheim ist auch die Stadt Lage aufmerksam geworden. „Wir haben in Pottenhausen einen Schacht kontrolliert und Flicken bemerkt", sagt Tiefbauingenieur Sven Anders.

Die Recherche führte zu einer Hausgemeinschaft, die ebenfalls Martins Rohrreinigung beauftragt und 8000 Euro für Hausanschluss- und Kanalsanierung gezahlt hatte. „Der Anschluss war nicht kaputt. Und ein Fachmann hätte das Rohr mit einem Inliner ausgekleidet und gewusst, dass er im öffentlichen Kanalnetz nicht reparieren darf. Das ist Sache der Stadt, und das geht auf unsere Rechnung", sagt Anders.

Die Pottenhauser hätten zu viel bezahlt. „Für das Geld hätten die alles aufgraben können. Wenn sie Pech haben, dann halten die Flicken nicht und sie können für ihren Bereich noch einmal zahlen."

Anders empfiehlt, auf gar keinen Fall ad hoc Sanierungsaufträge zu vergeben und besser den Service der Stadt zu nutzen. „Wir beraten unabhängig und können auch überschlagen, was auf die Leute zukommt", sagt der Tiefbauingenieur.

Die LZ hat bereits im Februar über einen Fall in Detmold berichtet, anschließend meldeten sich mehrere Betroffene. Die Mail-Anfragen der LZ zur Abrechnungspraxis wurden nicht beantwortet, Rückrufbitten wurden ignoriert.

Ein Anruf unter der Salzufler Nummer von Martins Rohrreinigungsservice führte nun aber zum Erfolg. Der Mitarbeiter, der seinen Namen nicht nennen wollte, wollte „das an die Presseabteilung weitergeben".

Im Hintergrund war deutlich ein lautes Schimpfen zu hören. Mit „Wir verbieten Ihnen, hier noch einmal anzurufen. Da gibt es nichts zu sagen" beendete der Mitarbeiter das Gespräch.

Kommentar: "Abzocke wird zu leicht gemacht"

von Astrid Sewing

Der Abfluss läuft über, und automatisch sucht man die Nummer eines Notdienstes – das ist menschlich, aber eben nicht besonders schlau. Denn gerade diese Notlagen sind es, die dubiose Firmen für ihre Zwecke ausnutzen.

Im Kreis Lippe haben sich bereits auf den ersten Artikel in der LZ mehrere Betroffene gemeldet, in einem Fall war die Firma aus Heuchelheim von einem heimischen Handwerksbetrieb auch noch empfohlen worden – weil sie gute Arbeit abliefere.

Am Ende stand auch hier eine deutlich überzogene Rechnung und die Erkenntnis, dass es wohl branchenintern auch noch Informationsbedarf gibt.

Das verwundert, denn die Firma aus Hessen ist seit Jahren mit der Masche in immer unterschiedlichen Gebieten aktiv, es gibt viele Artikel und eine Dokumentation, die im März im Fernsehen lief. Das alles hilft offensichtlich nur bedingt.

Dabei wäre es einfach, die schwarzen Schafe auszusortieren. Nicht nur die Verbraucherschützer müssten informieren, auch die Handwerkskammern und Verbände müssten viel offensiver reagieren und klagen.

So bleibt der Schwarze Peter bei denen, die auf die Werbung reingefallen sind. Sie überlegen sich, ob sich die Klage lohnt oder ob sie am Ende draufzahlen, wenn sie auch noch die Prozesskosten tragen müssen – das Gros wird es als Lehrgeld abbuchen .

Information

Notfallnummern notieren und Vergleichsangebote einholen

Die Verbraucherzentrale rät, sich die Nummern seriöser Firmen zu notieren und sie bei sich zu tragen.

„Das hilft im Notfall sehr. In jedem Fall sollte man vorher abfragen, woher die Handwerker kommen und was sie berechnen. Drucksen die rum, dann Finger weg", sagt die Leiterin der Verbraucherzentrale Detmold, Dorothea Nolting.

Hat man das abgeklärt und sieht dann doch, dass das Unternehmen von weit außerhalb kommt, könne man den Handwerkern einfach den Zutritt verweigern. Kommt es zum Streit oder fühle man sich unter Druck gesetzt, dann helfe ein Anruf bei der Polizei.

In keinem Fall sollte man bar bezahlen. Nolting: „Wenn Sie mit der Rechnung nicht einverstanden sind, dann laufen Sie Ihrem Geld hinterher. Zahlen Sie nicht bar, dann muss das Unternehmen nachweisen, dass es rechtmäßig abgerechnet hat."

Immer gelte der Grundsatz, dass nur die ortsübliche Vergütung verlangt werden könne. Wie hoch die ist, sei mit einem Vergleichsangebot herauszufinden.

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