So erlebte ich den Prozess um den Ehrenmord an Arzu Özmen

Martin Hostert

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- © Archivfoto: Vera Gerstendorf-Welle
Arzu Özmen (© Archivfoto: Vera Gerstendorf-Welle)

Kreis Lippe. Gefragt nach einer, vielleicht der mich am meisten prägenden Geschichte in der LZ kommen mir viele Bilder in den Sinn. Die vielen – vollkommen zu Unrecht so genannten – „kleinen" Geschichten, die einfach Spaß machen: Gespräche mit interessanten Menschen in unserer Frühstücks-Serie, ein Tag bei den Abwasser-Leuten der Stadt Detmold, der Hilferuf einer Stiftung für einen polnischen Jungen: Ihm wurde Dank Ihrer Leserspenden eine Augen-OP ermöglicht.

Doch diese Bilder werden dann überlagert von der Berichterstattung über den Prozess nach dem Mord an Arzu Özmen im April 2012. Heute vor genau fünf Jahren begann der Prozess gegen fünf ihrer Geschwister.

Die Redaktion hatte vorher viele Monate über den schrecklichen Fall berichtet. Da sind im Herbst 2011 die ersten, noch kleineren Meldungen. Sie fragen nach einem vermissten Mädchen aus Detmold, die Polizei bittet um Hinweise. Später werden die Texte länger, es entwickelt sich der „Fall Arzu Özmen". Unsere Artikel handeln von ergebnislosen Suchaktionen in Remmighausen und Dalborn, von Durchsuchungen in Bielefeld, von auffälligen Autos.

Es wird immer deutlicher: Arzu ist entführt worden. Am 14. Januar 2012 ist klar: Arzu lebt nicht mehr. Sie ist erschossen worden in Norddeutschland, in einem Wald. Die Berichterstattung über das furchtbare Geschehen hält die ganze Redaktion in Atem. Wir sprechen mit Vertretern der jesidischen Gemeinde, mit Arzus Arbeitgeber, mit Menschenrechtsorganisationen, Nachbarn, Anwälten, Pfarrern, Frauenrechtlern. Es gibt Trauermärsche und Mahnwachen.

Dann der Prozess vor dem Landgericht. Es reisen die großen Medien an. Bekannte Journalistinnen von Spiegel und Süddeutscher sind im Saal, Kamerateams von allen möglichen Sendern.

Ein Wort aus dem „Ehrenmord"-Prozess hat sich mir eingebrannt: „Hinrichtung". Es steht am Schluss der fünf Verhandlungstage, und es ist kompromisslos. Der souveräne und besonnene Vorsitzende Richter Michael Reineke lässt mit dieser Wortwahl keine Frage offen: Hinrichtung.

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Arzu war ermordet worden, weil ihre Familie ihre Beziehung zu einem deutschen Freund missbilligt hatte. Erschossen von ihrem jüngsten Bruder. Ein Mord, in Auftrag gegeben vom Vater, in die schreckliche Tat umgesetzt von der Schwester und den Brüdern. Nicht mal der Name der Schwester, „Arzu", hatte in der Familie ausgesprochen werden dürfen. Ihr wurde sogar der Name genommen.

Und es ist der Gutachter, dessen Bericht ich nie vergessen werde: Rechtsmediziner Dr. Bernd Karger aus Münster lässt keinen Zweifel daran, dass das Mädchen mit zwei aufgesetzten Schüssen an die Schläfe kaltblütig getötet worden ist. Kargers wissenschaftlich-nüchtern vorgetragener Bericht erlaubt keine andere Interpretation der Todesursache: Hinrichtung.

Richter Reineke wird am letzten der Verhandlungstage 40 Minuten sprechen. Er lässt keinen Zweifel am „Ehrenmord", spricht harte Urteile. „Wer sie als zu hart empfindet, dem möchte ich die Bilder der toten Arzu zeigen", sagt er. Einer der Brüder muss lebenslang hinter Gitter; die Schwester und ein anderer Bruder zehn Jahre; zwei weitere Brüder fünf Jahre.

Nach dem Urteil reißen die Berichte nicht ab. Es gibt tatsächlich Jesiden, die jeglichen Beweis ignorieren, die den Sachverständigen der Polizei und dem Rechtsmediziner offensichtlich nicht zugehört haben, dem Richter ebenfalls nicht. Eine Ungeheuerlichkeit. Sie sprechen von einem tragischen Unfall, streiten einen Mord ab – auch Monate nach dem Urteil gegen die Geschwister, als das Landgericht den Vater wegen Beihilfe zum Mord zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt.

Zum Herunterladen
  1. Fall Arzu Özmen 23. Januar 2012 - Trauermarsch
  2. Fall Arzu Özmen 26. April 2012
  3. Fall Arzu Özmen 2. Mai 2012 - Erster Prozesstag
  4. Fall Arzu Özmen 8. Mai 2012 - Zweiter Prozesstag
  5. Fall Arzu Özmen 10. Mai 2012 - Dritter Prozesstag
  6. Fall Arzu Özmen 18. Mai 2012 - Die Verurteilung
  7. Fall Arzu Özmen 29. April 2013 - Gedenkstein
  8. Fall Arzu Özmen 29. Juni 2016 - Zwei Brüder kommen frei

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